Geschichte hautnah erlebten Besucher bei einer Führung durch das Stadtarchiv Albstadt mit Archivleiter Nils Schulz (links). Foto: Dunja Kuster

Archivleiter Nils Schulz hat zu einer Führung in das Stadtarchiv eingeladen: Anhand ausgewählter Beispiele hat er Einblicke in die bewegte Geschichte der Stadt und ihrer Teilhabe daran berichtet und über die Arbeit des Stadtarchivs erzählt.

Zu einer Reise in die Vergangenheit Albstadts hat Archivleiter Nils Schulz eingeladen. Mit großer Begeisterung zeigte und erklärte er eine Auswahl an Archivalien – zum Beispiel das Familienregister des späteren Ministerpräsidenten und Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger, das eine Besonderheit aufweist: Die Namen seiner Kinder wurden händisch mit Bleistift eingetragen.

 

Warum so etwas immer noch aufbewahrt wird? Zum einen belegen Dokumente dieser Art, dass es jene Person tatsächlich gibt respektive gegeben hat – und wie diese mit der Region verflochten waren. Zum Beispiel Heinrich von Killer, dessen Urkunde von 1404 laut Schulz die drittälteste im Besitz des Archivs ist.

Dieser hatte sich bemüht, sein Anwesen in Burladingen-Ringingen unter den Schutz der Ebinger Martinskirche zu stellen, für deren Verwaltung er zuständig war. Dazu galt es, die Gunst der Habsburger zu erwerben, die mit dem Aussterben der Grafschaft Hohenberg deren Besitztümer übernahmen – darunter auch die Stadt Ebingen.

Die Arbeit des Stadtarchivs und die Dokumente sind vielschichtiger als gedacht

Zum anderen geben sie weitere Erkenntnisse und Umstände preis: Ein Schreiben von 1939, das die Namen „Israel“ oder „Sara“ als letzte Vornamen vorschreibt, etwa belegt einen Aspekt der Entrechtlichung und Brandmarkung der jüdischen Bevölkerung während des Nationalsozialismus.

Im Personenstandsregister der Familie Hauser aus dem 19. Jahrhundert wiederum werden mehrere Kinder mit demselben Vornamen gelistet, die alle kurz nach der Geburt gestorben sind. „Das könnte einen Hinweis auf die Lebensumstände der damaligen Zeit sein“, meint Schulz. Denkbar wären etwa eine hohe Kindersterblichkeit, Hungersnöte oder mangelnde Hygiene zu jener Zeit – was wiederum Anlass zu weiterer Forschung gibt.

Auch für Jahresrückblicke sind die Albstädter Archivare zuständig

Auch über die Arbeit des Stadtarchivs wusste Nils Schulz einiges zu berichten, die sich nämlich nicht nur auf das Erfassen und Verwalten historischer Dokumente beschränkt. „Früher haben wir Stadtführungen angeboten, heute sind wir unter anderem für die Jahresrückblicke der Stadt zuständig und beteiligen uns auch an Kulturveranstaltungen“, erzählt Schulz. Ein Aufgabenbereich, der öffentlich kaum bekannt ist und angesichts der engen Personallage oft herausfordernd ist. „Aber wir geben unser Bestes.“

Und was, wenn es zum Beispiel einen Brand gibt oder bei Starkregen Wasser in das Archiv eindringen sollte? „In diesem Fall besitzt die Feuerwehr Weilstetten einen speziellen Einsatzplan, nachdem sie verfährt“, erklärt Schulz. In Mitleidenschaft gezogene Dokumente etwa werden schockgefroren, um den Schaden zu reduzieren.

„Die Arbeit geht uns so schnell nicht aus“, sagt Archivleiter Nils Schulz

Aber auch beschädigte Dokumente sind im Keller des Archivs zu finden – zum Beispiel Protokolle des Onstmettinger Gemeinderates, die im Zuge des Rathausbrandes 1932 angesengt wurden. „Die zerbröseln beinahe, wenn sie in die Hand genommen werden“, sagt Schulz. Mittels eines Schadenskatasters werde priorisiert, welche Dokumente wann restauriert werden – denn das Budget dafür sei laut Nils Schulz recht klein.

Und doch ist es eine Arbeit, die der leitende Archivar gerne macht – allen Herausforderungen zum Trotz, denn: Neben Personen und Ereignissen belegt das Archiv auch die Geschichte und Identität der Stadt Albstadt und seiner Teilorte, die im kommenden Jahr ihr 50. Stadtjubiläum feiern. „Die Arbeit geht uns so schnell nicht aus“, resümiert er.