Fachwerk im Kleinen wie im Großen: vorne in den Händen von Dieter Stahl, im Hintergrund in Gestalt eines der schönsten Gebäude der Altstadt, dem Haus Hegel Foto: Ade

Bei einer weiteren Führung im Dornstetter Freizeitsommer tauchten die Teilnehmer mit Dieter Stahl in die Fachwerkgeschichte ein. Sie erfuhren vom Zeitgeist, von Stadtbränden – und dass Arbeitskräftemangel keineswegs ein neues Phänomen ist.

25 Anmeldungen, überwiegend interessierter Dornstetter, darunter Stadtführer Horst Veil, zeugten vom Interesse am Thema Fachwerk. Mit Gerhard Kirschenmann war auch ein Tumlinger gekommen, der Dieter Stahl „schon ewig kennt“, um den Ausführungen des Zimmerermeisters bei der Führung zu lauschen.

 

Schon im vergangenen Jahr hatte Dieter Stahl diese Führung angeboten. Wegen der guten Resonanz lud er jetzt erneut zur Entdeckungsreise durch die Fachwerkstadt ein. Ihm zufolge wurde der Fachwerkbau ab dem 13. Jahrhundert betrieben. Zum einen, weil das Holz vor Ort zur Verfügung stand, zum anderen als Weiterentwicklung des Pfostenhauses. So sei auch das Zier- beziehungsweise Sichtfachwerk entstanden. Bei Bürgern, die es sich leisten konnten, oder in repräsentativen Gebäuden wurde Fachwerk nicht nur konstruktiv eingesetzt, sondern auch als Zierde und aus Prestigegründen. Stahl berichtete von alemannischem, fränkischem und niedersächsischem Fachwerk, in Dornstetten sei alemannisches Fachwerk vorrangig.

Steine aus Hallwangen

Die Führung begann am Rathaus, das in seiner heutigen Form 1682 nach dem Stadtbrand von 1676 erbaut wurde. Bürger aus dem ganzen Amt Dornstetten halfen damals, ohne Lohn und nur gegen Verpflegung, das Rathaus aufzubauen, so Stahl. Um Geld zu sparen, wurden Steine und Holz des ehemaligen Klosters Engelthal in Hallwangen verwendet.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde das erste Obergeschoss umgebaut und eine regelmäßige Fensteranordnung geschaffen. Im Zuge dessen wurde das Fachwerk – aus Brandschutzgründen und auch weil der barocke Zeitgeist dies vorgab – verputzt. 1912 wurde der Putz wieder abgenommen. Zimmermeister August Schmelzle legte das Sichtfachwerk am Giebel mit prächtigem Rundfachwerk und das rein konstruktive Fachwerk im Obergeschoss frei.

Auch sie prägen das Stadtbild: das Rathaus und der ehemalige „Ochsen“ mit der Tourist-Info (rechts). Foto: Ade

Gleich rechts neben dem Rathaus befindet sich ein weiteres, das Stadtbild prägendes Fachwerkgebäude: der ehemalige „Ochsen“, in dem heute die Tourist-Information untergebracht ist. Nach einem Brand im Jahr 1700, so Stahl, entstand mit dem „Ochsen“ eines der stattlichsten Fachwerkgebäude der Region, das 1750 im Güterbuch als „große, schöne Wirtsbehausung mit Scheuer, Kellern, Stallungen sowie besonderen Schaf- und Schweineställen“ beschrieben wurde.

Der „Ochsen“ war das zweite Gebäude, das 1930 von der barocken Mörtelfassade befreit wurde. Auch an allen anderen Fachwerkhäusern am Marktplatz und in der Hauptstraße wurde Stahl zufolge in den 1930er-Jahren das Fachwerk freigelegt.

Vogtei von Brand verschont

Nicht minder schön präsentiert sich beim Marktplatzbrunnen das 1676 erbaute Haus Hegel, das über die Jahrhunderte verschiedene Nutzungen, unter anderem als Amtssitz des Vogts, erfuhr. 1825 wurde das Haus an die Familie Hegel verkauft, die dort über vier Generationen hinweg eine Warenhandlung betrieb. Von 1989 bis 1992 ließ Familie Bidermann das Gebäude sanieren. Heute befinden sich im ehemaligen Kaufhaus Hegel das Puppen- und Spielzeugmuseum von Marie-Luise Bidermann und Wohnungen.

Weitere Stationen der Führung waren die anderen Fachwerkhäuser entlang der Hauptstraße, darunter das Hillerhaus, die Alte Vogtei in der Silbergasse, die vom Stadtbrand 1676 verschont blieb, sowie die Zehntscheuer und der Fruchtkasten, die bei diesem Stadtbrand jedoch zerstört wurden. Beide wurden laut Stahl wegen Arbeitskräftemangels und Lohnstreitigkeiten mit den Bauhandwerkern erst von 1678 bis 1679 wieder fertiggestellt.

In Sachen Zehntscheuer kennt sich Stahl besonders gut aus. Schließlich hatte er das Gebäude in den Jahren 1987/88, wie viele weitere Gebäude auch, mit seinem Betrieb selbst umfassend restauriert.