Experten rechnen bundesweit mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzen. In Baden-Württemberg haben im August so viele Firmen Insolvenz angemeldet wie seit acht Jahren nicht mehr.
Vor allem das schwierige konjunkturelle Umfeld und gestiegene Zinsen treiben immer mehr Firmen im Südwesten in die Insolvenz. Ein Trend, der sich nicht nur im ersten Halbjahr, sondern auch im Monatsvergleich zeigt.
Allein im August 2024 haben 163 Firmen in Baden-Württemberg Insolvenz angemeldet – das sind so viele wie seit acht Jahren nicht mehr, wie aus Erhebungen des Leibnitz Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle an der Saale (IWH) hervorgeht. „Vor allem Zinssteigerungen sind ein Schlag ins Kontor für verschuldete Unternehmen“, sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung. In der Immobilienwirtschaft spielten neben dem Ende der Niedrigzinsphase auch gestiegene Baukosten eine Rolle. Auch Lohnkosten und der Rückstau aus Corona, als die Insolvenzantragspflicht zeitweise ausgesetzt war, trieben die Zahlen noch nach oben.
Das IWH erhebt seit acht Jahren monatlich die Zahl der Firmenpleiten anhand der aktuellen Insolvenzbekanntmachungen deutscher Registergerichte. Demnach wurden im August 2024 bundesweit 1282 Insolvenzen angemeldet. Das sind zwar neun Prozent weniger als im Vormonat, aber 27 Prozent mehr als im August 2023. Besonders stark betroffen sei neben Bayern und Sachsen auch Baden Württemberg.
Im Südwesten gab es im August einen Anstieg der Pleiten gegenüber Juli 2024 um 15 Prozent, gegenüber August 2023 sogar um 66 Prozent – vor allem im Handel (inklusive Kfz), im Baugewerbe und in der Industrie. Es dürfte noch schlimmer kommen, ein Ende des Rückgangs ist nicht in Sicht: Auf Basis der Frühindikatoren sei ein weiterer Anstieg zu erwarten, sagt Müller.
Bundesweit bis zu 24 000 Insolvenzen erwartet
Andere Experten kommen zu einer ähnlichen Einschätzung. „Die Industrie ist unter Druck, vor allem im Maschinenraum Deutschlands“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung mit Blick auf Baden-Württemberg. Laut Zahlen des Statistischen Landesamts haben im ersten Halbjahr von Januar bis Juni 1245 Firmen in Baden-Württemberg Insolvenz beantragt. Das waren fast 38 Prozent mehr als noch im ersten Halbjahr 2023. Baden-Württemberg könne sich dem bundesweiten Trend nicht entziehen, sagt Hantszsch. 2024 rechnet er in Deutschland mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzen – auf bis zu 24 000 Pleiten.
Mit Blick auf prominente Großinsolvenzen wie Galeria Karstadt Kaufhof , FTI Touristik oder Modehändler wie Esprit sieht er aber nicht nur die reine Anzahl der Insolvenzen. Gegenüber der Finanzkrise 2009, als es mehr als 33 000 waren, sei man noch weit drunter, doch die Auswirkungen einer Unternehmenspleite heute seien deutlich größer als damals. „Jede Insolvenz, die heute passiert, ist wirkungsmächtiger und schädigt die Volkswirtschaft mehr“, sagt er. Vor allem große Unternehmen nutzten eine Insolvenz in Eigenverwaltung auch zunehmend als Chance, um aus einer Schieflage zu kommen.
Auch der weltweit größte Kreditversicherer Allianz Trade rechnet 2024 mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzen in Deutschland. Vor allem die hohe Zahl an Großinsolvenzen von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro bereitet Sorgen. So gab es den Angaben zufolge im ersten Halbjahr 2024 bundesweit bereits 40 solcher Pleiten. Das sei nicht nur der höchste Wert zum Halbjahr seit 2015, sondern auch über ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Große Insolvenzen hätten oft einen Dominoeffekt auf Firmen in der gesamten Lieferkette. Nicht selten gerieten diese selbst in den Abwärtssog.