Eigentlich darf die Reisebusbranche wieder durchstarten. Doch die Belegung der Busse darf maximal 50 Prozent sein, trotz sinkender Inzidenzen. Die Landesregierung hüllt sich allerdings in Schweigen.
Neubulach/Calw - Die Reisebusbranche ächzt weiterhin unter der Corona-Verordnung. Diese hatte die Baden-Württembergische Landesregierung auf den 7. Juni angepasst.
Doch die Regularien für die Reisebusunternehmer sind nach wie vor unverändert. Neben Maskenpflicht, den drei Gs (genesen, geimpft, getestet) als Zugangsvoraussetzung und Kontakterfassung ist auch weiterhin nur eine maximale Auslastung von 50 Prozent erlaubt. Das bringt Carsten Seeger, kaufmännischer Leiter bei Teinachtal-Reisen aus Neubulach, gehörig auf die Palme: "In anderen Bundesländern dürfen die Busse voll gemacht werden und im Linienverkehr ja auch", klagt Seeger.
"Die Bustouristik wird völlig zu Unrecht benachteiligt"
Auch Flugzeuge oder die Bahn seien bestens gefüllt. Und Lüften ist, zumindest in Schnellzügen, nicht ohne Weiteres möglich. In Flugzeugen ist das Öffnen eines Fensters schon gar nicht möglich – sollte es freilich aus diversen Sicherheitsaspekten, Stichwort Druckabfall, auch nicht sein.
Dennoch: "Die Bustouristik wird völlig zu Unrecht benachteiligt, und die dringend notwendigen Umsätze können, in der ohnehin nur noch sehr kurzen Reisesaison, so nicht generiert werden", schimpft auch der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer in einem Rundschreiben.
Trotz allem lässt sich Seeger aus Neubulach nicht ins Boxhorn jagen. Man plant bereits munter die ersten Ausfahrten: "Ab 1. Juli starten wir mal mit Tagestouren", verdeutlicht der kaufmännische Leiter. Auch andere Touren werden vorbereitet – das umfangreiche Programmheft gehe demnächst in den Druck, berichtet Seeger. Die Fahrten führen beispielsweise an den Bodensee oder nach Oberstdorf. Aber auch die Rhein-Region oder das fränkische Seenland werden angesteuert.
Seeger ist trotz der Auflagen froh, dass es jetzt endlich wieder weitergeht: "Es ist ein ganz anderes Schaffen, wenn man wieder fahren kann." Außerdem sei die touristische Arbeit auch die, die großen Spaß bringe, weiß Seeger. Schon jetzt hat er trotz sommerlicher Temperaturen Lust auf die kühle Jahreszeit mit diversen Skiausfahrten. "Das Winterprogramm ist unser Steckenpferd", erklärt Seeger.
Jetzt hofft man bei Teinachtal-Reisen, dass die diversen Beschränkungen mit weiter fallender Inzidenz ebenfalls vollends wegfallen.
Schulklassen dürfen den gesamten Bus belegen
Auch Gisela Volz vom gleichnamigen Busunternehmen aus Calw-Hirsau hat derzeit mit den Corona-Regeln zu kämpfen. "Wir hoffen auch, dass sich das noch lockert", erklärt sie mit Blick auf die Auslastungsgrenze von 50 Prozent. Das Problem, das man dadurch hat: Vereine, die mehr als die 50 Prozent Buskapazität füllen, muss man schlicht ablehnen. Und die Preise müssen natürlich auch angepasst werden, denn die normalen Betriebskosten für die Busse laufen in unveränderter Höhe weiter – egal ob nun 40 oder 20 Personen darin sitzen.
Auch deshalb werde nach dem Eindruck von Volz aktuell nicht viel per Bus unternommen. Dennoch planen auch die Hirsauer Busspezialisten wieder erste Tagesausfahrten. Geschäftsführerin Volz hat indes zumindest etwas Verständnis für die Regelungen: "Der Linienverkehr ist da schon etwas anderes als ein Reisebus." In letzterem sitze man ja über mehrere Stunden in einem trotz Lüftung geschlossenen Raum. "Im Linienbus geht eben alle zwei Minuten die Türe auf und die Leute wechseln immer durch", mutmaßt Volz zu den Gründen, weshalb unterschieden wird zwischen Reise- und Linienbus.
Ein skurriler Umstand: Schulklassen dürfen zum Beispiel den gesamten Bus belegen, während das bei Vereinen nicht möglich ist. Die aktuelle Corona-Verordnung läuft übrigens am 30. Juni aus. Die Busunternehmer hoffen allesamt, dass spätestens dann die Auflagen zur Maximalbelegung fallen.
Keine Antwort vom Ministerium aus Stuttgart
Ob das soweit kommt, das müsste eigentlich das für die Corona-Regeln im Land verantwortliche Sozialministerium wissen. Doch auf die Frage, welche Perspektiven die Reisebusbranche zu erwarten hat, gib es vom Ministerium aus Stuttgart auch knapp eine Woche nach einer Anfrage unserer Zeitung keine Antwort.
Auch weshalb Flugzeuge oder Bahnen gefüllt werden dürfen, Reisebusse aber nicht, kann das Sozialministerium nicht beantworten. Eine weitere Frage: In anderen Bundesländern, etwa Hessen oder Bayern, sind die aktuellen Inzidenzwerte vergleichbar, dennoch sind dort volle Busse zugelassen, in Baden-Württemberg aber nicht. Doch weshalb besteht solch ein Unterschied überhaupt, wenn doch das Coronavirus in Baden-Württemberg nicht aggressiver als in anderen Bundesländern auftritt? Auch diese Frage lässt das Ministerium unbeantwortet.
Ebenso schweigen sich die Pressesprecher dazu aus, ob es wissenschaftlich fundierte Grundlagen zur Gefährlichkeit von Reisebusfahrten gibt, die die ergriffenen Maßnahmen begründen könnten.
Unternehmer wie Reisewillige müssen sich nun also bis zum 1. Juli gedulden, ob dann in der Corona-Verordnung der Reisebusverkehr mit weiteren Erleichterungen bedacht wird.