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Frust statt Fernweh Althengstetter gibt wegen Coronavirus sein Reisebüro auf

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Mike und Edeltrudis Jones geben das First Reisebüro in der Hengstetter Bahnhofstraße auf. Die finanziellen Folgen der Corona-Krise waren zu hart. Foto: Selent-Witowski

Die Corona-Krise brachte ihm und seinem Team vor allem durch Stornierungen viel Arbeit, aber kaum Einkünfte: Mike Jones schließt zum 31. Januar nach 26 Jahren sein Reisebüro in Althengstett. Die ganze Geschichte lesen Sie in unserem (SB+)Beitrag.

Althengstett - In den Geschäftsräumen stehen reihum Aufsteller mit Katalogen für Reiseziele von A wie Azoren bis Z wie Zypern und machen Lust auf Sonne, Meer, Erholung sowie Entdeckertouren. Für die oberste Etage der Regale kam in 26 Jahren Firmengeschichte eine ganz besondere Sammlung zusammen: Sand von Stränden und ­trockenen Landstrichen von allen fünf Kontinenten, von Green Island in Australien, den Fidschis bis hin zu Kuba. "Das alles muss demnächst ausgeräumt werden", sagt Mike Jones im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Als erstes müssten nun sämtliche Reiseveranstalter über die anstehende Schließung informiert werden.

"Das hier war meine zweite Familie"

Jones mag noch gar nicht an den allerletzten Tag in seinem Geschäft denken. Das war für ihn schließlich immer so etwas wie ein zweites Zuhause. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hatte der gebürtige Brite ein Reisebüro als Ein-Mann-Betrieb im Gäu eröffnet. Das jetzige Geschäft, das über die Jahre kontinuierlich wuchs, ist der insgesamt vierte Standort in Althengstett. "Das hier war meine zweite Familie. Wir waren ein tolles Team, ohne dass wir uns nicht über all die Jahre hätte halten können", sagen der 65-Jährige und seine Ehefrau, die Tränen in den Augen hat.

Im Januar und Februar seien die Buchungszahlen noch gut gewesen. "Mitte März ging es dann mit den Schwierigkeiten los. Es kam eine Stornierung nach der anderen und wir mussten die Provisionen komplett zurückzahlen", erinnert sich das Ehepaar. Seit Sommer 2019 seien die Ziele für das nun laufende Jahr gebucht worden. Monat um Monat und schließlich mehr als ein Jahr lang habe kein nennenswerter Umsatz mehr generiert werden können.

Überbrückungshilfen reichen nicht aus

Die Überbrückungshilfe des Bundes für Reisebüros habe nicht ausgereicht, um Betriebe wie seinen zu sichern. "Dieses Jahr haben wir gerade mal rund zehn Reisen verkauft", berichtet der Geschäftsinhaber. Selbst innerhalb Deutschlands sei es ja schwierig geworden mit dem Verreisen: "Es kommt keiner mehr in unser Geschäft". Auch auf längere Sicht sei es in seiner Branche mehr als schwierig, denn vielen fehle beispielsweise wegen anhaltender Kurzarbeit das Geld zum Verreisen.

Jones hatte sich bereits im vergangenen Jahr mit dem Aufhören beschäftigt –­schließlich hatte er da schon fast das richtige Rentenalter und ist seit annähernd 50 Jahren berufstätig. "Das Tragische an der ganzen Sache ist, dass die Geschäftsübernahme schon geregelt war", berichtet der Reiseexperte. Es sei geplant gewesen, sein Büro im März 2021 an den Reiseveranstalter TUI zu verkaufen – "mit Übernahmegarantie für meine acht Mitarbeiter". Jones hatte vor, ab diesem Zeitpunkt weiter als Berater auf Stundenbasis im Geschäft weiterzuarbeiten. "Dann ist plötzlich alles geplatzt – wie wenn man eine Nadel an einen prallen Luftballon hält".

Schließlich gab es einen weiteren Interessenten für die Übernahme des bislang inhabergeführten Hengstetter Reisebüros. "Das hat sich aber zerschlagen, da dieser Person schnell klar war, dass das Geschäft für einen Ein-Mann-Betrieb viel zu groß ist."

Zusammenbruch an heißem Sommertag

Die finanzielle Situation wurde unterdessen immer schwieriger. Fast Tag und Nacht grübelte das Ehepaar Jones, wie man den Betrieb weiter über Wasser halten könnte. "Im Sommer haben wir unseren Mitarbeitern dann gesagt, dass wir wohl bis Herbst durchhalten können. Auch um allen die Chance zu geben, sich nach einer neuen Stelle umsehen zu können", erklären sie. Bereits im Sommer wurde drei Beschäftigten gekündigt. "Leider mussten wir auch unserer Auszubildenden nach dem Bestehen ihrer Prüfung sagen, dass wir sie nicht weiter beschäftigen können", bedauert der Geschäftsinhaber. Außer einer Mitarbeiterin hätten inzwischen alle eine neue Stelle gefunden.

Im Sommer kam der Zusammenbruch. Jones kippte an einem heißen Juli-Tag zu Hause um und verletzte sich schwer am Kopf. Auch das mag zur "schwierigen, aber notwendigen Entscheidung" beigetragen haben, das Geschäft aufzugeben. "Wir haben lange gekämpft, aber verloren – wegen Corona. Ich habe die Reißleine gezogen, bevor zu viel kaputt gegangen ist." Er sei trotz aller Sorgen und Nöte der vergangenen Monate froh, "dass das alles nicht von Gestern auf Heute kam. Es hat sich abgezeichnet, was passieren könnte und wir haben ausreichend Zeit, alles zu regeln und alles zu verarbeiten".

Weiterhin in Reisebranche tätig

Jones, seine Ehefrau sowie die restlichen verbliebenen Mitarbeiter beweisen auch in der jetzigen Situation, was ihnen Kundennähe und Service bedeuten. "Wir haben dafür gesorgt, dass sich TUI in Pforzheim der Buchungen für 2021 annimmt, damit unsere Kunden einen Ansprechpartner rund um ihre Reise haben", sagt Mike Jones.

Mit der Reisebranche wird das Ehepaar durchaus auch künftig zu tun haben. Die seit Jahren beliebten Wander- und Radreisen des Reisebüros nach Kreta, Mallorca oder Rhodos wird künftig das genannte Pforzheimer Reisebüro anbieten – "und wir werden diese Touren begleiten", kündigen beide an, die bald ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Dieses beinhaltet unter anderem lange Spaziergänge in der Natur, ausgiebige Radtouren, Renovierungsarbeiten am Eigenheim und – sobald es wieder möglich ist – viel gemeinsame Zeit mit den inzwischen vier Enkelkindern.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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