Es ist ein umstrittenes Thema: Der Pflege-Fachkräftemangel führt zu Hektik im Krankenhaus. Das führt zu Kritik in der Gesellschaft. Wir haben uns die Situation in Oberndorf angeschaut.
Dienstagmorgen, 7.06 Uhr. Draußen ist es noch stockfinster. Die ersten Patienten werden im Krankenhaus in Oberndorf so langsam wach, auf dem Flur ist es leise. In der interdisziplinären Station Haus Oberndorf steht eine junge Frau in einem blauen Kittel und schaut auf den Computerbildschirm auf dem Pflegewagen vor ihr. Ein letzter Blick auf die digitale Patientenakte im Programm – und Vanessa Kessel drückt den Türknauf zu Zimmer Eins runter. Es kann also losgehen.
Zweieinhalb Stunden haben wir die Pflegefachkraft begleitet, Einblicke bekommen, was den Beruf in ihren Augen auszeichnet – und warum er gerade nicht die Kritik verdient, der er oft ausgesetzt wird. Während Kräften in Krankenhäusern oft Hektik vorgeworfen wird, zeigt Vanessa Kessel, warum dies eben nicht in Oberndorf zutrifft – und worauf es stattdessen im Stationsalltag wirklich ankommt.
Sich erinnern gibt Kraft
Vanessa Kessel drückt den Türknauf nach unten und betritt das Zimmer der Patientin. Die Pflegerin tritt ein, stockt einen Moment und erinnert sich: „Sie waren schon mal bei uns“. Die Patientin hält inne, ihre Augen werden größer, sie schaut erstaunt, dass sich die junge Frau im blauen Kittel vor ihr an sie erinnert. Dann breitet sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus. Sie habe tatsächlich schon mal auf der Station gelegen, entgegnet sie, aber nicht aus dem gleichen Grund wie jetzt.
Es ist der erste Tag, nachdem der Frau zwei Gallensteine entfernt wurden. Kessel erklärt, dass ihr eine so genannte Easy-Flow-Drainage gelegt wurde. Das heißt, dass ein weicher Silikonschlauch mit inneren Stegen Wundflüssigkeit passiv und kontinuierlich ableitet. Die entfernten Gallensteine liegen in einer Plastiktüte auf dem Beistelltisch neben dem Bett. Deren Größe erinnert an die von Würfeln für Brettspiele. Kessel zieht scharf die Luft ein. „Oh je, die waren ganz schön gemein“, sagt sie und runzelt die Stirn.
Wenn Visite ist
Plötzlich wird die Zimmertür sperrangelweit aufgerissen, durcheinander sprechende Ärzte treten ein, dicht gefolgt von Assistenten, die auf ihrem Klappbord fleißig mitschreiben – und innerhalb weniger Sekunden ist der gesamte Raum gefüllt: zwei Oberärzte, eine Stationsärztin und zwei „Physician Assistants “, die Ärzte unterstützen und entlasten, wie Kessel erklärt.
Der Kopf der Patientin schwankt immer wieder von einem Arzt zum anderen – eine Blutbildkontrolle und eine Untersuchung ihrer Laborwerte stehen an diesem Tag an, wird sie informiert. Die Ärzte bleiben gefühlte 30 Sekunden, bevor sie den Raum verlassen, um zum nächsten Zimmer zu gehen.
Der Stress, vor denen es so vielen graut
Sind das also die hektischen Stresssituationen, die so oft in Gesprächen oder in den Medien beschrieben werden? Die dazu führen, dass die Zustände in Krankenhäusern oft negativ behaftet ist, einschließlich der Personallage? Mitunter. Dabei nimmt die Pflegerin solche Situationen nicht als Stress wahr – sie bewahrt die Ruhe und strahlt solche auch deutlich aus.
Etwa bei dieser Patientin: Die Ärzte gehen die Tagesordnung mit ihr zügig durch; fällt ihr eine Nachfrage aber erst eine Minute später ein, weil sie die Informationen erst verarbeiten muss, haben die Ärzte den Raum meist wieder verlassen. Wer aber nicht weg ist, ist Vanessa Kessel. Sie erklärt noch mal in Ruhe, wofür bei den Ärzten nicht genug Zeit ist.
Erste Ansprechpartner
Pflegekräfte seien in der Regel die ersten Ansprechpartner für die Patienten, sagt sie. Dadurch habe sie teils einen anderen emotionalen Zugang zu den Leuten, bekomme anderes mit. Deswegen bleibt sie nach Stresssituationen auch noch kurz da.„Natürlich ist hier oft viel los“, sagt sie, das sei gleichzeitig aber das, was sie an dem Beruf schätze – die Abwechslung.
Nun, abwechslungsreich sind auch andere Berufe – welche Gefühle vermittelt der Beruf also, an die kein anderer rankommt? Kessels Schultern heben und senken sich langsam, sie nimmt sich einen Moment Zeit, ihre Gedanken zu sammeln. „Ich kann es schwer beschreiben. Es ist das Schwätzen und Zusammensein mit den Patienten, das mir den Stress wert ist. Dass ich vom Moment der Einlieferung, wenn es ihnen schlecht geht, bis zur Entlassung, wenn es ihnen besser geht, dabei bin“, meint sie.
Teils begleite sie Patienten 50 Tage lang, sieht täglich deren Angehörigen. Und je nach Gesundheitszustand kommt es nicht mehr zur Entlassung, sondern zum Abschied. Das nehme sie natürlich mit, aber sie schätze dennoch diese besondere Zeit.
Warum sie statt Lehrerin nur noch Pflegerin werden wollte
Vanessa Kessels ursprünglicher Berufsplan gleicht nicht unbedingt dem, den sie schließlich antrat. Sie wollte Lehrerin werden. In der zehnten Klasse änderte sich das abrupt: Ihre Cousine arbeitete bereits in der Pflege – dieser Idee schloss sie sich an. Die Corona-Pandemie folgte kurz darauf, und aus dem geplanten Fachabitur wurde eine Pflege-Ausbildung am SRH Krankenhaus Sigmaringen.
2023, nach dem Ende ihrer Ausbildung, wechselte sie ans SRH Krankenhaus in Oberndorf, wo sie zwischenzeitlich als stellvertretende Stationsleiterin im Haus Oberndorf arbeitete und dort seit August Bereichsleiterin ist. Im Februar dieses Jahres wagte sie den nächsten Schritt: Sie begann ein duales Studium für einen „Bachelor in Pflege mit einer Vertiefung für Management“. Daher arbeite sie nur 80 Prozent und habe somit einen Tag in der Woche komplett frei, an dem sie für das Studium lernen kann.
Und ein Ausgleich? Jeden Tag eine Runde spazieren oder laufen gehen. In der Regel am Neckartalradweg in Sulz, der direkt hinter ihrer Wohnung entlangläuft. Im Sommer habe sie eine Freibadkarte, um sich nach der Arbeit abzukühlen. Und wenn sie dem Alltag ganz entkommen möchte, liest sie am liebsten Romane. Gerade habe sie „Safe Haven“ von Nicholas Sparks gelesen. Am wichtigsten ist aber: „Es muss am Ende gut ausgehen.“
Um 4.30 Uhr beginnt ihr Tag
Zurück auf dem Flur zeigt die Digitaluhr mittlerweile 8.09 Uhr an. Ihr Wecker klingelt an Tagen der Frühschicht immer um 4.30 Uhr, um 6 Uhr löst sie dann die Nachtschicht ab, und Feierabend ist um 14 Uhr angesagt.
Einen Teil ihrer Arbeit – die ersten Besuche am Morgen bei den Patienten – kann sie abhaken. „Jetzt wird es erst mal stumpf“, sagt sie und fängt an, die Geräte, wie das Stethoskop und das Blutmessgerät, zu desinfizieren – das Reinigen der Geräte gehört schließlich genau dazu, wie die Untersuchung selbst.
Aber: Stumpf bleibt ein Morgen im Krankenhaus selten. Und wie Vanessa Kessel zeigt, ist das überhaupt kein Grund zur Panik.