Finn Eberhardt verfrachtet ein Rehkitz vorsichtig in eine Box, um es vor dem Mähwerk in Sicherheit zu bringen. Foto: Schäfer

104 gerettete Rehkitze, lautet die Bilanz der Kitzretter im Zollernalbkreis. Ein Team ist die Ceceba-Kitzrettung um den Balinger Jürgen Schäfer.

Balingen - Frühmorgens suchen sie die Felder nach Jungtieren ab, die von ihrer Mutter abgelegt wurden, um sie vor dem Mähwerk und dem sicheren Tod zu retten.

 

Treffpunkt 4.50 Uhr am frühen Morgen. Mission: Kitze, die Jungen der Rehe, in Sicherheit zu bringen, bevor der Landwirt die Wiesen mäht. Seit Mitte Mai werden Jürgen Schäfer und seine Helfer der Balinger Ceceba-Kitzrettung immer wieder von Landwirten und Jagdpächtern zu Einsätzen gerufen. Während der heißen Sommertage – bestes Wetter für die Heuernte – sind die Kitzretter fast jeden Morgen im Einsatz.

Jungtiere haben noch keinen Fluchtinstinkt

Die noch jungen Rehkitze werden von ihrer Mutter im Gras abgelegt. In den ersten beiden Lebenswochen haben sie noch keinen Fluchtinstinkt entwickelt, sondern drücken sich bei Gefahr flach auf den Boden. Die Kitzretter verfrachten die Jungtiere in Kisten, ehe der Bauer mäht, und lassen sie danach wieder frei.

Drohne fliegt über die Felder

Um 5 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang ist es noch recht kalt. Doch diese Kälte hilft, die Kitze im hohen Gras zu lokalisieren: Eine Wärmebilddrohne fliegt über die Felder. Anhand ihrer Körpertemperatur werden die Jungtiere gefunden. "Früher war das aufwändiger", erklärt Schäfer, "da mussten die Wiesen vor dem Mähen abgelaufen werden." Jetzt helfe die Drohne enorm.

Rötliche Flecken – Treffer

Der erste Einsatz an diesem Morgen ist im Kühlen Grund bei Ostdorf. Acht Grad Celsius, der Nebel bedeckt die Wiesen, während die Sonne hinter dem Wald langsam aufgeht. Mit einem Surren startet die Drohne in den Himmel und scannt die Wiesen aus rund 40 Metern Höhe. Auf seinem Bildschirm sieht Schäfer zwei rötliche Flecken, die auf zwei Rehkitze hindeuten.

Direkter Kontakt wird vermieden

Über ein Walkie-Talkie lotst der Drohnenflieger zur genauen Position. Die Helfer, meist Mitarbeiter des Balinger Wäscheherstellers Ceceba, die sich freiwillig der Aktion anschlossen, stapfen mit Kisten zur Stelle im Gras, über der die Drohne schwebt. Sie tragen Gummihandschuhe; diese sollen vermeiden, dass das Jungtier den Geruch von Menschen annimmt. "Dann würde es nämlich von der Mutter verstoßen werden, was den sicheren Tod bedeuten würde", erklärt Schäfer. Die Helfer greifen das eine Tier zudem mit Gräsern, um direkten Kontakt zu vermeiden.

Das andere junge Reh hopst eilig in Richtung Wald, als es die Menschen sieht. Es hat wohl schon einen Fluchtinstinkt entwickelt. Auch das ist eine Rettung – Hauptsache weg vom Feld und in den Wald, bevor das scharfe Mähwerk kommt.

Anruf von Landwirt

Es geht weiter zum zweiten Einsatz an diesem Morgen, ins Gewann Auen nach Geislingen. Der dortige Jagdpächter Willy Schreiber hat einen Anruf von einem Landwirt erhalten, dass er gemeinsam mit den Kitzrettern die Felder sichern soll. Um 6 Uhr morgens kündigt die Sonne bereits einen warmen Sommertag an – perfekt, um das Gras in der Sonne zu Heu trocken zu lassen.

Auch dort lokalisiert die Wärmebilddrohne vier Rehkitze, die die Flucht ergreifen, als sich die Retter in ihren gelben Westen nähern. "Bei den Rehkitzen merkt man jeden Tag die Entwicklung – vergangene Woche konnte noch kaum eins laufen", erklärt Schäfer.

Manchmal auch Fuchs und Hase

Gelegentlich laufen die Kitzretter ins Leere: Die Wärmebildkamera erkennt auch, wenn wenige Minuten zuvor ein Reh im Gras gelegen hat und Körperwärme an den Boden abgegeben hat. Manchmal ist es aber auch ein Fuchs oder ein Hase, der flink davonrennt. Um halb 8 ist der Einsatz beendet und die Landwirte können loslegen.

Bisher 104 Tiere gerettet

Jürgen Schäfer hat die Ceceba-Kitzrettung im vergangenen Sommer ins Leben gerufen. Etwa zeitgleich ist auch die Jägervereinigung Zollernalb mit ihrer Kitzrettung gestartet. Längst nicht alle Landwirte rufen die Retter, doch es spricht sich rum. In diesem Jahr sind es weit mehr Einsätze als im vergangenen Sommer: Bisher wurden bei 39 Einsätzen der vier Drohnenteams im Zollernalbkreis 104 Rehkitze in Sicherheit gebracht, davon 25 Tiere von den Ceceba-Kitzrettern.

"Vor grausamem Tod bewahren"

Schäfers Motivation, mehrere Tage lang in aller Herrgottsfrühe ehrenamtlich aufs Feld zu gehen, ist groß. Als Jäger wurde er in der Vergangenheit oft gerufen, um vom Mähwerk verletzte Rehkitze zu erlösen: "Wenn man das einmal gesehen hat, dann möchte man die Tiere vor diesem grausamen Tod bewahren."