Siegfried Esslinger feiert am 3. August seinen 90. Geburtstag. Foto: Steinmetz

„Not macht erfinderisch“ lautet das Lebensmotto von Siegfried Esslinger. Ihm verdankt Glatt, dass es das Wasserschloss besitzt. Zum 90. Geburtstag am 3. August wünscht sich der frühere Ortsvorsteher keine Geschenke – sondern etwas ganz anderes.

Sulz-Glatt. Siegfried Esslinger war Wanderkino-Betreiber, Fremdenverkehrsleiter, Schlosscafé-Besitzer, Sammler, Heimatforscher, „Kastellan“ und noch manches mehr in seinem Leben. Mit 90 blickt er zurück und sagt: „Ich bin zufrieden.“

 

Sein Leben hätte vielleicht einen anderen Gang genommen, wäre nicht der schreckliche Unfall gewesen. Bei der Sprengung der Löwenbrücke in Sulz Ende des Zweiten Weltkriegs ist auch das Haus seines Großvaters stark beschädigt worden. Der Zwölfjährige wollte beim Aufräumen helfen, als er zwei Meter, mit dem Kopf voraus, in die Tiefe stürzte. Viele Monate lag er im Lazarett. Seine Hand konnte er trotz Operation nie wieder richtig bewegen. Dadurch war es ihm unmöglich, einen Handwerksberuf zu erlernen. „Ich kann nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben“, erzählt er. Doch Not macht erfinderisch: Der Spruch wurde zu seinem Lebensmotto.

Das Café durfte er später selbst kaufen

Mit 20 heiratete Siegfried Esslinger seine Frau Ingeborg, geborene Bratsch aus Glatt, und zog in ihren Heimatort. Was ihn fasziniert hatte, war das Wasserschloss des Fürsten von Sigmaringen. Esslinger erkannte, welches touristische Potenzial es hatte. Bereits Mitte der 1960er-Jahre dachte er daran, ein Museum daraus zu machen, weshalb man ihn als „Spinner“ angesehen habe.

Er selbst wollte im Schloss ein Café eröffnen, und sprach beim Fürsten vor. Es gelang ihm, einen Teil, des Schlossensembles zu pachten und auf eigenes Risiko auszubauen. Dazu hatte er das fürstliche Wort, dass er das Café, sollte das Wasserschloss veräußert werden, selbst kaufen könne. Folgendes habe der Fürst gesagt: „Wissen Sie, Herr Esslinger, wir haben Sie immer für einen Fantasten gehalten. Sie haben uns eines Besseren belehrt. Daher bekommen Sie dieses Cafégebäude.“ Auf das Versprechen des Fürsten war Verlass.

Glatt kauft das Schloss noch gerade rechtzeitig

Siegfried Esslinger war auch nahe daran, das ganze Hauptschloss zu kaufen. Davon hielt ihn der damalige Oberregierungsrat Maier ab. „Dann kaufen wir es, die Gemeinde“, schlug Esslinger daraufhin vor. 1970/71 erwarb die Gemeinde Glatt das Schloss noch vor der Eingemeindung zu Sulz. Eineinhalb Jahre späte wäre es nicht mehr möglich gewesen. Ein Vorschaltgesetz verbot größere kommunale Anschaffungen vor der Kommunalreform. Die Familie Esslinger erhielt die ehemalige Scheuer mit dem Gastronomiebetrieb. 1968 war das Schlosscafé eröffnet worden. Am 1. Januar 1994 übernahmen Sohn Thomas und seine Frau Roswitha das Café.

Schlosscafé und Wasserschloss sind zur Erfolgsgeschichte geworden, für Esslinger eine Genugtuung. Zu seinen Ideen hatte auch gehört, ein Bad im Schlossgarten zu bauen, nachdem er eine Mineralquelle entdeckt hatte. Dieses Vorhaben kam nicht zustande, habe jedoch dazu geführt, dass die Gemeinde das Wirtschaftsgebäude des Schlosses mitsamt Zehntscheuer erwarb.

Er tut sich hervor als passionierter Sammler alter Sachen

Esslinger war 26 Jahre lang Gemeinderat in Glatt, Ortsvorsteher in Glatt und Stadtrat in Sulz, letzter hohenzollerischer Kommunal-Landtagsabgeordneter in Sigmaringen, ausgezeichnet mit der Bürgermedaille der Stadt Sulz und der Staufermedaille des Landes. Er ist passionierter Sammler alter Sachen. Ein Großteil der Ausstellungsstücke im Hohenzollernzimmer des Wasserschlosses sind Leihgaben von ihm. Zuletzt war es ihm gelungen, dass die Steinbrücke im Glatter Täle unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Wer dem Jubilar gratulieren möchte, kann am 3. August ab 18 Uhr ins „Schlössle im Gießen“ (ehemaliges Schafhaus) kommen. Statt Geschenken wird um eine Spende für die Pflege der Steinbrücke gebeten. Dazu steht ein „Opferstock“ bereit.