Zu unserem Bericht „Hotelprojekt liegt auf Eis“ meint unser Leser Howard Nagel:
Der aktuelle Beitrag „Hotelprojekt liegt auf Eis“ hinterlässt bei mir vor allem eines: großes Unverständnis. Unverständnis darüber, wie ein Gebäude von ausgewiesenem historischem Wert über Jahre hinweg faktisch dem Verfall preisgegeben wird – und das ausgerechnet unter dem Schutzlabel des Denkmalschutzes.
Während über Gutachten, Fensterdetails und Zuständigkeiten diskutiert wird, verschlechtert sich der Zustand des Gebäudes von Jahr zu Jahr sichtbar. Das Dach ist in einem desaströsen Zustand, das prägende historische Firmenlogo an der Fassade zerfällt buchstäblich Buchstabe für Buchstabe, und die Innenräume verwahrlosen zunehmend durch Leerstand und Vandalismus. Dieser schleichende Substanzverlust ist kein theoretisches Risiko, sondern längst Realität.
Nutzung praktisch unmöglich
Für mich hat dieses Gebäude zudem eine persönliche, aber keineswegs sentimentale Bedeutung: Mein Großvater German hat dort über Jahrzehnte gearbeitet. Es war ein Ort industrieller Wertschöpfung, von Arbeitsplätzen und Identität. Angesichts des heutigen Zustands drängt sich der Eindruck auf, dass mit dem baulichen Verfall auch ein Stück lokaler Industriegeschichte achtlos preisgegeben wird – etwas, das den Menschen, die dieses Gebäude über Generationen geprägt haben, kaum vermittelbar wäre.
Denkmalschutz sollte dem Erhalt dienen – nicht dem Stillstand. Wenn denkmalpflegerische Anforderungen so restriktiv ausgelegt werden, dass eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung praktisch unmöglich wird, entsteht ein Paradoxon: Ein geschütztes Gebäude wird nicht bewahrt, sondern über Jahre hinweg beschädigt, entwertet und letztlich gefährdet. Der fortschreitende Verfall scheint dabei offenbar in Kauf genommen zu werden.
Strukturelles Problem
Gerade bei industriellen Denkmalen stellt sich die Frage, ob der Schutz einzelner Bauteile oder historischer Details höher zu gewichten ist als der dauerhafte Erhalt des Gesamtbauwerks durch eine zeitgemäße Nutzung. Ohne Nutzung jedoch gibt es keinen nachhaltigen Erhalt – diese Erkenntnis ist weder neu noch ideologisch, sondern schlicht baupraktische Realität.
Das „Pappendeckel-Maier“-Gebäude steht exemplarisch für ein strukturelles Problem: Denkmalschutz ohne tragfähige Nutzungsperspektive führt nicht zur Bewahrung, sondern zum schleichenden Verlust genau jener Substanz, die man zu schützen vorgibt. Hier wäre mehr Flexibilität, Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein gefragt – bevor aus einem Denkmal endgültig eine Ruine wird.
Howard Nagel, SchrambergSchreiben Sie uns: leserbriefe@schwarzwaelder-bote.de. Mit der Übersendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihr Leserbrief in der Printausgabe, im E-Paper sowie im Onlinedienst des Schwarzwälder Boten veröffentlicht wird. Wir behalten uns Kürzungen vor. Leserbriefe entsprechen nicht notwendig der Meinung der Redaktion.