Wo früher Mercedes seine IT betrieb, baut jetzt das Start-up Nexspace ein neues Datencenter. Ein Baustellenbesuch zeigt: Stromversorgung und Flächen werden zur neuen Standortfrage.
Wenn in einem Rechenzentrum Wände und Böden mit grauem Baustaub überzogen sind, ist das eigentlich kein gutes Zeichen. Computerserver vertragen keinen Staub und Hochleistungschips der KI-Revolution schon gar nicht. Derzeit ist der Staub aber in Ordnung, denn das neue Rechenzentrum des Start-ups Nexspace auf dem Campus Sternhöhe, der früheren Daimler-Zentrale in Stuttgart-Möhringen, ist noch eine Baustelle.
Doch schon zum Jahresende will der Heidelberger Rechenzentrumsbetreiber sein neues Datencenter eröffnen. Nexspace ist ein kleines, aber rasch wachsendes Tech-Start-up mit inzwischen 25 Beschäftigten, das erst 2023 gegründet wurde. Es betreibt bereits zwei Rechenzentren in Heidelberg und im österreichischen Graz.
Edge-Rechenzentrum: Gebäude, Kühlung, Strom
In Stuttgart baut das Unternehmen ein sogenanntes Edge-Rechenzentrum. Das fällt deutlich kleiner aus als die großen, milliardenteuren KI-Gigafabriken der Tech-Giganten Microsoft, Amazon oder Google. Ein Edge-Datencenter stellt der nahen Kundschaft einen gesicherten Raum, Kühlung und Energie zur Verfügung. Mittelständler oder Behörden betreiben dort ihre eigene IT-Hardware. Das Ganze nennt sich Co-Location.
„Wir sehen einen klaren Bedarf an leistungsfähiger, regional verankerter IT-Infrastruktur“, sagt der Nexspace -Vorstandschef Christian Zipp. Viele Mittelständler, Behörden und Forschungseinrichtungen arbeiteten mit sensiblen Daten, die sie „sicherer, energieeffizienter und regelkonform“ sichern müssten. so Zipp. Wie viele Millionen Nexspace in den Stuttgarter Neubau investiert, möchte er nicht sagen. Marktüblich für ein Rechenzentrum dieser Größe wären mehr als 30 Millionen Euro.
Der Begriff Neubau ist nicht ganz richtig, denn Nexspace baut, wo früher schon Mercedes sein Rechenzentrum betrieben hat. Das bedeutet, viel an nötiger Infrastruktur ist bereits vorhanden und muss nur modernisiert werden. Andernfalls kann ein Anschluss ans Stromnetz schon mal Jahre dauern. „Einen Glücksfall“ nennt der Nexspace-Betriebschef Thomas Purann die Lage in Stuttgart-Möhringen: „Mercedes hat gut und vorausschauend gebaut.“
Im Haus 6 auf dem weitläufigen Campus geht es mit dem Fahrstuhl in die Tiefe: Lange grau getünchte Flure führen zu einem kleineren und einem großen Raum für die späteren Rechenzentren. Stählerne Gestelle für die Server stehen noch nicht in Reih und Glied, auch Kabel sind noch keine verlegt. Die Decken in den Kellerräumen sind hoch. Je mehr Luft, desto besser die Zirkulation. Denn das größte Problem in den Betonräumen ist die Wärme, die Computerchips erzeugen, insbesondere von denjenigen für aufwendige KI-Anwendungen.
Innovatives Kältenetz zur Kühlung
Ein innovativer Kern des Projekts ist das Kältenetz, das der Energie- und Infrastrukturdienstleister Engie in einem der benachbarten Kellerräume für das Rechenzentrum und für die übrigen Mieter auf dem Campus Sternhöhe einbaut: Über dicke Rohre wird 20 Grad kaltes Kühlwasser in die Rechenzentrumsräume geführt. Dort wird es an den Servern vorbeigeleitet, um die Abwärme abzutransportieren. „Das ist energieeffizienter als die herkömmliche Luftkühlung“, erklärt Cathrin Lind, Chefin des Geschäftsbereichs Energielösungen bei Engie Deutschland. Mit der Abwärme sollen auf dem Campus die Büros beheizt werden.
Rechenzentren bilden das Rückgrat für die Digitalisierung, KI, Cloud-Computing und Edge-Anwendungen. Und der Bau von Rechenzentren boomt in Deutschland. Laut Digitalverband Bitkom flossen 2025 mehr als 15 Milliarden Euro in IT-Hardware und Gebäude. Bis 2030 prognostiziert Bitkom vor allem wegen des steigenden KI-Bedarfs ein Wachstum der Kapazitäten um rund 69 Prozent auf 5040 Megawatt.
Im internationalen Vergleich wirkt das alles aber immer noch recht bescheiden. So verfügten die USA 2024 schon über zehnmal so viele Rechenzentrumskapazitäten wie sie in Deutschland bis 2030 überhaupt geplant sind. Bis 2030 soll sich die Anschlussleistung der US-Rechenzentren auf 95 Gigawatt fast verdoppeln. Die Kapazitäten Chinas schätzt Bitkom bis 2030 auf 64 Gigawatt. Demnach läge Europa insgesamt mit einer Leistung von 28 Gigawatt 2030 nur abgeschlagen auf dem dritten Rang.
Die Anschlussleistung des neuen Rechenzentrums von Nexspace auf den großzügigen 1800 Quadratmetern in den Kellern auf dem Campus Sternhöhe soll einmal 3,4 Megawatt betragen. Das entspricht in etwa dem Stromverbrauch von 2600 Haushalten. Wer konkret als Kundschaft in Stuttgart infrage kommt, möchte das Start-up nicht preisgeben. Behörden von Land und Bund, heißt es. In Heidelberg zählt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) zur Kundschaft.
Sicherheitsschleuse mit biometrischen Lesegeräten
Außerdem zeigt sich Vorstandschef Zipp zuversichtlich, dass man auch für Mittelständler aus der Industrie, denen es ernst ist mit der Hoheit über ihre Daten, attraktiv ist. „Es ist heute unabdingbar, vertrauliche Daten in der eigenen Umgebung, in Deutschland oder in Europa unterzubringen“, meint Zipp mit Blick auf die übergroße Abhängigkeit Europas von amerikanischen Tech-Konzernen.
Apropos Sicherheit: Das neue Stuttgarter Rechenzentrum zählt zur kritischen Infrastruktur, und zwar auf einer Skala von eins bis vier zur „Verfügbarkeitsklasse 3“, also der zweithöchsten. „Bei vier wäre der ganze Campus umzäunt und mit Nato-Draht gesichert“, sagt der Nexspace-Mann Purann. Auch die Stromversorgung ist unterbrechungsfrei gesichert. Das Rechenzentrum besitzt eine redundante, zusätzlich abgesicherte Einspeisung aus zwei Stromnetzen.
Sollten beide ausfallen, würden zunächst Batterien für einige Minuten die Stromzufuhr übernehmen, bevor Dieselgeneratoren den Weiterbetrieb ermöglichen. Dort, wo jetzt an den langen unterirdischen Gängen zum Rechenzentrum noch riesige Löcher im grauen Mauerwerk klaffen, werden bald schon schwere Stahltüren mit biometrischen Lesegeräten den Zugang regeln.
Wie unter einem Brennglas zeigen sich in der Region Stuttgart die Probleme, die Deutschland insgesamt beim Ausbau der Digitalisierung und der dafür nötigen Infrastruktur ausbremsen. Wie die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) mitteilt, ist die Nachfrage nach Rechenzentren in der Region „sehr hoch“. Doch könne man diese gerade bei großen Flächen und hohen Stromanschlussleistungen oft nicht bedienen.
„Denn die vorhandene Netzinfrastruktur ist in der Regel nicht für große Verbraucher ausgelegt“, räumt die WRS-Sprecherin Johanna Hellmann ein. „Grundsätzlich besteht ein Defizit an geeigneten Standorten.“ Und der Bedarf werde weiter wachsen. Deshalb fordert Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, „eine vorausschauende regionale Rechenzentrumsstrategie, die Flächen, Energie und Genehmigungen frühzeitig mitdenkt“.