Jürgen Lange, der Oberste Betriebsleiter des Zweckverbands Kandertalbahn, im Waggon, der jetzt am Bahnhof steht Foto: Ines Bode

Ein grüner Eisenbahnwaggon war bekannter und beliebter Teil des Gasthaus „Bahnhöfli“ in Hammerstein – bis Frühjahr 2023. Aber wie kam er dahin? Und wo ist er geblieben?

Der Waggon wurde mittels zweier Kräne auf die Schienen bugsiert, und zurück in den Heimatbahnhof Kandern gebracht. „Jetzt steht er auf einem Nebengleis“, teilt Jürgen Lange, Oberster Betriebsleiter des Zweckverbands der Kandertalbahn, mit.

 

Es ist ruhig geworden um den weithin bekannten Waggon. Doch das Innere präsentiert sich wie eh und je: Die Holzlattung der Bänke stamme wohl von 1920, sagt Lange im Gespräch mit unserer Zeitung. Auf ihnen hatte unlängst Landrätin Marion Dammann Platz genommen, denn für Tagungen sei das gute Stück bestens geeignet.

Die Rekonstruktion für die Schiene sei indes nicht absehbar. Wäre es keine Eisenbahn, könnte der alte Herr „in Rente gehen“. Doch die Lebensdauer rangiere in einer anderen Klasse. Eichenbohlen des Fahrgestells seien original und stammen von 1884. Wer die Hand unter das Gestell schiebt, kann die uralten Balken fühlen. Sie sind älter als die Ära der Kandertäler Bahnstrecke, die auf 1895 datiert ist.

Schon elf Jahre davor wurde der Wagen von der Sächsischen Staatsbahn gebaut, und 1938 von der Deutschen Eisenbahn Betriebsgesellschaft übernommen. In den 1950er-Jahren kam er nach Kandern, erhielt einen neuen Wagenkasten und bereicherte mit 60 Plätzen die Kandertalbahn, die gerade den Triebwagenverkehr einführte. Er sei direkt hinter der Lok gefahren, erzählt Lange. Auch wurde aus dem ursprünglich grünen Waggon ein roter. Die Farbe der Triebwagen sei rot.

Ein Teil des Gasthauses

Das funktionierte alles so lange, bis die Leute lieber Auto fuhren, und der öffentliche Bahnverkehr stillgelegt wurde. Das Erlahmen des Personenverkehrs ließ einen Wirt vorsprechen. Er hieß Erich Kern und betrieb mit Ehefrau Elfriede das „Bahnhöfli“ in Hammerstein. Anfang der 1980er-Jahre fragte er an, ob er sich sozusagen ein Zügli einverleiben dürfe. Der Plan ging auf. Es sollte eben das 1884er-Modell werden, der als Waggon Ci 46 an der Strecke „herumlungerte“. Er dockte, fachmännisch ausgeführt, an der Seite des Gebäudes an – und war ein Hingucker.

Der reguläre Bahnbetrieb ruhte schon lange, aber das Leben im Ci 46 florierte. Allerdings wechselte mit dem Standort auch die Farbe: von rot zu grün. Kern sorgte dafür, dass die Tische einzogen.

Unzählige Gäste speisten, feierten und erlebten schöne Stunden im Zügli, das Teils des Gasthauses „Bahnhöfli“ in Hammerstein war (Archivfoto). Foto: Alexandra Günzschel

Am längsten genutzt wurde die Leihgabe jedoch von den Nachfolgern, der Familie Golda. Tochter Saskia Golda schwelgt ihrerseits in Erinnerungen: Im „Bahnhöfli“ sei sie groß geworden, geblieben seien „wunderschöne“ Kindheitsbilder. Unvergesslich die Kindergeburtstage, Hochzeiten, Firmenfeiern – für viele der „herzlich auftretenden Gäste“ ein Höhepunkt. „Die Atmosphäre wurde sehr geschätzt.“ Monatliche Treffen gab es am Stammtisch – jeden Montag – „mit meiner Mama Petra, begleitet von spannenden Geschichten und Zusammenhalt“. Mit einigen stehe die Tochter noch in Kontakt.

Die Tochter der Wirtin schätzte die Freude der Gäste

Hinzu kamen Wanderer, die von der Wolfsschlucht-Tour einkehrten, oder Übernachtungsgäste, die ewig im Zügli saßen, um am nächsten Tag ihren Ausflug auf dem Westweg fortzusetzen. Oder jene Momente im „Bahnhöfli“ selbst, von Live-Musik begleitet, weshalb eine besondere Atmosphäre herrschte, als die Tochter klein war.

Dienstags habe es wohl immer Zwiebelwaie gegeben, und „mittags war alles ausgebucht“. Schöne Sommerabende in der Gartenwirtschaft gehörten später dazu, „voller Leben, Lachen und guter Gespräche“. Als Bedienung in der Gartenwirtschaft habe die Tochter immer die Freude der Gäste geschätzt.

Saskia Golda – ihre Familie hat lange das „Bahnhöfli“ in Hammerstein betrieben Foto: Saskia Golda

Im April 2023 wurde der Waggon abgeholt, „eine Riesen-Show für die gesamte Gegend“. Eisenbähnler waren da und die Kundschaft. Es sei das Herzensprojekt ihrer Eltern gewesen, sagt Saskia Golda. Für viele war das „Bahnhöfli“ ein Zuhause – „denn man ging zu Petra“. Die vor drei Jahren an Weihnachten zu früh verstorbene Wirtin habe einen Ort voll Wärme geboten, an dem sich alleinstehende Gäste geborgen fühlten. Noch heute werde die Tochter auf der Straße auf die Zeit im „Bahnhöfli“ angesprochen. „Und in der Saison von Mai bis Oktober winken mir immer noch meine Schaffner zu.“

Zügli fuhr unlängst vorbei

Unlängst erlebte ihre eigene Familie große Freude: Eines samstags sei ein Sonderzug vorbeigefahren. Trotz roter Lackierung riefen ihre Kinder: „Schau mal, Mama, unser Zügli ist dabei.“ Das hänge mit dem Window-Color-Bild zusammen, das sie als Kind an die Scheibe geklebt habe, um einen Steinschlag zu kaschieren.

Laut Lange hat es sich um eine Dienstfahrt zwecks Schulung der Lokführer gehandelt. Auch diese Aufgabe erfüllt der Ci 46 heute. Der Wechsel von grüner auf rote Farbe sei eine der ersten Handlungen nach dem Aus in Hammerstein gewesen. Lange selbst ist seit 40 Jahren im Ehrenamt – angeworben wurde er im Ci 46.