Recht so? Gabi Freudenberger mit einem ihrer betagten Kunden. Foto: Andy Reiner

Gabi Freudenberger ist Friseurin. Wilde Trendfrisuren will von ihr niemand. Ihre Kunden leben im Altenheim und sind dement oder pflegebedürftig.

Ilse Burger hat die Haare schön. Die Friseurin hat Profihände angelegt, Strähnen mit Wasser besprüht und abgeklemmt, Spitzen gestutzt und alles glatt geföhnt. Nun glänzt das weiße Haar, der Bob liegt wie eine Eins. Ilse Burger sitzt vor dem großen Spiegel und macht keinen Mucks. Die Seniorin ist dement, während des gesamten Prozederes hat sie nicht einmal die Augen geöffnet. Ob sie mitbekommt, wie schick sie aussieht?

 

Ilse Burger heißt eigentlich anders. Sie lebt im Tübinger Luise-Poloni-Heim. Die 60 Bewohner sind demenzkrank oder körperlich pflegebedürftig. Die Friseurin heißt Gabriele Freudenberger, aber alle sagen Gabi. Gabi Freudenberger kommt jeden Donnerstag ins Heim, um den älteren Männern und Frauen die Haare zu schneiden. Das Friseurhandwerk ist hier ein anderes als in einem Salon in einer wuseligen Fußgängerzone.

Hier haben Gespräche andere Themen. Sie drehen sich um Menschen, die nicht mehr sind, um Wohnungen, die nicht mehr bewohnt werden, oder sie verebben, weil Erinnerungen verschwinden. Hier beginnt es mitunter zu riechen, weil Kunden inkontinent sind. Hier will niemand einen Wolf Cut oder Wispy Bangs oder aussehen wie irgendwer auf Instagram. Hier richtet sich die Wahl des Haarschnitts danach, wie lange die Senioren halbwegs aufrecht sitzen können. Manchen schneidet Freudenberger die letzte Frisur. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu arbeiten“, sagt sie.

Mitunter kniet sie sich zu Patienten ins Bett, um die Haare zu schneiden

So anders wie ein gewöhnlicher Salon sieht ihr Arbeitsplatz im Luise-Poloni-Heim gar nicht aus. Seit dem Neubau gibt es ein Friseurzimmer. Zwei Frisierplätze mit Waschbecken, Wandverkleidung in heller Holzoptik, pinke Dosen mit Haarspray und Tuben mit Stylingmousse. Eine Pflegerin hat Ilse Burger im Rollstuhl hereingeschoben und vor dem Spiegel platziert. Auf einem Frisierstuhl sitzen? Unmöglich für Frau Burger. Freudenberger begrüßt sie, „Guten Morgen! Hallihallo!“, Ilse Burger schweigt.

Die Arbeit im Altenzentrum beansprucht die Friseurin auch körperlich, Freudenberger muss sich bücken. „Einen Rollstuhl kann ich nicht hochpumpen.“ Manche Heimbewohner sitzen schräg im Stuhl, andere können den Kopf nicht mehr gut nach vorne oder hinten bewegen. Andere können gar nicht mehr aufstehen. Mitunter kniet sich Freudenberger zu Patienten ins Bett und schneidet ihnen dort die Haare, während Pfleger die Senioren halten oder an der Bettkante sitzend stützen. Eine sensible Arbeit. „Bei Bettlägerigen muss man aufpassen, dass sie nicht kollabieren“, sagt Freudenberger.

Gabi Freudenberger, Sneaker, Jeans, Hoodie, Locken, ist 55. Mit ihrer Familie lebt sie in Bietenhausen, im nördlichsten Zipfel des Zollernalbkreises. Als Kind hat sie ihrer Oma gern die Haare auf Wickler gedreht, als Schülerin machte sie ein Praktikum bei einem Friseur. Sie absolvierte eine Lehre, bekam zwei Kinder, pausierte zwischenzeitlich im Beruf.

Vor zwölf Jahren las sie eine Stellenanzeige, in der eine Friseurin für Altenheime gesucht wurde. Sie bewarb sich und betreute zunächst zwei Altenzentren. Inzwischen sind es neun, alle zwischen Tübingen und Horb. Gabi Freudenberger ist von Montag bis Freitag unterwegs, fährt jeden Tag zu einem anderen. Manche besucht sie im Wochenturnus, andere monatlich. Angestellt ist sie in einem Friseursalon in Ofterdingen. Im Geschäft selbst hilft sie nur noch aus, wenn Not am Mann ist.

„Manche Demenzkranke wollen absolut nicht“

Der Kurzhaarschnitt von Maria Weber ist eine Mannschaftsleistung. Auch sie hat jenseits von Zeitungsreportagen einen anderen Namen, auch sie ist dement, auch sie sitzt im Rollstuhl am Frisierplatz, Pflegedienstleiterin Irina Lehmann auf einem Hocker neben ihr. Lehmann stützt und hält die Seniorin sanft am Rücken, während Freudenberger schneidet und den Nacken ausrasiert. Maria Weber spricht nicht. Aber sie bewegt sich am laufenden Band, lehnt sich nach vorne, zurück, würde aus dem Stuhl rutschen, ginge Lehmann nicht zur Hand. „Die Angehörigen haben sich gewünscht, dass sie eine schöne Frisur kriegt“, sagt Freudenberger.

So läuft es häufig. Heimbewohner, die nicht mehr selbst entscheiden oder sich mitteilen können, bekommen die Haare je nach Wunsch ihrer Verwandten geschnitten. Das Schneiden funktioniert nicht immer ohne Reibung. Krankheiten können Menschen renitent machen. „Es ist schwerer, mit Demenzkranken zu arbeiten. Manche wollen absolut nicht“, sagt Gabi Freudenberger. Natürlich zwingt sie keinen zu etwas. Mitunter bittet sie Angehörige zu den Terminen dazu.

Für andere Bewohner ist der Friseurbesuch ein Highlight. „Manche umarmen mich nach dem Schneiden und sagen: ‚Wow, sehe ich wieder super aus!“ Die Senioren befänden sich auf dem letzten Abschnitt ihres Lebenswegs, sagt Gabi Freudenberger. Sie seien dankbar, dass sie sie gepflegt aussehen lasse, wieder hübsch mache, ihnen zeige, dass das Leben noch lebenswert sei.

Gabi Freudenberger tobt sich nicht aus im Altenheim. Sie schneidet keine kapriziösen Laufsteg-Looks, taucht keinen Schopf in angesagtes Rosenholz-Blond. Färben ist bei älteren Menschen oft nicht machbar, weil sie dafür stundenlang sitzen müssten. Dauerwelle? Gleiches Problem. Meist werden es unkomplizierte Klassiker. Die Frisuren müssen von selber sitzen, auch wenn ihre Träger viel liegen. Die meisten Heimbewohner können nicht mehr allmorgendlich mit Gel und Haarwachs alles in Form pfriemeln. Das ist kein Job für Berufsanfänger. „20-jährige Friseure frisieren nicht in Seniorenheimen“, sagt Gabi Freudenberger. „Die wollen modische Frisuren machen.“

Senioren sind eine wichtige Kundengruppe für das Friseurhandwerk

Ältere Menschen sind eine wichtige und stabile Kundengruppe für das Friseurhandwerk. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnt diese Zielgruppe weiter an Bedeutung, wie der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) mitteilt. Unabhängig von Modetrends bleibe das Friseurhandwerk ein stark dienstleistungsorientiertes Gewerk, das sich an den individuellen Bedürfnissen aller Kundengruppen ausrichte.

Wie viele Friseure sich auf Pflegeheime spezialisiert haben, ist unklar. Der ZV erhebt dazu keine Daten. Auch etablierte Fortbildungen oder Zusatzqualifikationen für die Arbeit mit älteren, pflegebedürftigen oder demenzkranken Menschen sind dem Verband nicht bekannt. Einzelne Initiativen entstehen punktuell. Laut ZV gibt es beispielsweise Überlegungen aus dem Hospizbereich, sogenannte Letzte-Hilfe-Kurse auch für Friseure anzubieten. Diese Kurse sollen den sensiblen Umgang mit schwer erkrankten Menschen thematisieren.

Der Umgang mit Kunden gleich welchen Alters ist zentraler Bestandteil der Friseurausbildung. Lehrlinge lernen nicht nur, was man mit kaputten Spitzen und strohigen Mähnen macht, sondern auch, wie man kommuniziert. Denn plaudern wollen müssen alle Friseure. Und zuhören. Das Wetter, der nächste Urlaub, die letzte Scheidung, die Spargelpreise: Auf Frisierstühlen wird geredet, der nonchalante Austausch mit den Kunden gehört zum Friseurberuf wie Zwiebeln zum Rostbraten, es gibt ganze Leitfäden darüber, mit welchen Themen man als Friseur eine gute Unterhaltung eröffnet und Kundenbindung schafft. „Wir Friseure sind immer auch Psychologen“, sagt Gabi Freudenberger. „Die Kunden reden über ihre Probleme. Viele erwarten, dass man Ratschläge gibt.“ Ist im Pflegeheim nicht anders. „Nur noch extremer.“

Zwischen Föhn und Rundbürste kommen die großen Gefühle. Die schönen und die schlimmen. Einige von Gabi Freudenbergers Kunden sind Neuankömmlinge. Sie leben erst seit kurzem im Altenzentrum. Und damit seit kurzem nicht mehr daheim, nicht mehr im eigenen Haus, mit der eigenen Küche, dem eigenen Einbauschrank. Etwa, weil ihre Kinder arbeiten und sie nicht selbst pflegen können.

Gespräche mit solchen Bewohnern sind oft voller Schmerz. „Manche fragen dann ‚Wieso bin ich jetzt hier?‘ und fangen an zu weinen.“ Die Senioren seien aber auch froh, dass es Einrichtungen wie das Luise-Poloni-Heim gebe, sagt Freudenberger. Haare schneiden im Altenheim? Ist viel mehr als nur Haare schneiden.

Der Tod ist präsent

Manche erzählen ihre Lebensgeschichte. Von Kindheiten, die nicht so liebevoll waren, vom Ausharren im Luftschutzbunker während des Zweiten Weltkriegs, von verstorbenen Söhnen und Töchtern und Geschwistern. Der Tod ist präsent.

Eine der Bewohnerinnen im Luise-Poloni-Heim war früher selbst Friseurin. „Wir sind super klargekommen“, sagt Gabi Freudenberger. Gemeinsame Erfahrungen, gemeinsames Fachsimplen, von Expertin zu Expertin. Die Frau wurde dement. Immer weniger ging. Termine im Friseurzimmer konnte sie nicht mehr wahrnehmen, das Bett nicht mehr verlassen. „Wenn ich noch einen Wickler hätte, könnte ich mir wenigstens selbst den Pony eindrehen“, sagte sie einmal zu Freudenberger. Also brachte die ihr bei ihrem nächsten Termin im Heim einen Wickler mit. „Den Wickler hat sie freudestrahlend noch erkannt“, sagt Freudenberger. Ein paar Tage später starb die Frau.

Vieles dürfe sie nicht zu nahe an sich heranlassen, sagt Gabi Freudenberger. „Ich kriege ja mit, wie fit manche Menschen ins Heim kommen und wie schnell sie mitunter abbauen“, sagt sie. „Manchmal denke ich, o Gott, wer weiß, was uns einmal passiert!“