Wer zum Haareschneiden geht, tut etwas gegen die Verschmutzung der Weltmeere. Jedenfalls, wenn der Frisiersalon an der Aktion „Hair help the oceans“ teilnimmt – wie Nicole und Angelo Sciammacca in Villingendorf.
Angelo Sciammacca, Inhaber des Frisiersalons „Angelo“ in Villingendorf, breitet zur Illustration die Arme aus und hält die Hände in Höhe der Schultern. „So einen Sack mit 200 Litern“, sagt er, „füllen wir alle 14 Tage mit den Haaren der Kunden.“ Bisher sei das Restmüll gewesen, der entsorgt werden musste.
Aber Menschenhaare seien viel zu wertvoll, um sie einfach wegzuwerfen, finden Angelo Sciammacca und seine Frau Nicole. Deshalb nehmen sie mit ihrem Salon seit neuestem an der Aktion „Hair help the oceans“ teil – und tragen damit vielleicht ein wenig dazu bei, die Verschmutzung der Ozeane und anderer Gewässer zu bekämpfen. „Waschen, schneiden, Weltmeere retten“ könnten Kunden künftig also im „Salon Angelo“ bestellen.
Haare können unglaublich viel Öl binden
Dass menschliche Haare ein sensationeller Rohstoff sind, hatte schon vor Jahren die französische gemeinnützige Organisation „coiffeures justes“ entdeckt. Seit 2015 kümmert sie sich darum, dass Haare sinnvoll genutzt werden. Denn sie haben unter anderem die folgende sensationelle Eigenschaft: Sie können unglaublich viel Öl binden – ungefähr das achtfache ihres Eigengewichts.
Das wurde schon spektakulär ausgenutzt, etwa bei einer großen Ölpest im Jahr 2019 vor Mauritius, als Menschenhaare eingesetzt wurden, das aus einem Tanker auslaufende Öl aufzufangen. In Frankreich sammeln inzwischen bereits tausende Friseure Haare für „coiffeures juste“. Bei unseren westlichen Nachbarn sorgen sie verpackt in Nylonsäcke bereits in großem Stil dafür, dass Öl bei Unfällen aus dem Wasser gezogen wird, dass Verunreinigungen beim Betanken von Schiffen vermieden werden oder dass an Stränden die Sonnenmilch nicht im Meer verbleibt.
Die Produkte werden kostenlos abgegeben
Hierzulande ahmt seit Anfang 2022 die Organisation „Hair help the oceans“ mit Sitz in Bückeburg (Niedersachsen) das französische Vorbild nach. Anfangs habe man „coiffeures justes“ nur mit einer einmaligen Haarspendenaktion unterstützen wollen, berichtet der Initiator Thomas Keitel. Die Resonanz von Medien und Öffentlichkeit sei darauf aber so gewaltig gewesen, dass er und sein Mitstreiter, der Bückeburger Friseur Emidio Gaudioso, beschlossen: „Wir müssen das für ganz Deutschland aufziehen.“
Die kleine Organisation gibt ihre Anti-Öl-Produkte kostenfrei weiter und arbeitet aktuell daran, internationale Kontakte zu knüpfen, zum Beispiel mit Partnern in Polen und in Norwegen. „Um wirklich etwas zu bewegen, muss man das weltweit aufziehen“, ist Thomas Keitel überzeugt.
Frisiersalons tragen die Kosten für Transport und Produktion
In Deutschland beteiligen sich von den rund 80 000 Frisiersalons bisher etwa 270 – mit dem Salon Angelo in Villingendorf als einem der ersten im Landkreis Rottweil. Die 100 Liter Haare, die dort wöchentlich anfallen, sollen jetzt nach Bückeburg gehen. Sobald sich ein Karton gefüllt hat, kann Angelo Sciammacca „Hair help the oceans“ alarmieren. Dann kommt ein Paketdienst vorbei, der die haarige Ware abholt.
Die Kosten für Abholung und für die Weiterverarbeitung der Haare finanziert „Hair help the oceans“ aus dem Beitrag, den die teilnehmenden Salons zahlen. Auf der anderen Seite sparen die Friseure vielleicht etwas Geld, weil weniger Müll entsorgt werden muss. „Darauf kommt es aber gar nicht an“, sagt Angelo Sciammacca. Wichtiger sei es, dass die Haare sinnvoll verwendet werden.
Denn Nachhaltigkeit haben sich Nicole und Angelo Sciammacca schon lange auf die Fahne geschrieben. Seit etwa zehn Jahren nehmen sie zum Beispiel an der Aktion eines Kosmetika-Produzenten teil. Der sorgt gegen eine Abgabe dafür, dass irgendwo auf der Welt eine bestimmte Zahl Bäume gepflanzt wird – jeweils entsprechend dem CO2-Ausstoß, den der jeweilige Salon verursacht. „Auf diese Weise arbeiten wir jetzt schon praktisch CO2-neutral“, sagt Angelo Sciammacca.