Zahlreiche deutsche Nationalspieler stehen bei der TSV Hannover-Burgdorf unter Vertrag. Der Star ist Renars Uscins, die Entdeckung der Olympischen Spiele. An diesem Freitag gastiert er mit den Recken bei Frisch Auf Göppingen.
In Hannover haben sie auf den Handball-Hype um die vielen deutschen Nationalspieler reagiert. Nach den Spielen der Recken sieht es auf dem Parkett der ZAG-Arena aus wie vor der Gepäckkontrolle am Flughafen. Mit Flatterbändern wird versucht, den Ansturm der Autogramm- und Selfie-Jäger in geordnete Bahnen zu lenken. Im Mittelpunkt steht dabei in besonderem Maße stets ein Mann: Renars Uscins.
Gala gegen Füchse
Erst recht nach so einem Gala-Auftritt wie am vergangenen Sonntag. Zum beeindruckenden 38:35-Bundesliga-Heimsieg der TSV Hannover-Burgdorf vor über 8700 Zuschauern gegen Supercup-Gewinner Füchse Berlin trug der Rückraumspieler ganz wesentlich bei – mit elf Toren, genialen Anspielen, einer insgesamt einfach bärenstarken Leistung.
Der nahbare, betont aufgeschlossene 22-Jährige findet dann unmittelbar vor oder nach dem Bad in der Menge immer auch noch die richtigen Worte: „Das war ein verrückter Kampf. Jede große Mannschaft wie die Füchse zu schlagen ist etwas Besonderes, doch so richtig wertvoll ist solch ein Sieg erst, wenn wir unser nächstes Spiel auch gewinnen.“ Dieses nächste Spiel steigt an diesem Freitag (19 Uhr/EWS-Arena) bei Frisch Auf Göppingen. Uscins trifft dabei auf einen seiner besten Kumpels aus gemeinsamen Zeiten beim Bergischen HC, David Schmidt. Auch die beiden Trainer verstehen sich prächtig. Ex-Bundestrainer Christian Prokop und Frisch-Auf-Coach Ben Matschke funken auf einer Wellenlänge, haben eine ähnliche Philosophie.
Ihren modernen, attraktiven und emotionalen Tempohandball versuchen sie jedoch mit Spielern unterschiedlicher kultureller Prägung umzusetzen. Bei Frisch Auf ist nach dem Umbruch der skandinavische Einschlag auffällig (unter anderem fünf Schweden), die Recken sind dagegen so etwas wie der TSV Deutschland. Neben Uscins gehören Marian Michalczik, Justus Fischer, Martin Hanne, Lukas Stutzke und Torwart Joel Birlehm zum Kreis der Nationalmannschaft, hinzu kommen die Stamm-Außen Marius Steinhauser und Vincent Büchner, ebenfalls mit deutschem Pass.
Gislason schaut gerne nach Hannover
Prokops Bundestrainer-Nachfolger Alfred Gislason schaut jedenfalls gerne nach Hannover. „Die Leistungen unserer Nationalspieler sind für uns Gold wert, weil es uns einen Schub an Aufmerksamkeit gibt, einen enormen Imagegewinn für uns darstellt“, sagt Prokop. Sein absolutes Aushängeschild ist dabei Renars Uscins. Es gibt einige Spieler in der Bundesliga, die härter werfen und spektakulärer durch die Luft fliegen. Er ist mit seinen 1,89 Metern auch nicht der Größte und Kräftigste – aber der Schlauste, ähnlich wie Welthandballer Mathias Gidsel.
Uscins behält in Stresssituationen kühlen Kopf, wird nie hektisch, zeigt sich handlungsschneller als seine Gegenspieler und übernimmt Verantwortung. Prokop nennt seinen Linkshänder den „Mann mit dem Handball-IQ“.
Uscins hat als Kapitän die U-21-Nationalmannschaft im Sommer 2023 zum WM-Titel im eigenen Land geführt, er hatte gute Auftritte bei der Heim-EM Anfang 2024, als er ins kalte Wasser geworfen wurde. Doch endgültig so richtig angekommen bei den Nicht-nur-Handball-Insidern in der Sportöffentlichkeit ist er mit seinen 14 Toren (vier davon in der Verlängerung) im Hexenkessel in Lille beim irrwitzig-dramatischen 35:34 im Viertelfinale der Olympischen Spielen gegen das Starensemble von Gastgeber Frankreich. Es war das Spiel seines noch jungen Lebens.
Das hat einst in Lettland begonnen. Im Alter von drei Jahren zog er mit seiner „bodenständigen, ehrgeizigen, positiv-handballverrückten Familie“ (Prokop) nach Deutschland. Sein Vater Armands spielte in der zweiten Liga beim Dessau-Roßlauer HV, den Filius zog es mit 13 ins Internat zum SC Magdeburg, über die Zwischenstation Bergischer HC landete er 2022 in Hannover. Gleich im ersten Jahr gelang mit Platz sechs die Qualifikation für die European League.
Diese Zusatzbelastung fällt in dieser Saison weg, das Ticket für die internationale Bühne wurde mit Platz sieben in der Abschlusstabelle 2023/24 knapp verpasst. Das ändert nichts daran, dass für Uscins die Pause zwischen Olympia und dem Saisonstart extrem kurz war. „Das grenzt schon an fahrlässiger Körperverletzung. Das wissen alle, nur es ändert sich nichts“, sagt Prokop zu diesem Thema.
Entwicklung geht weiter
Ob sein Vorzeige-Schützling möglicherweise im Herbst einen Durchhänger bekommt, weiß keiner. Fest steht: Uscins ist sehr gut in die neue Runde gestartet – woran auch sein Coach nach dem Triumph gegen die Füchse keinen Zweifel ließ: „Die Entwicklung nach Olympia geht bei Renars weiter, er ist im Alltag richtig gut angekommen. Das zeigt er dem Bundestrainer, das zeigt er uns.“ Und das zeigt er bestimmt auch den Zuschauern an diesem Freitag in Göppingen.