Roland Schmidt spricht von einem einzigartigen Ensemble auf dem Friedhof.
Der Erste Bürgermeister der Stadt Albstadt kennt sich in Sachen Friedhöfe sehr gut aus. Schließlich hat er seine Masterarbeit zum Thema „urbanes Bestatten“ geschrieben (wir berichteten). Was sagt er als Fachmann zur Friedhofskapelle in Ebingen, die sanierungsbedürftig ist? Abriss oder Erhalt?
Zumal das im Jahr 1899 errichtete Jugendstilgebäude 99 Jahre später in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen wurde. Die Kapelle befand sich einst im Eigentum der Ebinger Kirchengemeinde, wurde aber vor 25 Jahren durch Schenkung der Stadt Albstadt überlassen.
Schon einmal hat sich ein Förderverein dafür eingesetzt, dass das Schmuckstück auf dem Ebinger Friedhof saniert wird, indem man Spenden sammelte und Handwerker ihre Arbeitsleistung nicht in Rechnung stellten. Einige Jahre später wurden durch eindringendes Regenwasser die Holzbalken morsch und stellten die Tragfähigkeit für die imposante Kuppel infrage. Wieder bildete sich ein Arbeitskreis, der sich seither für den Erhalt und die erneute Sanierung des Kleinods einsetzt.
Geschätzte Kosten: 1,2 Millionen Euro
Geschätzte Kosten von bis zu 1,2 Millionen Euro stehen seither im Raum. Der achteckige Kuppelbau wurde im Stil der frühchristlichen Grabes- und Taufkirchen errichtet.
„Die Sanierung der Friedhofskapelle ist bisher sehr emotional aufgeladen“, stellt Bürgermeister Roland Schmidt seit seinem Amtsantritt am 1. September vergangenen Jahres fest. Von vielen Seiten hat man ihn diesbezüglich angesprochen.
Er ist bei seinen Recherchen zum neuen Wirkungsort in einer Broschüre der Stadt Albstadt interessanterweise auf die Abbildung einer Postkarte aus dem Jahr 1910 gestoßen. Was auf dem Schwarz-Weiß-Bild dominiert, ist die Friedhofskapelle im Vordergrund: „Diese Kapelle hat Kriege, Elend, Not und auch Finanznöte überlebt“, zeigt sich der studierte Stadtplaner beeindruckt. „Darauf muss man stolz sein.“
„Dieses Ensemble ist einzigartig.“
Anderswo hat man in schlechten Zeiten alte Bauwerke abgetragen, um die Steine und Balken als Baumaterial wiederzuverwenden. Nicht so in Albstadt.
„Dieses Ensemble ist einzigartig. Noch dazu in einer relativ kleinen Stadt wie Albstadt“, verweist Roland Schmidt auf die Kombination von Friedhofskapelle mit Leichenhäusle. In dieser Verbindung und Schönheit finde man dies noch nicht einmal in manchen Großstädten. Das Ensemble bilde eine Liturgie ab, diene als Schwelle vom Reich der Lebenden in das der Toten.
Noch dazu sei es „Kunst pur“, so der Baubürgermeister, und deshalb schützenswert. „So viel Haltung einer Stadtgesellschaft muss sein.“ Man müsste den Wert der Friedhofskapelle in Albstadt erkennen und schützen, so Schmidt.
Friedhof als Lapidarium
Ein Friedhof sei gewissermaßen auch ein Lapidarium, also eine Sammlung von Steindenkmälern. Wie eine Art Kunstsammlung in sakralem Gelände. Letztlich gehe es um den handwerklichen Anspruch der Steinmetze und die Würde, die solch ein Friedhof mitsamt seiner Baudenkmäler ausstrahle, erklärt Roland Schmidt.
Letztlich kann man solch einen Friedhof auch als Park verstehen, in dem man sich aufhält, die Kunstwerke bewundert und innehalten kann. Im Frühsommer will er sich deshalb daran machen, den tatsächlichen finanziellen Bedarf zu ermitteln – schließlich ist er ja als Bauingenieur darin geübt – und mit den Vertretern des Arbeitskreises ins Gespräch kommen, welche Nutzung man andenken könne. Am besten vielfältig und gerne außergewöhnlich.
Alle müssen an einem Strang ziehen
Dann gehe es darum, dass alle an einem Strang zögen, erklärt der Bürgermeister und meint damit Spenden und Sponsoren sowie öffentliche Mittel. Eventuell könne man aus dem 26-Millionen-Euro-Fördertopf für die Sanierung der Friedhofskapelle Zuschüsse erhalten.
So oder so sieht der Erste Bürgermeister durchaus Möglichkeiten, die Türen der Friedhofskapelle, die seit 2015 dauerhaft geschlossen sind, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vielleicht zu einer Lesung mit Werken von Edgar Allan Poe, sinniert Roland Schmidt schmunzelnd.