Nach der Dankesrede des Friedenspreisträgers Karl Schlögel müsste allen klar geworden sein, was in Europa die Stunde geschlagen hat – und was man von der Ukraine lernen kann.
Putin bombt, ein in selbsternanntem Gottesgnadentum schwelgender amerikanischer Präsident schwadroniert, und in Deutschland ist eine Partei im Aufwind, die mit dem Schlechtesten aus beiden Welten fraternisiert. Das ist die Lage, in die in der Frankfurter Paulskirche die Rede des diesjährigen Friedenspreisträgers Karl Schlögel klingt. Und wäre, was unter der schirmenden Kuppel dieser säkularen Kathedrale einer demokratischen Freiheitsbewegung geschieht, nicht dem unterworfen, was man kommunikationstheoretisch mittlerweile eine Blase nennt, müsste an diesem Sonntagmorgen noch den Letzten klar geworden ein, was sich gerade mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine vollzieht.
Denn hier spricht ein Russlandversteher, der seit seiner Jugend alles daran gesetzt hat, den Horizont Richtung Osten zu erweitern, der den Raum seiner Leidenschaft in seinen historischen Tiefenschichten wie in allen Ausprägungen gegenwärtiger Lebenswelten als Reisender, Wissenschaftler, Publizist durchmessen hat – und der doch zu gänzlich anderen Ergebnissen kommt als jene, die im Talksalon der Meinungsbildung mit dem Titel Russlandversteher belegt werden.
Es ist bei dieser Festveranstaltung viel von Haltung die Rede. Doch vor der Haltung kommt die Methode. Als deren Antrieb benennt die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja in ihrer Laudatio die Liebe zu den Menschen und den Räumen, in denen sich ihr Leben abspielt; als ihr Prinzip, den auf verschiedenen Wegen unternommenen Versuch, die vielfältigen Verflechtungen der menschlichen Schicksale freizulegen, die unter den Ablagerungen der Ideologien verschüttet waren; als ihre Ethik aber die direkte Anschauung, das eigene Erleben.
Die russische Aggression hat der Epoche der Annäherung ein Ende bereitet, in der der Bauernsohn aus dem Unterallgäu einmal ostwärts aufgebrochen ist, um fortan in einer Prosa, die sich wissenschaftlicher Unzugänglichkeit enthält, das Eigene im Fremden zu finden. Vielleicht werde jemand einmal ein Lexikon der Verbindungen im Werk von Karl Schlögel schreiben, sagt Katja Petrowskaja. Doch mit der Annexion der Krim 2014 sind die Fäden gerissen.
Die Autorin wurde mit ihrem Roman „Vielleicht Esther“ bekannt, in dem sie die Geschichte ihrer von der deutschen Wehrmacht ermordeten und vertriebenen jüdischen Vorfahren erzählt. Menschen wie sie sind gemeint, wenn Putins Scharfmacher von „ukrainischen Nazis“ sprechen. In ihrer emotionalen Rede kommt sie auch auf eine Eigenschaft zu sprechen, die einer Haltung erst ihre Glaubwürdigkeit verleiht. Sie erinnert daran, wie Schlögel sich im Frühling 2022 in einem Fernsehgespräch dafür entschuldigt habe, dass er als Slawist, als Historiker und Fachmann diesen Krieg nicht vorhergesehen hatte: „Auf eine solche Entschuldigung hatte man vergeblich von den Politikern, Sicherheitsexperten oder sonst wem gewartet, die uns mit ihrem ‚Wandel durch Handel‘ den ewigen Frieden versprochen hatten und die auch nach 2014 weiter mit dem Kriegsverbrecher verhandelten.“
Hier schließt die Dankesrede des Friedenspreisträgers an, die von der Notwenigkeit erzählt, im Blick auf die „neue Weltunordnung“, des Wegbrechens eines vertrauten Erfahrungshorizontes, alles noch einmal neu zu denken. „Wir müssen wieder ganz von vorne beginnen, weil uns in tiefer Ratlosigkeit die Worte fehlen, um zu beschreiben, was vor unseren Augen geschieht.“
Karl Schlögel sieht Putin zu jeder Grausamkeit bereit
Selten aber hat an dieser Stelle jemand eindringlicher in den Blick gerückt, was durch das von Putin aufgestoßene Tor, durch das der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, zu sehen ist. „Keine Grausamkeit, die seine Truppen nicht begangen haben. Nichts und niemand, der nicht zur Zielscheibe von Drohnen und Raketen geworden ist.“
Lange habe man in Deutschland gebraucht, sich einzugestehen, womit man es mit Putins Russland zu tun hat. Und immer noch werde versucht seiner Politik einen tieferen Sinn zu unterlegen: Demütigung der einstigen Supermacht, Einkreisungsängste, Sicherheitsbedürfnis, Kampf um Anerkennung. In Wirklichkeit jedoch gehe es um die imperialen Ambitionen einer russischen Welt, die keine Grenzen kennt.
Angst ist Putins wichtigste Waffe
Genau beschreibt Schlögel die Mittel, die der Autokrat in Moskau neben dem Militärischen nutzt: Wie er die Angst bewirtschaftet im kalkulierten Rühren an das nukleare Tabu, wie er das Prestige der russischen Kultur in Stellung bringt, sich mit diplomatischen Finten Zeit erkauft und durch Desinformationskampagnen die Grundlage jeder Urteilsbildung in einer offenen Gesellschaft zerstört. Dies alles in einem Augenblick, in dem sich die geopolitischen Kräfte und Allianzen umgruppieren und Europa sich neben dem Putinismus nun auch noch dem Trumpismus konfrontiert sieht.
Schlögel mündet in eine Würdigung des ukrainischen Widerstands. Er helfe zu verstehen, mit wem man es zu tun hat: „Mit einem Regime, das die Ukraine als unabhängigen Staat vernichten will und das Europa hasst. Sie zeigen uns, dass dem Aggressor entgegenzukommen nur dessen Appetit auf noch mehr steigert und dass Appeasement nicht zum Frieden führt, sondern den Weg in den Krieg ebnet.“
Zum Erschütternden dieser Friedensrede gehört neben dem, was sie in eindrucksvoller Klarheit benennt, die Ahnung, dass die Fraktion der Putinversteher sie in eine Kriegsrede umdeuten wird. Sei es, weil sie nicht bereit sind, den Nominalismus ihrer in anderen Zeiten erworbenen pazifistischen Lebensleistung zu überdenken, sei es, weil sie insgeheim mit der Auffassung sympathisieren, das schwache, aufgeklärte, tolerante Europa habe den Untergang verdient. Wenn sie die Oberhand gewinnen, könnte der Krieg umso schneller näherrücken und akut werden, mit was Schlögel schließt: „Von der Ukraine lernen, heißt furchtlos und tapfer sein, vielleicht auch siegen lernen.“