Worte für ein friedliches Verstehen von Unterschieden: Tsitsi Dangarembga Foto: AFP/THOMAS LOHNES

In der Frankfurter Paulskirche ist die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. In ihrer Dankesrede zieht sie eine Linie vom Kolonialismus bis in die Debatten, die die diesjährige Buchmesse bestimmt haben.

Frankfurt - Sie fühle sich wie der Prophet Jona im Bauch des Wales, beginnt die Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga ihre Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und sie meint damit nicht den weiten Innenraum der Frankfurter Paulskirche, sondern ein Eingeschlossensein, das grundlegender ist, und nicht nur die umgreift, die dem säkularen Hochamt zum Abschluss der Buchmesse in der Kathedrale der Demokratie beiwohnen, sondern alle. Es ist das Eingeschlossensein in einer Welt, in der die Ozeane über die Ufer treten, die Temperaturen steigen, das Klima sich wandelt, trotz wissenschaftlichen Fortschritts Krankheiten wüten, Hunger herrscht und Schwarze Menschen im Meer ertrinken auf dem Weg zu denen, deren selbstherrlicher Rationalismus die Lage erst so aussichtslos gemacht hat.

 

Es ist auch eine Welt, die sich über identitätspolitischen Fragen entzweit und in der sich People of Colour auf einer Buchmesse von Rechtsradikalen bedroht fühlen. Während der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann die Grenzen der Toleranz bestimmt, entert die Diversitätsaktivistin Mirrianne Mahn vom Kulturausschuss der Stadt das Podium. Die Anwesenheit rechter Verlage auf der Messe habe mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. Menschenverachtenden Ideologien dürfe in Frankfurt kein Podium geboten werden. Sie könne es nicht ertragen, dass die Buchmesse hier für einen Diskurs gelobt werde, der für andere Menschen, Schwarze Frauen wie sie, existenziell sei. Das sind starke Worte, und sie unterstreichen eben jene Notwendigkeit, Denkmuster zu überprüfen und zu ändern, auf die Tsitsi Dangarembga in ihrer eindringlichen Rede hinführt.

Das Erbe des westlichen Imperiums

Die diesjährige Preisträgerin wurde 1959 in Simbabwe geboren, in einem Staat, der damals noch Rhodesien hieß und heute von Feindschaften zerrieben wird, deren Saat einst weiße Siedlern gelegt haben. In ihrer Rede skizziert sie die brutalen Praktiken, die ökonomischen, physischen und metaphysischen Gewaltakte, mit denen die Vorreiter des Britischen Empire die örtliche Bevölkerung unter ihre Kontrolle gebracht haben. Das Erbe von Unterdrückung und Rassismus wirke bis heute fort: „Wir sollten nicht überrascht sein, dass Gewalt – physische, psychologische, politische, ökonomische und genozidale – zu oft in postkolonialen Ländern an der Tagesordnung ist“, sagt Tsitsi Dangarembga. Es seien die Strukturen des westlichen Imperiums, in denen sie wurzelten.

Was es heißt, sich gegen sie zu behaupten, hat die Autorin in ihrer Romantrilogie um die Protagonistin Tambudzai ausgeführt, deren erster Band „Aufbrechen“ von der BBC auf die Liste der 100 Bücher gesetzt wurde, die die Welt verändert haben, und deren dritter Teil, „Überleben“, in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Sie habe bei der Lektüre erst das ganze Ausmaß von Tambudzais Ausweglosigkeit begreifen können, aber eben auch jeden Versuch, wieder aufzustehen, würdigt die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs in ihrem Grußwort das Werk.

Ausweg aus dem Bauch des Wals

Wie könnte dieser Versuch in dem hier entworfenen globalen Zusammenhang aussehen, der Versuch, dem Bauch des Wals zu entkommen? Tsitsi Dangarembga analysiert scharfsinnig den Zusammenhang hierarchischer Denkweisen mit dem Bestreben nach maximalem Profit. Wer einzig profitiere, sei das Subjekt des westlichen Rationalismus. „Ich denke, also bin ich“ – dieser philosophische Lehrsatz Descartes’knüpfe die Seinsbedingung an ein bestimmtes Denken und bestreite davon abweichenden Denkweisen ihr Daseinsrecht, führt die Autorin aus. Man könne nur allzuleicht zu dem Schluss kommen, dass ein Geist, der sich anderer Inhalte bedient, überhaupt nicht denkt und also überhaupt kein „Ich“ darstellt. Und genau in dieser differenziellen Zuschreibung von Menschlichkeit liege der Grund für die global grassierende Gewalt.

„Die Aufklärung der vergangenen Jahrhunderte ist abgelaufen, wir alle auf diesem Planeten brauchen heute dringend eine neue Aufklärung.“ In dem Teil der Welt, in dem sie aufgewachsen ist, sei der Kern der Lebensphilosophie einmal die Maxime gewesen: „Ich bin, weil Du bist“.

Herzliche Laudatio

Vielleicht ist es etwas von dieser Idee, was die Laudatio der Soziologin und Germanistin Auma Obama so anrührend macht: der Ausdruck von Stolz, Freude, Anteilnahme. Die Halbschwester des früheren US-Präsidenten hat einst mit der heute Geehrten an der Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert und erfahren, wie man weit weg vom Vertrauten lernt, sich selbst klarer zu sehen. Die Worte, mit denen sie ihre Freundin würdigt, sind wohl die herzlichsten, die hier je gefallen sind.

Aber wo fangen die neuen Denkmuster an? Dort, wo wir den Gebrauch von Wörtern und ihren Einfluss auf unsere Gedanken hinterfragen: ob sie zu einem friedlichen Verstehen von Unterschieden beitragen oder zum Gegenteil. Für ersteres hat diese Rede Maßstäbe gesetzt.

Info

Autorin
Tsitsi Dangarembga wurde am 14. Februar 1959 in Mutoko im heutigen Nordosten von Simbabwe gehören. Die Bücher ihrer Romantrilogie erzählen vom Leben einer nach Selbstbestimmung strebenden Frau im postkolonialen Simbabwe.

Termin
m 1. November stellt Tsitsi Dangerembga im Literaturhaus Stuttgart den letzten Band ihres Zyklus’, „Überleben“, vor.