Einfach mal klingeln oder klopfen ohne sich vorher anzukündigen? Das empfinden manche als Überfall. Foto: New Africa - stock.adobe.com

Wenn man mal schon in der Gegend ist, da könnte man doch einfach mal bei Freunden vorbeischauen. Eine gute Idee? Unsere Autorinnen sind unterschiedlicher Meinung.

Wenn man gerade schon in der Gegend ist, könnte man einfach bei Freunden klingeln und schauen, ob sie Zeit haben für einen Kaffee. Ist das eine gute Idee oder mehr wie ein Überfall? Unsere Autorinnen sind sich nicht einig – es gibt Argumente dafür und dagegen.

 

Muten Sie sich anderen zu!

Wie war das noch in dieser Kindheit in den 80er Jahren? Heimgerast von der Schule, flugs was runter geschlungen. Schon ging es zur besten Freundin Melanie. War die mal nicht da oder musste noch Hausaufgaben machen, wurde halt ein paar Straßen weiter geklingelt. Bei Bianca mit dem tollen Barbie-Haus zum Beispiel. Gemeinsam strolchte man weiter, sammelte ein paar andere ein. Stibitzte heraushängende Blumen aus den Schrebergärten, schaute bei der alten Nachbarin vorbei: „Dürfen wir den Bobby Gassi führen?“

Oder ein paar Jahre später im Studium dann. Bestand das nicht hauptsächlich aus Spontanbesuchen in anderen WGs, die sich zu Spontangelagen bis in den nächsten Morgen hinein auswachsen konnten? Oder halt nach einem Kaffee vorbei waren. Was soll’s! Jaja, schon klar: Wir waren jung und schwammen im Meer des Müßiggangs wie Dagobert Duck in seinen Goldtalern. Freie Zeit war eine unendliche Ressource, die wir verschwendeten ohne Sinn und Verstand, Health Tracking und Outlook-Kalender. Vielleicht spiegelte sich darin auch die unbekümmerte Maßlosigkeit unserer Boomer-Eltern. Der Spontanbesuch als Ausdruck persönlicher Freiheit, die für den anderen eben auch mal eine Zumutung sein durfte. Der hätte dem unangemeldeten Besuch ja jederzeit die Tür vor der Nase zumachen dürfen. Mit so etwas konnte man umgehen – ganz ohne Triggerwarnung.

Heute leben wir im Zeitalter der ressourcenschonenden Effizienz einerseits und der ausufernden Termine andererseits. Gemeinsam lassen sie der Spontanität, die immer etwas herrlich Unvernünftiges hat und aus der so viel erwachsen kann, kaum Raum. Wer Unerwartetes mit Freunden sucht, muss den Escape-Room buchen, aber bitte rechtzeitig.

Schon Kleinkinder strampeln im Korsett aus Kitabetreuung, Musikgarten, Wassergewöhnungskurs und Kinderturnen. Die Verabredung eines Playdates bedarf 351 Whatsapp-Nachrichten in der Mütter-Gruppe – oder einer Doodle-Abstimmung.

Auch unter Erwachsenen verhindert die übervolle Kalender-App monatelang Treffen mit Freunden, bei denen es nur – verrückt! – ums gänzliche ineffiziente Beisammensein geht. Also verabredet man sich für eine Sushi-Slot von zwei Stunden in einem halben Jahr. Falls man dann noch lebt. Eine Ungeheuerlichkeit anscheinend auch, wenn das Telefon klingelt und der Gesprächsbedarf nicht vorher via Nachricht ankündigt war. „Anrufe bitte nur in dringenden Fällen“ steht in manchen Whatsapp-Profilen. Woran bemisst sich bitte Dringlichkeit?

Den anderen mit der eigenen Anwesenheit, auch Körperlichkeit zu konfrontieren, scheint endgültig zur unzumutbaren Zumutung verkommen. Wer’s dennoch tut, legt eine Rüpelhaftigkeit an den Tag, die so gar nicht mehr ins achtsame Miteinander einer (über)empfindsamen Zeit zu passen scheint. So wird verhindert, dass Menschen auch mal unversehens aufeinander prallen, sich einander aussetzen, sich aushalten. In diesem Sinne: Schauen Sie doch mal wieder bei einem Freund vorbei. Schlimmstenfalls hat der keine Lust, Blumen stibitzen zu gehen.

Lisa Welzhofer

Bitte kein Überfall!

Als wir vor einigen Jahren mit unserem neugeborenen Baby aus der Klinik nach Hause kamen, verließen wir die Welt, wie wir sie kannten. In den darauffolgenden Tagen hatte unser Schlafrhythmus nichts mehr mit den etablierten Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu tun, auch nicht mit Sonnenwinkel und Erddrehung. Wir wurden zu Maulwürfen, gingen nur sporadisch nach draußen und wunderten uns dann, dass die Sonne schien und die Leute so taten, als wäre alles beim Alten.

Nach einigen Tagen in dieser neuen Lebensdimension erschreckte uns ein grelles Geräusch. Es war die Türklingel. In der Einfahrt standen Freunde, sie wollten zum Baby gratulieren und es sehen – „nur ganz kurz!“ Also gut, man bat sie herein, das Baby war jetzt sowieso wach. Die Besucher erschienen wie Wesen von einem anderen Stern: Ihre stilvollen Kleider waren sauber und rochen gut, ihre Frisuren frisch geföhnt. Wir standen in unseren verwaschenen Jeans vor ihnen, die Haare hinten unfreiwillig auftoupiert, unsere Shirts war übersät mit Spuckflecken.

Im Wohnzimmer schoben wir Kissen und Decken am Sofa beiseite, um den Freunden Platz zu schaffen. Im Bücherregal sah ich eine halb volle Bierflasche, die mein Mann an einem der vergangenen Abende wohl dort abgestellt und vergessen hatte. Mit einem schreienden Baby auf dem Arm sollte ich mit dem Besuch zum Small Talk übergehen, mein Mann warf in der Küche die Kaffeemaschine an. Ein wahrlich schräges Szenario.

Doch mir fällt auch jenseits des Wochenbetts kein Alltagsmoment ein, in dem ich es angebracht fände, unangekündigt besucht zu werden. Liebe Freunde, es ist sicher nicht böse gemeint, aber: bitte nicht! So etwas ist nämlich kein Besuch, sondern ein Überfall. Der Besuchende hat es gut, er kann den Zeitpunkt bestimmen, sich vorbereiten. Der Besuchte wird um diese Möglichkeiten gebracht. Man überrumpelt ihn, er darf nicht mitentscheiden, wann dieses Treffen in seinem Haus stattfindet, meist wird er von etwas abgehalten, das er im Begriff war zu tun.

Es gibt zudem einen Unterschied zwischen der eigenen öffentlichen und privaten Person. Geht man zur Arbeit oder mit Freunden aus, überlegt man, was man anzieht, erscheint im besten Fall in gepflegter Eleganz und mental bereit, soziale Interaktion einzugehen. Zu Hause sieht man bisweilen aus wie der Grüffelo in Yogahose, der seine Höhle schon länger nicht mehr gefegt hat. Anderen würde man diesen Anblick gerne ersparen. Natürlich könnte man auch beschließen, die Tür nicht zu öffnen. Doch eigentlich sollte das Haustürschloss zum Schutz vor Einbrechern dienen – nicht vor übergriffigen Besuchern.

Was spricht dagegen, vorher kurz abzustimmen, wann man kommen darf? Das lässt sich doch schnell erledigen. Kaum jemand würde wohl bestreiten, dass es für einen freundschaftlichen Austausch die beiderseitige Offenheit und Zeit braucht. Erlaubt ist das Klingeln ohne vorherige Besuchsankündigung aus meiner Sicht nur in wenigen Fällen: unter direkten Nachbarn, im Notfall – und bei Kindern, wenn es etwa heißt: „Kann der Ferdi zum Spielen rauskommen?“

Eva-Maria Manz