Er wurde gerade 60, seit Sommer 2024 ist er nicht mehr OB in Freudenstadt: Was treibt Julian Osswald jetzt in seiner Freizeit? Zeit für ein Gespräch.
Noch bevor der Rekorder für das Interview läuft, sagt Julian Osswald, was er überhaupt nicht leiden kann: als „Alt-OB“ bezeichnet zu werden. „Das finde ich grauslich!“ Und was dann? „Bitte Oberbürgermeister a.D.“, so steht es auch auf seiner privaten Visitenkarte. Dann wäre das schon mal geklärt.
Herr Osswald, wie fühlt es sich an, jetzt kein Terminmonster mehr bändigen zu müssen?
Für mich ist die freie Zeiteinteilung und die freie Verfügbarkeit von Zeit das größte Geschenk. Wenn ältere Menschen früher gesagt haben, Zeit ist das Wertvollste, habe ich mir gedacht: ja, klar, aber es gibt ein paar andere Sachen, die sind auch wertvoll. Doch inzwischen muss ich sagen, Zeit ist tatsächlich das größte Geschenk.
Der Terminstress fehlt Ihnen nicht mal ein bisschen?
Er fehlt mir überhaupt nicht, weil ich ja noch einige Aufgaben habe. Das heißt, ich bin regelmäßig in Sitzungen, in Tagungen, et cetera. Aber es ist einfach ein Termin am Tag oder zwei – und nicht mehr acht. Und es sind keine Termine am Wochenende. Ich habe als OB teilweise am Wochenende mehr Termine pro Tag gemacht als unter der Woche.
Was war in den ersten Wochen im Ruhestand die größte Umgewöhnung?
Nicht in den Kalender gucken zu müssen, was stattfindet. Meine Termine habe ich jetzt im Kopf. Die zweite Umgewöhnung war, dass wir ein Haus umgebaut haben, anderthalb Jahre lang. Das Haus meiner Schwiegermutter. Wir leben jetzt in einem Mehrgenerationenhaus. Meine Frau, mein Hund, ich und die Schwiegermutter. Und ja, das war durchaus herausfordernd.
Was ist herausfordernder, ein Rathaus zu leiten oder zuhause den Staubsauger zu bedienen?
Einen Staubsauger bediene ich nicht, wir haben einen Saugroboter (lacht). Um den kümmere ich mich: Wasser auffüllen, Staubbeutel leeren.
Mal unter uns: Sind Sie sonst eine Hilfe im Haushalt?
(Lacht.) Hausarbeiten zu machen, darum habe ich mich immer erfolgreich gedrückt. Wir haben deshalb eine Haushaltsperle, die einmal die Woche kommt und das Haus komplett reinigt.
Sie wurden neulich 60. Bleibt es beim Ruhestand?
Ich stelle gerne meine Expertise zur Verfügung, wenn es jemand möchte. Es gibt Investoren, die sich mit Bauplanungsrecht oder mit Genehmigungsprozessen nicht so gut auskennen. Da unterstütze ich gerne. Ich suche aber keine Vollzeitstelle, auch keine 50-Prozent-Stelle. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, neben meinen sonstigen Aufgaben einen Tag in der Woche für solche Dinge zu verwenden.
Weshalb?
Mein ältester Sohn hat ein altes Haus in der Nähe von Heidelberg gekauft hat, da bin ich jetzt im Einsatz. Letzte Woche zum Beispiel drei Tage lang Tapeten runter kratzen, puh… Ich habe mich 60 Jahre lang um diese Arbeit gedrückt. Und jetzt steh ich an der Wand und kratze tagelang Tapeten ab (lacht).
Welche Posten bekleiden Sie heute noch?
Ich bin weiter Kreistagsmitglied und sitze dort im Verwaltungs- und Sozialausschuss. Im Verwaltungsrat Sparkasse bin ich noch aktiv und auch im Kreditausschuss. Dann habe ich die Aufgabe des Verwaltungsratsvorsitzenden des Schwarzwald Musikfestivals inne und mache als Vorsitzender des Fördervereins Wildtierpark Alexanderschanze weiter.
Ein Rathauschef hat Macht und Einfluss. Vermissen Sie das?
Natürlich ist es nicht mehr so einfach, irgendjemanden anzurufen und zu sagen: Mach mal! Das ist, ganz ehrlich, jetzt schon anders. Aber ich habe natürlich schon noch gute Kanäle.
Auf was sind Sie im Rückblick besonders stolz in Ihren 16 Jahren Amtszeit?
Auf den Campus Schwarzwald. Dieses Projekt habe ich sehr, sehr hoch gehängt. Für mich ist der Campus Schwarzwald so ähnlich zu sehen, wie die Einführung der Kur durch Schultheiß Alfred Hartranft im 19. Jahrhundert in Freudenstadt. Ein Game Changer. Das ist zwar kein Vollzeit-Studiengang, aber dieser Ansatz und die sich daraus entwickelnden Projekte wie das 30-Millionen-Wasserstoff-Projekt am Hauptbahnhof, sind herausragend. Das ist für mich das Highlight. Dann natürlich die Gartenschau mit Baiersbronn: 485.000 Besucher, 1100 Ehrenamtliche. Das haben wir 15 Jahre vorbereitet. Dann haben wir ein Feuerwehrhaus gebaut, einen Bauhof und anderes. Ich habe den Titel „Bob der Baumeister“ bekommen, von meiner Sekretärin. Bauen hat mir Spaß gemacht.
Was war Ihre größte Pleite in den 16 Jahren?
Der Turm an der Alexanderschanze. Da sind mir die Kreuzottern dazwischengekommen, die mir leider mehrfach begegnet sind. Sie stehen auf der Roten Liste, kommen bei uns aber an jeder Ecke vor. Deshalb tut es mir richtig weh, wenn ich an schönen Tagen dort vorbeifahre und mir vorstelle, dass man von oben eine 360-Grad-Rundumsicht hätte.
Wie oft ruft Adrian Sonder bei Ihnen an?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir sind in Kontakt und treffen uns bei verschiedenen Anlässen regelmäßig. Wenn er anruft, dann möchte er einfach eine Einschätzung bekommen. Er fragt dann nicht, was er machen soll, dass weiß er sehr gut selbst. Ansonsten halte ich mein Versprechen, dass ich mich öffentlich nicht zu seiner Arbeit oder der des Rathauses äußere. Er macht das sehr gut.
Hat Ihre Frau schon mal gesagt, „Mensch, Julian, geh doch mal wieder ins Rathaus!“?
Nein. Meine Frau ist voll berufstätig. Das heißt, ich bin eher zu Hause mit dem Hund als sie und deswegen gehen wir uns auch nicht gegenseitig auf die Nerven. Wir sind uns nicht mal in fünf Wochen Norwegen und Schweden im Wohnmobil auf die Nerven gegangen.
Wie oft sind Sie denn jetzt beim VfB im Stadion?
Viel zu selten, leider! Obwohl es sich ja im Moment wirklich lohnt. Aber wie gesagt, jetzt aktuell ist mein Job der des einfachen Handlangers. Tapeten kratzen und Enkel sitten, statt Stadion.
Zur Person
Privates
Julian Osswald (60) wurde in Freiburg geboren. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist bereits Großvater. Seit 20 Jahren ist er CDU-Mitglied.
Dienstliches
2008 trat er bei der OB-Wahl in Freudenstadt an und holte aus dem Stand 82,5 der Stimmen. Die zweite Amtsperiode gewann Osswald mit 93 Prozent der Stimmen. 2024 im Sommer trat er nicht erneut zur Wahl an, Adrian Sonder wurde neuer OB der Stadt.