Wie steht’s um das Wohlergehen der Arbeitnehmer im Kreis? Jörg Gericke (rechts) überreichte den DAK-Gesundheitsreport an Klaus-Ulrich Röber. Foto: Eberhardt

Bei den Krankheitstagen liegt der Landkreis unter dem Landesdurchschnitt. DAK stellt neuen Gesundheitsreport vor.

Region - Im Landkreis arbeitet man nicht nur mehr als der Durchschnitt Baden-Württembergs. Laut Gesundheitsreport der DAK ist man auch weniger krank. Besorgt macht allerdings nicht nur die Zunahme an psychischen Erkrankungen, sondern auch das steigende Hirn-Doping.

Um 0,4 Prozentpunkte sind die Krankheitstage im Landkreis im vergangenen Jahr zurückgegangen. Landesweit liegt Freudenstadt damit in Sachen Krankheitsbilanz der Arbeitnehmer an fünfter Stelle. So der erfreuliche Teil der Bilanz, die Jörg Gericke, Leiter des Servicezentrums der DAK Gesundheit in Freudenstadt im Beisein von erstem Landesbeamten Klaus-Ulrich Röber präsentierte. Seit Jahren informiert die Gesundheitskasse regelmäßig über die Entwicklungen im Kreis.

Erstellt wird die Studie in Zusammenarbeit mit dem Forschungs- und Beratungsinstitut IGES. Es geht darum, Entwicklungen zu beobachten, wie Jörg Gericke erklärt. "Um zu sehen: Wo müssen wir den Hebel im Bereich Prävention und Gesundheit ansetzen?" Denn dass dieser durchaus Wirkung hat, zeigen die Zahlen im Bereich der Muskel- und Skelett-Erkrankungen. 2013 lagen diese noch an der Spitze der Gründe für Arbeitsausfälle, mittlerweile konnte die Bilanz um rund 30 Prozent gesenkt werden. Präventionsangebote wurden verstärkt gefördert und auch genutzt, ist Gericke zufrieden. Für Klaus-Ulrich Röber ist die Bilanz darüber hinaus ein Verdienst der Unternehmen. "Wir haben auch sehr gute Firmen im Landkreis, die in diesem Bereich sehr viel für ihre Mitarbeiter tun."

Weniger positiv sieht die Situation im Bereich der psychischen Erkrankungen aus, zu denen vor allem Depressionen und der immer häufiger vorkommende Burn-out gehören. 19,3 Prozent aller Krankheitsfälle und 42 Prozent der Krankheitstage unter Arbeitnehmern sind auf psychische Ursachen zurückzuführen. Ein Anstieg um fast 25 Prozent innerhalb eines Jahres. Die immer weiter steigende Arbeitsverdichtung sieht Jörg Gericke als einen Grund.

Dass man hier mit geeigneten Präventionsangeboten Abhilfe schaffen könnte, wäre ein Wunsch von Gericke. "Aber das ist ein sehr langer Weg." Und ein mühsamer Kampf wie es scheint. Denn eine andere Statistik hat Gericke auch beigefügt: Sie zeigt, dass die Zahl der Fehltage in diesem Bereich zwischen 2000 und 2014 um 97 Prozent gestiegen ist. Eine Entwicklung, die auch Klaus-Ulrich Röber erschüttert, der besorgt beobachtet, dass immer mehr junge Menschen von Burn-out betroffen sind.

Viele Menschen betreiben Hirn-Doping

Man müsse dringend überlegen, was man hier für Mitarbeiter verändern könne. Im Kampf mit Überforderung und Versagensängsten kommen sonst andere Mittel zum Einsatz: Hirn-Doping.

Darunter versteht man die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit. Betablocker, Antidepressiva oder ADHS-Pillen werden so für Stressabbau, Stimmungsaufhellung und Verbesserung der Leistungsfähigkeit eingenommen. 99. 000 befragte Beschäftigte in Baden-Württemberg haben im Rahmen der Studie zugegeben, mindestens zweimal im Monat Hirn-Doping zu betreiben. 50 Prozent bezogen ihre Medikamente auf ärztliches Rezept. "Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal", warnt Jörg Gericke.

Der Trend zur medikamentösen Leistungsmanipulation konzentriert sich nicht etwa auf Top-Manager oder Kreative – zwei Berufsgruppen, die früher besonders mit dem Phänomen in Verbindung gebracht wurden. Vor allem Erwerbstätige in einfachen Jobs greifen mittlerweile zu den drastischen Hilfsmitteln. Als Risikofaktoren listet der Report unter anderem ein einfaches Tätigkeitsniveau, beispielsweise der Akkord am Fließband. Hier braucht es laut Jörg Gericke Ansätze, wie die Arbeitssituation menschenfreundlicher gestaltet werden kann.

Als weitere Gründe gelten Arbeit an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit, Tätigkeiten, bei denen kleine Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben können, und nicht zuletzt Arbeitsplatzunsicherheit. Für Jörg Gericke ist diese Bilanz deshalb auch ein Spiegelbild der Wirtschaftsgesellschaft mit ihren Zeitverträgen und Leiharbeitssystemen. "Wer einen unbefristeten Arbeitsvertrag und materielle Sicherheit hat, steht weniger unter Druck." Mit Coachings, Beratungen und konkreten Programmen sollen die Unternehmen sensibilisiert werden, um im Bereich der psychischen Belastung Unterstützung zu bieten.

Damit Präventionsprogramme auch genutzt und dauerhaft Hilfe bieten können, bliebe für Jörg Gericke ein konkreter Wunsch: "Dass die Betriebe Zeit zur Verfügung stellen."

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