Kabarettist Mathias Richling zog das Publikum im Kurtheater hinein in seine Reise durch die deutsche politische Landschaft. Foto: Keck Foto: Schwarzwälder-Bote

Kabarettist Mathias Richling reist zum Schwarzwald Musikfestival mit viel Gepäck an / Liste der Entlarvten ist lang

Von Gerhard Keck Freudenstadt. So viel Energie, wie Mathias Richling in seinem knapp zweistündigen Programm aufwendet, kann er in der gleichen Zeit gar nicht aufnehmen. Der Kabarettist, wahrlich einer der bedeutendsten in der Republik, ist dementsprechend zwar nicht mit einer herkulischen Gestalt, dafür aber mit messerscharfem Intellekt ausgestattet. Davon konnte sich das zahlreiche Publikum im Kurtheater überzeugen. Zu seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum brachte Richling sein Programm "Deutschland To Go" als Sonderveranstaltung im Rahmen des Schwarzwald Musikfestivals auf die Bühne.

In der vorausgegangenen Einführung plauderte der Tausendsassa sympathisch und locker mit Festival-Intendant Mark Mast über seine Arbeitsprinzipien, die nicht spontanen Einfällen folgen, sondern in eine auskomponierte Choreografie münden, in welche die Reaktionen des Publikums einbezogen sind. So begreift er sein Programm – und daraus folgt die Analogie zur Musik – als eine "Sinfonie".

Dass Mathias Richling sein umfängliches Reisegepäck ausgerechnet nach Freudenstadt geschleppt hat, liegt nicht allein daran, dass hier im Vergleich beispielsweise zu Stuttgart "die Luft besser ist". Mathias Richling – das heißt scharfsinniges Kabarett ohne Rücksichtnahme auf Titel, Ämter und Namen. Und es zieht eine klare Grenzlinie zu Auftritten von so manchen Kollegen, deren Geschmacklosigkeiten erstaunlicherweise vom Publikum noch honoriert werden.

Hart in der Sache, seziert er Sprechblasen, wohlfeile Bedeutungslosigkeiten und Ungereimtheiten, derer sich die politische Crème allzu gerne bedient. Dass die herausragende Figur im Politzirkus, Kanzlerin Angela Merkel, von Amts wegen besonderes Augenmerk auf sich zieht, liegt auf der Hand. Aber die führenden Repräsentanten aller Parteien dürfen sich keineswegs mit schadenfreudigem süffisanten Lächeln zurücklehnen. Sie kommen nicht weniger schonungslos unter den Hammer.

Die Liste der so Entlarvten ist lang, und beispielhaft seien aufgezählt: Schäuble, Oettinger ("Das Atomkraftwerk Fukushima war sicher – der Unsicherheitsfaktor war die Natur"), Gysi als verbales Maschinengewehr, Wowereit ("Jedes Jahr Verzögerung beim Flughafenbau kommt der Umwelt zugute") und Seehofer: "Liebe Deutsche und liebe Arbeitende!" Daraus folgt: An so manchen Nackenschlägen mögen sich betreffende Parteigänger im Publikum gehörig verschluckt haben. Grammatische Schludrigkeiten machen die Runde, ausgehend von Arbeitsministerin Andrea Nahles: "Rente mit 63!" – das bedeutet nach Lesart Richling, dass von 64 Jahren an wieder zu arbeiten sei. Das Adverb "ab" markiert den feinen Unterschied.

Was moralische Grundsätze angeht, spielen auch andere Prominente laute Begleitmusik. Alice Schwarzer: "Steuerhinterziehung ist keine Männerdomäne; ich wollte auch etwas davon haben!" Uli Hoeneß sieht sich in der Rolle des Märtyrers, der mit seinem Steueraufkommen zum "Sponsor des Staates" mutiert. In Richlings Fokus steht auch die Journaille mit ihrer mitunter unsäglichen Konjunktivitis: "Was wäre, wenn…" oder "Wie würden Sie…"

Richling verausgabt sich bei seinem schweißtreibenden Parforceritt durch die deutsche Befindlichkeit, nationale und internationale Verstrickungen. Dabei lässt er kein virulentes Thema aus. Freilich gibt es auch Szenen, die inhaltlich nicht so spektakulär sind, Persiflagen auf Personen, die in Auftritt und Duktus wenig kantig sind.

Was er aber beispielsweise mit den Altkanzlern Helmut Schmidt und Gerhard Schröder anstellt, ist eine der zahlreichen kabarettistischen Glanznummern. Sie mündet in Schmidt-Schnauzes Bekenntnis, wonach er gerne die "SPD zu neuen Höhen steuern" würde, wenn man ihm noch etwas Zeit ließe.