Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer machte sich im Stadthaus für den Kopfbahnhof21 stark. Foto: dpa

Tübinger Oberbürgermeister machte sich im Stadthaus für den Kopfbahnhof21 stark.

Freudenstadt - "Abstimmen und oben bleiben", lautete das eindeutige Resumée des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer am Ende seiner knapp zweistündigen Informationsveranstaltung zu Stuttgart21, kurz S21, im gut besuchten Stadthaus.

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr kam der engagierte Befürworter eines Kopfbahnhofs21 (K21) auf Einladung des Kreisverbands der Bündnis-Grünen nach Freudenstadt. Palmer sezierte wiederum den geplanten Durchgangsbahnhof gut gelaunt und rhetorisch brillant. Er startete mit einem Vergleich beider Varianten. Rund 20 Kilometer weniger Tunnelstrecken, kein Bahnhofneubau, die Möglichkeit, einen integralen Taktfahrplan zu realisieren, dieselbe Fahrtzeit von Stuttgart nach Ulm, insgesamt die schnelleren Verbindungen, deutlich geringere Kosten – Palmers Fazit: Mit K21 bekomme man den günstigeren, besseren und leistungsfähigeren Bahnhof.

Die Argumente der S21-Befürworter relativierte der Tübinger OB. Die versprochene gesamtwirtschaftliche Stärkung um 500 Millionen Euro entspreche gerade einmal 0,17 Prozent des baden-württembergischen Bruttoinlandsprodukts. "Das ist nicht nichts, aber eine hohe Bedeutung hat das nicht." Die in den Broschüren der Befürworter angepriesene Ersparnis von 370 Millionen Pkw-Kilometern – für die Straßen im Ländle bedeutet das laut Boris Palmer lediglich eine Entlastung von 0,5 Prozent. Für den K21-Befürworter stand fest: Auch ohne S21 bleibt Stuttgart einer der zehn wichtigsten Bahnhöfe Deutschlands.

Baden-Württemberg werde somit keineswegs, wie von Bundeskanzlerin Angela Merkel prophezeit, "verkehrlich und wirtschaftlich" abgehängt, stellte Palmer klar. Von S21 profitieren laut Palmer im Wesentlichen Fahrgäste mit dem Ziel Flughafen. Erkauft werde das mit einer Verschlechterung der Regionalverbindungen. So seien Verbindungen von Stuttgart nach Tübingen gestrichen worden. Für Freudenstadt heißt das: Mehr als eine Zugverbindung pro Stunde nach Stuttgart ist nicht drin.

Auch auf den bestandenen Stresstest ging Palmer ein. Der zugrunde liegenden Fahrplan mute akrobatisch an. Danach werden in einer Stunde 49 Züge durch den Bahnhof geschleust. Dabei komme es zu 13 Doppelbelegungen eines Gleises, zehn Haltezeiten unter drei Minuten und 19 Zugwechselzeiten unter fünf Minuten, führte Palmer aus. Ein Kernproblem der Planungen sei die eingleisige Zufahrt zum Bahnhof. Die müssten sich Regionalzüge, TGVs, ICEs und S-Bahn teilen. Palmers Vergleich: "Das ist, wie wenn Sie eine neue Autobahn bauen und dann sagen: Die Auffahrten regeln wir ebenerdig über Ampelanlagen." Der Stresstest sei nur in einer "Traum-Bahn-Welt" bestanden worden, befand Boris Palmer. Selbst die Schweizer Gutachterfirma SMA habe bemängelt, dass Abfertigungszeiten nicht berücksichtigt worden seien, Gleisbelegungen, Weichen und Signale falsch geplant und die Haltezeiten zu kurz veranschlagt worden seien. Störfälle seien überhaupt nicht berücksichtigt worden.

Palmer machte keinen Hehl daraus, dass er mit einer Realisierung von S21 nicht rechnet. Das Ergebnis der Volksabstimmung gelte. Aber: "Das Projekt steht planerisch und finanziell auf der Kippe." Der Ausstieg aus S21 inklusive dem Bau von K21 rechne sich mit rund vier Milliarden Euro gegenüber rund sechs Milliarden für den Bau von S21 immer noch.

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