Musikalisches Großaufgebot: Der Taborchor, das Orchester Cappella Vivace Rottweil und Solisten führten unter der Gesamtleitung von Kantor Karl Echle gestern in der Taborkirche in Freudenstadt die zweite Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium auf. Foto: Wiegert Foto: Schwarzwälder-Bote

Erste zwei Kantaten von Bachs Weihnachtsoratorium in der Stadtkirche und der Taborkirche aufgeführt

Von Claus Wiegert

Freudenstadt. Alte Musik erfrischend lebendig interpretiert: Zwei eindrucksvolle Kantaten bildeten den Auftakt zu einem musikalisch-ökumenischen Projekt in Freudenstadt und Alpirsbach – der Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium in sechs Gottesdiensten.Das Kind in der Krippe stand bei dem Kantaten-Gottesdienst am ersten Weihnachtstag in der voll besetzten Freudenstädter Stadtkirche im Mittelpunkt. Bei der rundum gelungenen Aufführung wirkten unter der Gesamtleitung von Kantor Jörg Michael Sander neben der Freudenstädter Kantorei auch die Kinder- und Jugendkantorei und Solisten mit.

Den instrumentalen Teil übernimmt bei allen sechs Aufführungen die Cappella Vivace aus Rottweil. Gleich am Anfang des Gottesdienstes gestern in der Freudenstädter Taborkirche glänzte das Orchester mit seinem ausgereiften Spiel: Himmlische Klänge und volkstümliche Melodien prägen die Sinfonia, mit der die zweite Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium beginnt. Im Zentrum dieser Kantate steht die Verkündigung der Geburt Jesu an die Hirten. Die frohe Botschaft wird in dem Instrumentalsatz vorweggenommen: Die Musik der Streicher versinnbildlicht die Begegnung der Hirten und der Engel auf dem Feld. Sanft auf- und abschwebende Streicherklänge und der ruhige melodische Fluss der Holzbläser wechseln sich ab und vereinen sich zu einem ungetrübt harmonischen Klanggeflecht, das aber stets gut durchhörbar bleibt.

Eine überwältigend klare und dabei auch glutvolle Interpretation der Kantate gelang dem Taborchor. Er zeigte sich in allen Stimmlagen gut aufgestellt und ging bei den freudig-bewegten Liedern mit vollem Engagement zur Sache. So war das Klangbild etwa bei dem volltönenden Lied "Ehre sei Gott in der Höhe" gut ausbalanciert und ging auch zu Herzen. Große Intervallsprünge meisterte der Taborchor ebenso wie feine melodische Verästelungen.

Kantor Karl Echle sorgte mit zügigem, aber auch feinfühligem Dirigat dafür, dass die auf den gesamten Gottesdienst aufgeteilte Aufführung der Kantate aus einem Guss war.

Die vier Solisten übernahmen die Rezitative und gestalteten souverän die Arien als Höhepunkte der Kantate. So brillierte die Sopranistin Helena Bickel besonders in der Rolle des Engels ("Fürchtet euch nicht") mit elastischer und bei aller Intonationssicherheit auch fülligen Stimme. Gabriele Grund (Alt) zeigte ihr ganzes Können bei der melodisch kunstvoll verzierten Arie "Schlafe, mein Liebster". Ihre raumgreifende Stimme führte sie mit großer Präzision, ohne dass die innige melodische Verbundenheit zu kurz kam. Als Virtuose seines Fachs beeindruckte Christian Wilms (Tenor), etwa in der strahlkräftigen Arie "Frohe Hirten", ebenso wie der Basssänger Michael Schmohl. Er setzte mit seiner samtigen Stimme eher verhaltene Akzente.

Das große Staunen über die frohe Botschaft kam bei dem Kantaten-Gottesdienst ohne klanglichen Weihrauch, aber mit großer emotionaler Überzeugungskraft daher. Denn auch wenn die Fülle der biblischen Bezüge in dem Oratorium den meisten Zuhörern heute wohl nicht mehr so geläufig ist wie zu Bachs Zeit, hat die Musik noch weitaus genug Ausdruck. Bei einigen zusätzlichen Liedern hatten die Gottesdienstbesucher auch Gelegenheit, selbst aus voller Brust mitzusingen.

Weihbischof Johannes Kreidler aus Rottenburg, der den Festgottesdienst mit Dekan Markus Ziegler leitete, bezeichnete in seiner Predigt die "Begegnung von Himmel und Erde" als Botschaft der zweiten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium. Und hatte zum Schluss für Karl Echle eine Überraschung parat: Kreidler überreichte dem Kantor die Ernennungsurkunde zum Kirchenmusikdirektor. Bischof Gebhard Fürst würdigte damit die vielfältigen kirchenmusikalischen Verdienste Echles.

Die weiteren Aufführungen im Kantaten-Zyklus zur Weihnachtszeit sind am 30. Dezember in der Klosterkirche Alpirsbach, am 1. Januar in der Stadtkirche Freudenstadt, am 6. Januar in der Taborkirche und am 13. Januar in der Alpirsbacher Klosterkirche.