Turbulent ging es auf der Bühne des Kurtheaters zu, wo das Stück "Die rote Zora und ihre Bande" gespielt wurde. Foto: Keck Foto: Schwarzwälder-Bote

Theater: Bühnenfassung der "roten Zora" ist ein Erlebnis

Von Gerhard Keck

Freudenstadt. Quicklebendig, rasant, aufwühlend: So präsentierte sich die Inszenierung des weithin bekannten Romans "Die rote Zora und ihre Bande" durch die Badische Landesbühne im Kurtheater. So sahen es auch die rund 180 Kinder, die am Vormittag das Klassenzimmer gegen die Theaterbestuhlung eintauschten. Gemessen jedenfalls am Schlussapplaus, der dem sechsköpfigen Ensemble entgegenbrandete.

Dennoch: Die Empfehlung "ab sechs Jahren" ist angesichts der politisch-gesellschaftlichen Bezüge des Stücks zu niedrig angesetzt. Der umfängliche Roman des Autors Kurt Kläber alias Kurt Held ist ein Lehrstück für die Solidarität unter in mehrfacher Weise benachteiligten Menschen aller Altersgruppen. Held publizierte das Werk 1941, nachdem er sich vom Kommunismus abgewendet und zu einer christlich-humanistischen Anschauung bekannt hatte. Der Autor wandelte sich vom Klassenkämpfer, der von den Nazis verfolgt wurde, zum Autor sozialkritischer Kinder- und Jugendbücher – so eine Interpretation seiner Vita.

Die Inszenierung verdeutlicht den Einfluss Bertolt Brechts auf Held, beispielsweise wenn die Bande Zoras mit vorgereckten Fäusten skandiert: "Uskoken, für immer vereint!" So sieht sich die Bande der roten Zora: als geistige Nachfolger der Uskoken, den unerschrockenen Kämpfern gegen die Türken und Venezianer. Ein Schelm, wer mit der Farbe Rot eine Botschaft in Verbindung bringt.

Kein moralinsaures Werk

Die "rote Zora" setzt an verschiedenen Brennpunkten an, ohne dass der rote Faden verloren geht. Nebenschauplätze sind konsequent ausgeblendet. Die Bande aus Jugendlichen ohne Perspektiven begeht kleine Diebstähle aus Verzweiflung: "Wir nehmen uns nur, was wir brauchen!" Ihre Verfolgung erscheint in der Rigorosität unverhältnismäßig. Not schweißt zusammen, und die ganze Malaise findet doch noch ihr glückliches Ende, als Alt und Jung an einem Strang ziehen. Aber das Stück ist kein moralinsaures Werk. Komödiantisches findet durchaus seinen Platz, vor allem, wenn die Staatsmacht in ihrer ganzen Beschränktheit vorgeführt wird.

Auch die Verhaltensweisen der Bandenmitglieder im pubertären Zustand entsprechen durchaus der Realität: Mutproben werden gefordert, Eifersüchteleien machen Stress, zarte Liebesbande werden geknüpft. Über allem schwebt dennoch die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Schutz und Geborgenheit. Dass die Bande von einem Mädchen angeführt wird, ist zur Entstehungszeit des Romans revolutionär. So wirft die Emanzipation ihre Schatten voraus.

Regisseur Joerg Bitterich hat mit Kerstin Schulte Tockhaus, Frederik Kienle, Sandra Förster, Tülin Pektas, Pascal Andrea Vogler und Markus Wilharm eine Truppe, die sich vielfach bewährt hat und auch in der "Zora" keine Zweifel an ihrer darstellerischen Qualität aufkommen lässt. Beispielsweise hat "Zora" Kerstin Schulte Tockhaus bereits die Solopartie in "Anne Franks Tagebuch" mit Bravour abgelegt.

Alle Schauspieler sind mit doppelten und dreifachen Rollen ausgestattet. Das heißt andauernde Präsenz und müsste auf Kosten der Substanz gehen, aber das Sextett lässt kein Schwächeln erkennen. Seine Wandlungsfähigkeit ist verblüffend. Viel Bewegung ist im Spiel mit Musik, Tanz, Gesang und turnerischen Einlagen auf den als Bühnenbild fungierenden Baugerüsten. So kann Langatmigkeit gar nicht erst aufkommen.

Die "rote Zora" und ihre Bande kämpfen um Gerechtigkeit und siegen. Wie sagte doch Brankos Großmutter einst? "Schwache Seelen vergehen schneller!" Dagegen machen starke Seelen halt doch ihren Weg.