Alle Bewegungen im Kinomichi basieren auf dem Respekt gegenüber dem Partner. Foto: Haubold Foto: Schwarzwälder-Bote

Asiatische Sportart vereint Kampfkunst mit Entspannungstechniken / Jeder kann eigenen Rhythmus entwickeln

Von Petra Haubold

 

Freudenstadt-Kniebis. Die Kniebishalle wurde am Pfingstwochenende zum Dojo: Die asiatische Sportart Kinomichi brachte 28 Teilnehmer aus mehreren Ländern auf den Weg der Lebenskraft.Xenia Heinze hebt die Hand, lässt sie auf die Hand ihres Partners, der ihr langsam entgegenkommt, zugleiten. Beide bewegen sich einmal im Kreis, Xenia fällt mit einer Rolle auf die Matte. "Der Partner muss seinen Weg zum Boden gut finden, nicht dass er hinunterplumpst", ruft eine Stimme im Hintergrund.

Es ist Pfingstsonntag in der Kniebishalle, der ganze Boden liegt voller Judomatten. Doch Judo betreiben die beiden in weiße Kimonos gekleideten "Kämpfer" nicht. Sie sind Trainer eines dreitägigen Lehrgangs in der fernöstlichen Kampfkunst und Entspannungstechnik Kinomichi.

Zu zweit bewegen sich die Sportler auf den Matten, fassen sich an den Händen, tänzeln aufeinander zu und aneinander vorbei, bücken sich unter den Armen des anderen hindurch, dehnen und strecken sich. Es sieht ein bisschen aus wie Wiener Walzer. Eine fast schon esoterische Choreographie kann der uneingeweihte Zuschauer erkennen. Keine Musik, nur kurze Anleitungen oder Berichtigungen des Trainers, manchmal ist ein vergnügliches Lachen zu hören. Dass hier eineinhalb Stunden am Stück hart gearbeitet wird, heißt nicht, dass die Teilnehmer keinen Spaß haben. Es geht beim Kinomichi eigentlich recht beschaulich zu, doch die Bewegungen sind nur am Anfang langsam, werden dann aber immer dynamischer.

Organisiert hatten den Pfingstlehrgang Daniela Huber aus Unteriflingen und Gerd Michel, Vorsitzender der Aikido-Trainingsgruppe Freudenstadt. Die Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Frankreich haben sich an diesem Wochenende getroffen, um die Bewegungskunst, die von Großmeister Masamichi Noro in Paris seit etwa 1979 aus Aikido und aus verschiedenen europäischen Bewegungslehren entwickelt wurde, zu lernen und zu üben.

"Die Besonderheit dieser Bewegungsart ist das Eingehen auf den Partner und sogar die respektvolle Beziehung", sagt Trainer Bernd Drewes. Er wohnt in Freiburg und arbeitet dort als Heilpraktiker. Als einer der wenigen Trainer, die es in Deutschland gibt, unterrichtet er seit drei Jahren Kinomichi. Weltweit beherrschen nur etwa 100 ausgebildete Trainer diese Sportart, weiß er. Kinomichi bedeute auf Japanisch "der Weg der vitalen Energie", also Atemkraft, positive Lebensenergie, oder auch lebendiger Fluss. Die Lebensenergie hervorzubringen und sich zugleich von ihr durchdringen zu lassen, ist das wesentliche Ziel des Übens. Immer wieder neu auf einen Partner einzugehen, Bewegungen mit ihm zu entwickeln, das mache den Reiz von Kinomichi aus, sagt Bernd Drewes. "Es geht aber auch um die Lebensfreude". Kinomichi sei deshalb so anders als andere Sportarten, weil es eben auch eine Philosophie ist. Denn jeder könne sich seinem Rhythmus und seinen eigenen körperlichen Gegebenheiten entsprechend entwickeln. "Da ist es natürlich auch für Anfänger möglich, mitzumachen", ermuntert der Trainer immer wieder Neueinsteiger. Zwar komme man nicht vollständig ins Schwitzen, aber fit werde man auf jeden Fall.

Auch an diesem Tag merkt man Anfängern und Fortgeschrittenen Entspannung und eine tiefgreifende körperliche und geistige Gelöstheit an, als nach einem arbeitsreichen Vormittag die Mittagspause eingeläutet wird.

Was Kinomichi genau ist, kann auch Daniela Huber erklären. Die Bewegungskunst habe der im April dieses Jahres verstorbene Aikido-Großmeister Noro aus Japan entwickelt. Er verbinde darin sowohl Elemente östlicher Kampfkunst als auch westlicher Entspannungstechniken, wie zum Beispiel Feldenkrais. Daniela Huber ist eine der wenigen Kinomichi-Fans im Landkreis, denn die fernöstliche Entspannungstechnik besitzt hier nur wenige Anhänger. Die Lehrerin, die an einer Sulzer Schule unterrichtet, will aber jetzt versuchen, diese Sportart im Landkreis Freudenstadt bekannt zu machen. Denn gerade in der Pädagogik seien diese Techniken, die immer mit einem Partner ausgeübt werden, sehr sinnvoll, weiß sie.