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Freudenstadt (K)ein Recht auf schlechte Erziehung

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Kreis Freudenstadt. Geschlagen, missbraucht, vernachlässigt – Fälle von Kindswohlgefährdung sind keine Großstadt- oder Randgruppen-Erscheinung. Das Jugendamt im Kreis Freudenstadt hat in diesem Jahr zehn Babys aus Familien geholt. Rund 400 Hinweisen darauf, dass etwas in Familien richtig schief laufen könnte, sind alleine in 2018 im Freudenstädter Landratsamt eingegangen. Wir sprachen mit Charlotte Orzschig über Hintergründe und Zusammenhänge. Sie ist Leiterin des Jugendamts.

Frau Orzschig, was muss passieren, dass das Jugendamt einen Säugling aus der Familie nimmt?

Wenn es Hinweise gibt, die auf körperliche Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch schließen lassen. Dann können wir nicht warten, sondern müssen umgehend handeln.

Wie sieht eine Kindswohlgefährdung Ihrer Erfahrung konkret nach aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn ein Kind keine Nahrung bekommt und dadurch austrocknet oder stark abnimmt. Wenn ein Baby nicht gewickelt wird oder in einem dreckigen Bettchen liegt, weil die Eltern nachts nicht aufstehen und sich einfach nicht kümmern. Oder wenn es Hinweise auf eine Misshandlung gibt. Die Beurteilung ist dabei nicht immer eindeutig. Eltern haben sozusagen ein Recht darauf, ihre Kinder schlecht zu ernähren und schlecht zu erziehen. Zuckertee ist im Zweifel besser als gar nichts. Die Frage ist, wann Untergrenzen und Mindeststandards unterschritten sind. Wenn Eltern etwas falsch machen, versuchen wir immer zuerst, ihnen Hilfe anzubieten, um die Probleme abzustellen. Aber nicht alle Eltern sind zugänglich für Hilfe.

Betrifft das ein typisches gesellschaftliches Milieu?

Nein. Das gibt es in allen Schichten, auch wenn das keiner hören möchte. Auch was Kindern bei einer Scheidung oft zugemutet wird, das ist schon heftig.

Was empfinden Sie gegenüber den betreffenden Eltern? Wut, Unverständnis oder eher Mitleid?

Wut haben wir nicht. In der Regel eher Empathie, gegenüber dem Kind und den Eltern. Manchmal auch Hilflosigkeit. Unsere Mitarbeiter sind für solche Fälle ausgebildet und trainiert. Ohne gewisse professionelle Distanz geht es nicht, die Situation zu beurteilen und Lösungen zu finden. Außerdem würden es unsere Mitarbeiter sonst auch selbst nicht ertragen.

Auf welchem Wege erreichen Hinweise auf solche Fälle das Jugendamt?

Im günstigsten Fall wenden sich die betroffenen Eltern selbst an uns, um Hilfe zu ersuchen. Hinweise kommen von der Polizei, von Ärzten, Schulen oder Kindergärten. Aber auch die Bevölkerung ist sensibilisiert. Wir bekommen Anrufe, E-Mails oder Briefe, oft anonym. Aktuell haben wir dieses Jahr 400 Hinweise darauf, dass etwas nicht gut läuft in einer Familie oder konkrete Hinweise auf Misshandlung oder Missbrauch. Wir reagieren auf solche Hinweise sofort. Von diesen 400 Meldungen haben sich 27 Prozent als Kindeswohlgefährdung oder Hilfebedarf für eine Familie bestätigt.

Noch nie gab es so viel institutionelle Unterstützung und so wenig existenzielle Not wie heute. Warum kommen solche Fälle trotzdem vor?

Die Frage hören wir oft. Die Frage ist, ob die Zahlen überhaupt gestiegen sind oder ob man heutzutage einfach sensibler dafür ist. Misshandlungen gab es schon immer. Die Menschen und Behörden sind hier sehr aufmerksam. Außerdem ist der Anspruch an die Erziehung gestiegen. Kinder zu schlagen, war früher legitim. Das ist heute verboten. Außerdem ist bei den jungen Leuten das Wissen über Erziehung nicht gewachsen, im Gegenteil. Früher lernten sie automatisch innerhalb der Familie, wie man mit Kindern umgeht. Das ist heute oft nicht mehr so gegeben.

Den Mitarbeitern des Jugendamts kommt hohe Verantwortung zu. Woran orientieren sie sich dabei?

Es gibt einen festen Ablauf solcher Verfahren und klar festgelegte Indikatoren, an denen wir uns orientieren. Die Entscheidung, ob wir als Jugendamt Maßnahmen ergreifen, fällt immer im Team. Das entscheidet keiner alleine. Wir können Kinder nur in Akutsituationen in Obhut nehmen. Dann muss aber innerhalb von 48 Stunden ein Familiengericht entscheiden. Gerichte entscheiden anhand der Gesetzeslage, und wir können im Zweifelsfall beim Oberlandesgericht in Beschwerde gehen.

Wie oft liegen sie mit ihren Entscheidungen richtig?

Das ist schwer zu beurteilen. Hinterher ist man immer schlauer. Wir wollen immer eine richtige Entscheidung treffen. Ob sie am Ende richtig ist, ist eine andere Frage. Die Frage ist aber auch: Was wäre wesen, wenn wir anders entschieden hätten? Aber das ist hypothetisch, darauf gibt es nie eine Antwort. Anders herum gesagt: Ein Kind kann sich auch in einer Pflegefamilie schlecht entwickeln. Das heißt aber noch lange nicht, dass es eine schlechte Entscheidung war, das Kind aus seiner Familie zu nehmen.

Ist es ein Stigma für Eltern, wenn das Amt ein Kind aus der Familie geholt hat?

Es kommt drauf an, auf welche Weise das erfolgt. Es ist ein Unterschied, ob dies einvernehmlich mit den Eltern geschieht oder ob wir mit Polizei und Schlüsseldienst anrücken. Aber es ist für alle Eltern schlimm, ein Kind gehen lassen zu müssen.

Stellt die Trennung von den leiblichen Eltern nicht ein Trauma für die Kinder dar?

Ja, auf jeden Fall. Kinder hängen an ihren leiblichen Eltern, ganz egal, wie schlimm es ihnen ergangen ist.

Im Landkreis gibt es rund 120 Pflegefamilien. Was motiviert sie für diese Aufgabe? Das Einkommen?

Da muss ich Sie korrigieren. Es gibt aktuell im Kreis rund 120 Pflegekinder und 80 Pflegefamilien. Das Einkommen ist sicher nicht die Motivation. Ihre Arbeit ist fast ehrenamtlich, denn das Geld, das vom Amt kommt, ist ja für die Kinder gedacht. Eine Hauptmotivation ist die Dankbarkeit dafür, dass die eigenen Kinder gesund sind. Deshalb wollen sie einem anderen Kind ein Zuhause geben, dem es nicht so gut geht.

Nach welchen Kriterien wählt Ihre Behörde Pflegeeltern aus? Was müssen sie in erster Linie mitbringen?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass sich potenzielle Pflegeeltern selbst bei uns melden, auch solche, die Kinder adoptieren möchten. Was sie mitbringen müssen, ist eine ganze Menge Einfühlungsvermögen. Diese Kinder sind teils sehr schwierig. Sie bei sich aufzunehmen, ist kein leichtes Unterfangen. Sie brauchen die Bereitschaft dazu, sich mit schwierigen Kindern und auch schwierigen leiblichen Eltern auseinanderzusetzen. Sie haben es mit leiblichen Eltern zu tun, deren Stolz verletzt ist. Unser Pflegekinderdienst leistet hier viel Arbeit, dass bei Konflikten alles in der Reihe bleibt.

Wie lange leben betroffene Kinder, auch größere, in Pflegefamilien?

Das kann man nicht pauschal sagen. Teils bis zu 16 Jahren. Ich würde sagen: eher länger als kürzer.

Gibt es für Pflegekinder einen Weg zurück in ihre richtige Familie?

Das ist durchaus möglich, und das wird auch sehr unterstützt, sobald dies als möglich erscheint. Der Bezug zu den leiblichen Eltern der Kinder ist oft sehr stark. Die Frage ist, wie sich die Eltern inzwischen entwickelt haben.

 Die Fragen stellte Volker Rath

 
 

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