"Wenn man morgens aufsteht und nicht weiß, ob man an diesem Tag etwas zu essen hat": Thomas Nägele bei einer Aktion zur Verteilung von Lebensmitteln in Kenia. Foto: Förderkreis Kenia Freudenstadt

Hilfe im Kleinen und oft im Stillen, aber deshalb nicht weniger erfolgreich: Der Förderkreis Kenia Freudenstadt wird 30 Jahre alt.

Freudenstadt - Zum Jubiläum gibt es am Samstag, 25. Juni, ab 18 Uhr einen Gottesdienst in der Stadtkirche. Was macht und erreicht die Initiative? Unsere Redaktion sprach mit Thomas Nägele (60) aus Seewald vom Vorstand.

 

Herr Nägele, gibt es Hoffnung für Afrika?

Wenn die Menschen freien Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, ihr eigenes Land bewirtschaften können und nicht das von internationalen Konzernen, die sich durch Landraub Grund und Boden gesichert haben, wenn der Klimawandel nicht so fortschreitet wie aktuell, indem Regenzeiten komplett ausfallen, und wenn endlich die Korruption aufhört und angebotene Hilfen auch die Menschen erreichen – ja, dann kann es Hoffnung für Afrika geben!

Die Politik warnt vor Hungersnöten durch den russischen Krieg in der Ukraine. Inwiefern hängt Kenia von der politischen Lage in Osteuropa ab?

Ganz Ostafrika leidet extrem unter den Folgen des Ukraine-Russland-Konflikts. Die Länder importieren etwa 80 Prozent ihres Getreides aus den Kriegsgebieten und fast das gesamte Angebot von Speiseöl. Durch die Blockierung der Handelswege sind die Länder Ostafrikas besonders hart betroffen. Aber auch die Kostenexplosion, wie auch hier bei uns, ist dort besonders fatal. Kraftstoff kostet so viel wie in Deutschland, und die allgemeinen Lebenshaltungskosten haben sich aktuell fast verdoppelt.

Wissen die Menschen dort überhaupt, was los ist in der Ukraine?

Ja. Ich habe ständig Kontakt zu unseren Freunden und Kontaktpersonen in Kenia. Alle sind durch die Medien informiert und wissen um die Situation und natürlich auch um die direkten Folgen für Kenia und andere Länder.

Seit 30 Jahren gibt es den Förderkreis Kenia in Freudenstadt. Ein Grund zum Feiern oder eher zur Trauer darüber, dass die Arbeit dort nicht ausgeht?

Mit großer Freude feiern wir dieses Jubiläum unter dem Motto "Brücken bauen durch vertrauen". In den 30 Jahren konnte viel bewegt und geholfen werden, auch wenn es manchmal so wie der Tropfen auf den heißen Stein ist, im Bewusstsein, dass unsere Arbeit nie ausgehen wird. Dafür waren und sind die Problem in Kenia, wie in vielen anderen Regionen der Welt auch, einfach zu groß und zu vielfältig.

Möchten Sie bei all dem Kummer dort nicht einfach mal schreiend davonlaufen?

Nein. Es bringt ja nichts. Die Probleme verschwinden dadurch nicht. Klar, manchmal macht sich wegen der enormen Fülle der Not eine gewisse Resignation breit. Wenn man dann aber die Resonanz auf unsere Arbeit mitbekommt und was im Einzelnen durch den Verein bewegt wird, dann erhält man wieder ein gewisses Hochgefühl, verbunden mit neuer Motivation, genau so weiterzumachen.

Was gibt Ihnen Ihr Engagement?

Durch unsere Arbeit erfahren wir so viel Dankbarkeit und Freude durch unsere Mitmenschen in Kenia und dass es immer Sinn macht, auch mit kleinen Möglichkeiten einigen die Chance auf eine bessere Lebenssituation zu ermöglichen.

Welche Probleme haben die Menschen dort?

Diese kann man an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen. Ich versuche, es aufs Wichtigste zu reduzieren. Wenn man morgens aufsteht und nicht weiß, ob man an diesem Tag etwas zu Essen hat! Kann ein Problem größer sein? Kann die Familie mit den grundlegendsten Dingen für das Überleben versorgt werden, gibt es irgendwo Arbeit, und warum werden die Probleme immer größer statt kleiner? Immer mehr Menschen in Kenia stellen sich jeden Tag diese Fragen und das in dem Wissen, dass immer mehr von ihrem Land und somit ihrer Existenzgrundlage geraubt oder zerstört wird.

Spielt Corona dort eine Rolle?

Die Pandemie war für viele existenzbedrohend und ist es immer noch. Es gibt in Kenia kein soziales Auffangnetz. Vom Staat ist keine Unterstützung zu erwarten. Viele Menschen arbeiten als Tagelöhner. Auch der Tourismus, Kenia ist bekannt für seine atemberaubenden Landschaften und eine einzigartige Tierwelt, ist in dieser Zeit komplett zusammengebrochen und erholt sich erst jetzt langsam wieder. Die wenigsten haben die Chance auf eine geregelte Tätigkeit und dadurch auch ein gesichertes regelmäßiges Einkommen. Fazit: durch Corona noch mehr Leid, Hunger, Verzweiflung.

Das Motto der Keniahilfe lautet »Hilfe zur Selbsthilfe«. Zyniker behaupten, man könne Afrikanern nicht helfen, weil sie anders tickten. Was entgegnen Sie auf solche Standpunkte?

Ja, die Afrikaner ticken in manchen Dingen und Anschauungen anders wie wir. Sie sind genügsam, helfen einander, ertragen viele Situationen mit einer stoischen Ruhe, sind viel gelassener als wir und denken und planen nicht Jahrzehnte im Voraus. Für manche Nichtafrikaner mag das als Faulheit und fehlende Eigeninitiative gelten. Ich persönlich kann dieses in Kenia nicht mehr erkennen als hier in Europa. Es fehlt einfach an Chancen! Wir als Unterstützer von Menschen in Kenia versuchen, mit den bescheidenen Mitteln unseres Vereins Dinge ins Rollen zu bringen, was finanziell für viele Menschen erst gar nicht leistbar wäre. Und diese Starthilfen haben schon zahlreiche Standbeine geschaffen. Das alleine zählt. Und das Wichtigste überhaupt: Eine gute Schul- und Berufsausbildung! Nur so ist die Chance auf ein normales und nicht existenzbedrohtes Leben gegeben und die Versorgung ganzer Familien gewährleistet.

Andererseits brachten Jahrhunderte europäischer Anwesenheit in Afrika auch nicht gerade nur Segen für den Kontinent, selbst wenn sie mit christlichen Heilsversprechen begründet war. Was macht Ihr kleiner Verein anders?

Die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents wird heute noch fortgeführt. Landraub zur Gewinnung von Lebensmitteln, nur nicht für die Afrikaner selbst, Sicherung von Bodenschätzen, die illegale Aneignung von Trinkwasservorkommen, Ersatz von einheimischen Arbeitskräften durch billigere aus den asiatischen Ländern und noch vieles mehr. Hier kann unser Verein natürlich nichts ändern. Was wir tun, ist Menschen zu unterstützen, welche Hilfe bedürfen, und das unabhängig eines bestimmten Glaubens. Für uns ist jeder gleich wichtig!

Mit welchen Hilfsprojekten ist Ihr Verein derzeit beschäftigt?

Seit Vereinsgründung unterstützen wir fortlaufend Aidswaisen, Straßenkinderprojekte, übernehmen für etwa 200 Schüler die Schulgeldzahlungen, helfen mit Schulmaterial und unterstützen kleine Krankenstationen finanziell beim Kauf von benötigten Medikamenten. Kleinbauern werden bei der Anschaffung von Tropfbewässerungsanlagen unterstützt, existenzbedrohten Familien mit Hilfen zum Lebensunterhalt unter die Arme gegriffen, und seit einigen Jahren haben wir durch die anhaltenden Dürren und Überschwemmungen in Kenia vielen Menschen mit Lebensmittelpaketen geholfen. Letztes Jahr konnten wir in einer ländlichen Region einen Trinkwasserbrunnen realisieren und so die Versorgung von mehreren hundert Menschen sichern.

Wie hält man überhaupt eine Partnerschaft über 6500 Kilometer Distanz aufrecht?

Indem wir verlässliche Vertrauensleute vor Ort bei den einzelnen Projekten haben. Mit WhatsApp und E-Mail ist es heute ja kein Problem mehr, hier ständig in Kontakt zu bleiben, und auch das Telefonieren funktioniert gut. Für uns wichtig: Immer wieder machen sich Mitglieder unseres Vereins auf eigene Kosten auf den Weg nach Kenia und besuchen dort die einzelnen Projekte, die unterstützt werden. Ich persönlich war in Vergangenheit mehrere Male auf Projektreise, unser Projektkoordinator nahezu jedes Jahr. Vor Ort können am besten ein Projekt auf Funktion und Sinnhaftigkeit beurteilt werden und auch neue, wichtige Projekte aufgenommen werden. So klappt die Partnerschaft sehr gut. Im Laufe der Jahre haben sich mit den Menschen dort zahlreiche Freundschaften entwickelt.

Auf welches Ergebnis der Hilfe aus Freudenstadt sind Sie besonders stolz?

Es freut uns, dass wir in den drei Jahrzehnten vielen Menschen unter die Arme greifen und ihnen eine Verbesserung der Lebenssituation ermöglichen konnten. Da zählt jeder Einzelne. Schon mit etwas Stolz blicken wir auf einige spezielle Einzelprojekte zurück: Einer besonders förderungswürdigen Schülerin haben wir das ersehnte Medizinstudium finanziert. Jetzt hilft sie als Ärztin ihren eigenen Landsleuten. Einem jungen Mann konnten wir durch eine Oberschenkelprothese, er hatte durch ein Bombenattentat in Nairobi ein Bein verloren, mehr Lebensqualität ermöglichen. Heute arbeitet er in der Verwaltung einer Klinik. Und wir haben einem kleinen Junge eine Operation ermöglicht, durch die er heute ein normales Leben führen kann. Diese Beispiele zeigen, was außer den laufenden Hilfsprojekten noch alles geleistet wird. Und stolz sind wir im Verein auch auf unser Versprechen: Jeder gespendete Euro erreicht zu 100 Prozent unsere Hilfsprojekte vor Ort!

Welches Ziel dort würden Sie gerne erreichen?

So vielen Menschen wie irgend nur machbar eine bessere Chance im Leben zu ermöglichen, und das bestenfalls durch Hilfe zur Selbsthilfe. Dinge an die Hand zu geben, um Möglichkeiten zu schaffen.

Der westliche Blick auf Afrika wirkt bisweilen etwas gönnerhaft, bemitleidend und damit herablassend. Was können wir von Kenianern abschauen oder lernen fürs Leben?

Dass wir vielleicht nicht immer nur eine ferne Zukunft vor Augen haben und Gedanken und damit verbundene Sorgen verschwenden. Die Gegenwart und das Morgen sind wichtig, die Bewältigung der aktuellen Situation. Denn die ist anstrengend genug. In Kenia zählen außer der Gesundheit der Familie in erster Linie der gesellschaftliche Zusammenhalt, die generationenübergreifende Hilfe. Es gibt dort ein Grundverständnis für das Teilen mit Anderen, eine Abkehr von purem Luxusdenken und mehr Freude an dem, was man hat, auch wenn es nicht viel ist.

Info und Kontakt: www.foerderkreis-kenya-freudenstadt.de