Im Kurhaus inszenierte die Badische Landesbühne mit Kerstin Schulte Tockhaus Ausschnitte aus dem "Tagebuch der Anne Frank". Foto: Keck Foto: Schwarzwälder-Bote

Theater: Kerstin Schulte Tockhaus lässt in Schülervorstellung Anne Franks Tagebuch aufleben

Von Gerhard Keck

Freudenstadt. Zum Weltdokumentenerbe zählt das "Tagebuch der Anne Frank". Es ist ein millionenfach verbreiteter Weltbestseller. Die deutsche Jüdin wurde im Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren und starb im Winter 1944/45 im Konzentrationslager Bergen-Belsen als Opfer einer Typhus-Epidemie und wurde vermutlich dort in einem Massengrab vergraben. Das gleiche Schicksal ereilte ihre drei Jahre ältere Schwester Margot.

Im Kurhaus Freudenstadt führte die Badische Landesbühne Bruchsal gestern zur besten Schulzeit eine szenische Lesung aus Anne Franks Tagebuch auf. Die knapp 60 Schüler der Falkenrealschule Freudenstadt hatten keinen Grund, den Besuch der rund einstündigen Veranstaltung zu bereuen. Im Gegenteil: Aus so mancher Äußerung sprach hohe Anerkennung für die Leistung der Schauspielerin Kerstin Schulte Tockhaus, die den "Herzensergüssen eines 13-jährigen Schulmädels" (Anne Frank selbst) Leben einhauchte. Die Aufführung folgt der von Otto H. Frank, Vater von Anne Frank, und Schriftstellerin Mirjam Pressler autorisierten Publikation des Tagebuchs. Eine Fassung der Badischen Landesbühne wurde von Carsten Ramm künstlerisch umgesetzt. Larissa Benszuweit verantwortet die Dramaturgie.

Protagonistin Kerstin Schulte Tockhaus zählt erst seit einigen Monaten zum Ensemble der Bruchsaler. Für ihren Auftritt standen ihr nur vier Probeläufe zur Verfügung – umso bemerkenswerter fiel die darstellerische Qualität aus. Als einmal mehr typisch für die Badische Landesbühne erwies sich die karge Ausstattung: eine Kladde mit den Tagebuchaufzeichnungen und zwei offene, variierbare Holzkisten in Käfigform, letztere in Anspielung auf die Lebensform der acht in einem Amsterdamer Hinterhaus untergetauchten Menschen. Ihre Hoffnung auf ein Überleben der Verfolgungen und des Kriegs erfüllte sich nur für einen: den Vater von Anne Frank, der den Holocaust überlebte.

Das Leben in zunächst relativer Sicherheit, gewährleistet durch opferbereite Mitmenschen, vollzieht sich in der Spannung aus individuellen Ansprüchen und den Erfordernissen einer Zwangsgemeinschaft. Höchst unterschiedliche Charaktere behaupten ihren Überlebenswillen, und das kann ohne Streitereien nicht abgehen.

Ziel vieler verbaler Angriffe ist die junge Anne Frank, ein intelligentes, offenes Mädchen, das später mal "in der Welt für die Menschen arbeiten" möchte, als Schriftstellerin oder Journalistin. Ihre Empfindungen, Träume, Verzweiflung und Hoffnungen vertraut sie ihrem Tagebuch an und schafft sich damit ein Gegenüber namens Kitty.

Annes Leben ist "zweigeteilt", wie sie selbst empfindet: Die eine Seite zeigt sie als "Schwatzliese", die mit ihren selbstbewussten Entgegnungen immer wieder für Empörung sorgt und es selbst als Schande empfindet, "so fröhlich zu sein". Die andere Seite der Medaille führt das sich verlassen und unverstanden fühlende Mädchen vor, das wie ihre Leidensgenossen, den Tod vor Augen, die Monate und Jahre in steter Angst vor Entdeckung zubringen muss. Hoffnung auf einen schnellen Sieg der herannahenden alliierten Streitkräfte über Hitler-Deutschland, Verzagen angesichts der Dauer der kriegerischen Auseinandersetzungen und der damit einhergehenden tiefen Einschnitte in die Lebensqualität der Untergeschlupften markieren die beiden Pole.

Kerstin Schulte Tockhaus bedient souverän die Klaviatur menschlicher Regungen in unterschiedlichen Gemütsverfassungen: Eintauchen in die verwirrende Welt der Pubertät, aggressive Auslassungen vornehmlich gegen die Mutter und nervige Mitbewohner, Suche nach Geborgenheit beim Vater, hysterisches Aufbegehren gegen die Finsternis der Einsamkeit.

Annes Tagebuch endet mit den Worten, die deutlich machen, in welchen Zwiespalt Menschen in bedrängenden Situation geraten können: "…wie ich so gern sein möchte, und wie ich sein könnte, wenn… ja, wenn keine anderen Menschen auf der Welt lebten." Der Dichter und Theologe Albrecht Goes schreibt dem Tagebuch der Anne Frank zu, dass es "ohne jede falsche Zutat die Wahrheit sagt".