Der Bestattungsort auf dem Friedhof Freudenstadt für fehl- und frühgeborene Kinder. Foto: Tabor-Kirche Foto: Schwarzwälder-Bote

Trauer: Selbsthilfegruppe "Leere Wiege" stellt sich neu auf / Gesprächsabend am 11. Januar / Umgang mit dem Verlust

Kreis Freudenstadt. Der Verlust eines ungeborenen oder tot geborenen Kinds ist groß. Die Selbsthilfegruppe "Leere Wiege" im Kreis Freudenstadt bietet Unterstützung. Derzeit stellt sie sich neu auf. Wir sprachen mit Pastoralreferent Michael Paulus von der Taborkirche Freudenstadt. Er ist Mitbegründer der Gruppe.

Herr Paulus, wie fühlt sich Trauer um ein Kind an, das man gar nicht kennengelernt hat?

Ich weiß es nur indirekt aus Erzählungen. Es ist schwer, trostlos, alles im Nebel.

Lässt sich sagen, wie viele Fehlgeburten es im Kreis Freudenstadt gibt?

Ich schätze, etwa 50 bis 80 pro Jahr. Dazu kommen die so genannten Spontanaborte.

Dann betrifft das viele Familien, auch gemessen an den rund 1100 Geburten, die es voriges Jahr im Krankenhaus Freudenstadt gab. Warum spricht trotzdem niemand drüber?

Es ist schwer, über Trauer, Verlust, Ohnmacht, Wut und zerplatzte Lebensträume zu sprechen. Es ist schwer, dafür Sprache zu finden. Aber es gelingt in geschützten und vertrauten Beziehungen. Und da ist das Bedürfnis für viele groß, sich mitzuteilen.

Was beschäftigt die betroffenen Eltern, vor allem die Frauen?

Vieles. Da ist alles dabei: Fragen, Wut, Erinnerung, Ohnmacht, Trauer und Vorwürfe, auch sich selbst gegenüber. Es war doch in vielen Fällen in der Schwangerschaft so lange zunächst alles gut. Details werden erinnert aus der Zeit, wo noch alles in bester Ordnung war. Aber es tauchen oft auch Fragen auf: Hat jemand einen Fehler gemacht? Jemand muss doch Schuld sein. Warum konnten die Ärzte nicht helfen? Es gibt da viele widerstreitende Gefühle.

Warum sollte man ein Kind überhaupt austragen, wenn doch klar ist, dass es nicht leben wird?

Diese Frage stellen sich viele Eltern, ob sie sich das zumuten sollen oder ob ein Kaiserschnitt nicht besser wäre. Die Geburt eines toten Kinds kann auch gut sein zur Verabschiedung. Es gibt oft sehr unterschiedliche Wege, mit der Trauer umzugehen. Einige Eltern teilen sich sachlich mit, andere möchten über ihre Emotionen sprechen und verstehen. Die einen versuchen, sich abzulenken, die anderen fühlen sich innerlich tot. Tröstend und wichtig ist für viele im Rückblick, dass man sein Kind noch auf dem Arm hatte, noch gestreichelt hat, gesehen hat. Sie erzählen, dass das zwar einerseits entsetzlich schlimm, andererseits doch wohltuend schön gewesen sei, das Kind genau angeschaut und berührt zu haben. Als schlimm empfinden viele nach der Beerdigung oft das leere Kinderzimmer. Aber es ist auch ein wichtiger Ort der Trauer. Einige Mütter fragen sich, warum sie nicht mitgestorben sind. Das kann für den Partner wiederum sehr verletzend sein, ihm das Gefühl zu geben, für die Frau nichts zu sein.  

Macht das Sinn? Ist das gut, sich solche Fragen überhaupt zu stellen?

Die Menschen trauern sehr unterschiedlich. Außerdem verläuft die Trauer in Phasen. Es gibt oft depressive Zeiten, tiefste Trauer, Aggressivität oder Stille mit einer inneren Einkehr. Und surreale Gedanken. Glaubensvorstellungen werden wichtig.

Mittlerweile müssen ungeborene Kinder bestattet werden. Ist das gut oder schlecht für die Eltern?

Nach meinen Erfahrungen hilft ein Beerdigungsritual. Dass ihr totes Kind wie ein Mensch behandelt und eben auch beerdigt wird, ist für die allermeisten Eltern sehr hilfreich. Die Vorbereitungen der Beerdigung, die Gespräche im Zusammenhang mit Seelsorger und Bestatter, die Rituale der Beerdigung, tröstende Grabbeigaben, die Anteilnahme von Verwandten und Freunden – all das hilft in der Trauer, auch wenn die Beerdigung oft als sehr anstrengend erlebt wird. Viele fallen nach der Beerdigung wie in ein tiefes dunkles Loch der Trauer. Erinnerungen an Begegnungen bei Beerdigung helfen dann, Kontakt aufzunehmen.

Hilft die Geburt des nächsten Kinds über die Leere hinweg?

Ja, meistens. Weitere Kinder bringen Aufgaben, Glück und Freude. Dennoch kann immer wieder auch Trauer über das tote Kind da sein.

Kann man ein ungeborenes Kind jemals vergessen?

Nein, die Eltern nicht. Das ungeborene Kind wird nie vergessen, es bleibt ein Familienmitglied.

Wie könnte der Weg oder Zustand für betroffene Eltern aussehen, um versöhnlich mit dem Verlust weiterleben zu können?

Die Trauergruppe ist hilfreich. Man kann mit anderen Betroffenen sprechen, aber genausogut miteinander schweigen und dabei entdecken, dass man mit seinen Gefühlen nicht alleine ist. Man findet Verständnis bei anderen Betroffenen und lernt, was anderen hilft. Das kann Paaren gut tun und helfen. Manchmal kommt aber auch nur einer der beiden Partner zu uns in die Gruppe, und der oder die andere geht andere Trauerwege. Trauernde können Trauernde trösten, weil Trauernde mit der Zeit zu Experten der Trauer werden. Sie haben einen eigenen Zugang zur "anderen Seite", der sich von dem der übrigen Welt unterscheidet. Manche Paare kommen durch den Verlust und die Trauer enger zusammen, sie reden sehr viel, spüren, wie sie sich aufeinander verlassen können, akzeptieren ihre verschiedenen Trauerwege. Andere werden sich fremd, machen sich Vorwürfe.  

Glauben Sie an ein Wiedersehen nach dem Tod?

Ich glaube nicht an die Auferstehung als Wiederbelebung eines Leichnams, und ich glaube auch nicht, dass ich auf dem Friedhof bin, wenn man mich dort begräbt. Aber ich habe die Hoffnung, dass nichts umsonst ist und nichts verloren geht. Aus dieser Hoffnung lebt mein Glaube, dass wir unsere Lieben nach dem Tod auf eine ganz neue, verwandelte Weise erkennen. Nicht mit unseren irdischen Augen, aber in einer mir noch nicht bekannten Weise.

 Die Fragen stellte Volker Rath  

 Die Selbsthilfegruppe "Leere Wiege" für trauernde Eltern im Kreis Freudenstadt, die ein ungeborenes Kind verloren oder ein Kind tot geboren haben, existiert seit 15 Jahren. Derzeit organisiert sie sich neu und plant den Neustart. Aus dem ambulanten Hospizdienst Freudenstadt entstand damals die Initiative für einen Bestattungsort auf dem Friedhof für fehl- und frühgeborene Kinder und die Initiative für jährliche Bestattungsfeiern für die Asche aller Kinder, die kein eigenes Grab bekommen. Im Anschluss an die erste Bestattungsfeier dieser Art im Kreis äußerten Betroffene den Wunsch, sich öfter zum Austausch treffen zu wollen. Daraus entstand 2001 die Trauergruppe "Leere Wiege Freudenstadt". Die Leitung der Gruppe hatten stets Ehepaare. Immer mit dabei ist eine Kinderkrankenschwester, die Auskunft zu medizinischen Fragen geben kann. Pastoralreferent Michael Paulus (58) von der Taborkirche Freudenstadt war bereits damals Mitinitiator der Selbsthilfegruppe und begleitet auch jetzt den Neustart. Die Selbsthilfegruppe wird finanziell unterstützt von den christlichen Kirchen Freudenstadts. Bei den Gesprächsabenden waren am Anfang bis zu 16 Trauernde da, außerdem gab es viele persönliche Begegnungen bei privaten Treffen zu Hause bei den Leitern.

 Einen offenen Gesprächsabend für betroffene Eltern gibt es am Mittwoch, 11. Januar, um 20 Uhr im katholischen Pfarramt Freudenstadt, Kirchplatz 3.

 Kontakt: Manfred Maier, Telefon 07444/49 37 und E-Mail eva.manfred.maier@t-online.de; Michael Paulus, Telefon 07441/91 72 16 und E-Mail m.paulus@tabor-fds.de.

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