Stilmischung in Vollendung – oder, wie Bandleader Bruno Böhmer Camacho formulierte: "Das passiert, wenn drei Kolumbianer zwölf Jahre in Europa leben." Foto: Eberhardt

Schwarzwald Musikfestival: Stilmix aus Europa und Kolumbien bietet Feuerwerk an Emotionen, Melodien und Temperament.

Freudenstadt - Mit dem Programm "Colombian Project" richtete man beim Schwarzwald Musikfestival den Blick auf die andere Seite des Ozeans und erfreute die Zuhörer mit vielschichtiger und zugleich eingängiger Musik. Hinter dem stilistischen Experiment steckte das Bruno Böhmer Camacho Trio. Bühne für das außergewöhnliche Programm war die Kundenhalle der Kreissparkasse Freudenstadt, welcher Festival-Intendant Mark Mast schon vor einigen Jahren augenzwinkernd den Beinamen "Sparkassen-Philharmonie" verliehen hatte. In dieser zündeten Pianist Böhmer Camacho und seine Kollegen Rodrigo Villalón (Drums) und Juan Camilo Villa (E-Bass) ein kleines Feuerwerk an Emotionen, Melodien und Temperament.

Alle drei Musiker haben kolumbianische Wurzeln, alle verbrachten ihre Studienjahre in Deutschland. Das Ergebnis ihres kreativen Schaffens beschreiben die drei als eine Mischung aus kolumbianischer Tradition und Jazz europäischer Prägung. Man mag es aber auch als aparten Stilmix bezeichnen.

Die atmosphärisch dichten Kompositionen, die zwischen Ballade und wilden Latino-Rhythmen pendelten, mal erzählerisch, mal mit typischen, aber immer ohrenverträglichen Improvisationselementen, zauberten eine reizvolle Mischung aus Jazzkeller-, Strandbar- und Straßencafé-Atmosphäre in die Kreissparkasse. Garniert wurde das Programm von heimatlichen Anek­doten Bruno Böhmer Camachos, der nicht nur in schwindelerregenden Läufen über die Tasten tanzte, sondern auch versiert als Moderator auftrat. Gleichzeitig war es Musik, die im Sitzen anzuhören schwerfiel.

Das temperamentvolle Zucken in den Beinen der Musiker übertrug sich rasch auf die Gliedmaßen der Zuhörer. Eine tadellose Tonmischung und ein stimmungsvolles Beleuchtungskonzept weckten das Bedürfnis, die geordneten Stuhlreihen zu verlassen und die treibende, temperamentvolle Stimmung, die so intensiv von der Bühne in den Saal drang, in Bewegung zu genießen.

Die Musik selbst war exzellent dargeboten, wo es in den freien und sehr kreativen Vorträgen Makel gab, waren sie im Publikum kaum wahrnehmbar. Dicht beieinander waren die Musiker – harmonisch wie rhythmisch. Den ehrbarsten Job verrichtete dabei Juan Camilo Villa, dessen fein akzentuierter Bass angesichts des künstlerischen Wirbels seiner Kollegen nahezu vollständig aus der Wahrnehmung der Zuhörer rutschte. Und das, obwohl ohne ihn die Geschlossenheit und Homogenität der vielschichtigen Kompositionen – die mehrheitlich aus der Feder von Böhmer Camachos Großvater stammten – undenkbar gewesen wäre. Aber auch Böhmer Camacho selbst, Namensgeber und Frontmann des Trios, musste die Aufmerksamkeit der Zuhörer an anderer Stelle abgeben.

Zwar prägte sein brillanter Tanz mit dem Flügel, der zwischen hingebungsvoll versunken und ausladend expressiv viele Stimmungen durchmachte, das musikalische Gesicht des Abends. Charakter, Kanten und ihr außergewöhnliches Charisma wurden der Musik jedoch von Drummer Rodrigo Villalón verliehen, der mit einigen Sticks auf ein paar Trommelfellen mehr musikalische Gestaltungskraft zu entwickeln vermochte, als manch anderer mit einem Dutzend Instrumente.

Teils brillante und komplexe Charakterwechsel zum fortschreitenden Abend erinnerten immer wieder daran, dass nicht nur junge kreative Künstler, sondern auch überaus kompetente Meister der musikalischen Techniken am Werk sind. Zusammen steigerten sie sich in einen stilistischen Parforceritt zum Finale.

"Ich habe sonst nicht so viel Spaß in einer Bank", scherzte Bandleader Böhmer Camacho, nachdem die Zuhörer reichlich Szenenapplaus gespendet hatten. Mancher im Publikum mochte ihm da sicher zustimmen.