Gästebücher zeigen: Deutsche Juden kamen ab 1953 gerne nach Freudenstadt – vor allem zur Familie Haas
Freudenstadt. Einer Initiative des Kreis- und Stadtarchivs Freudenstadt und von Christa John ist es zu verdanken, dass die Gästebücher des ehemaligen Gästehauses Eugen und Fritz Haas entdeckt und von Ulrich Müller, Pfarrer i.R., publik gemacht wurden. Emmi Haas, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, erzählt anhand der Gästebücher von ihren jüdischen Gästen, die zwischen 1953 und 1992 zum Urlaub in den Schwarzwald kamen und erklärt, weshalb ihr Schwiegervater Eugen Haas 1931 Position für die Juden bezog.
"Gästehaus Fritz Haas" – ein unauffälliges Schild findet sich an der Eingangstür zur Kolpingstraße 6 in Freudenstadt. Über dem Türbogen der Davidstern und die Jahreszahl 1961, darüber ein Glasfenster mit den Stadtwappen von Freudenstadt und Jerusalem. Emmi Haas blättert in den Gästebüchern, die sie der Stadt Freudenstadt übergeben will und erzählt, wie 1953 – fünf Jahre nach der Gründung Israels – die ersten Israelis in das Gästehaus Haas kamen. Mehr als 140 Namen von deutschen Juden finden sich in diesen Büchern, darunter viele bekannte Persönlichkeiten wie David Flusser aus Jerusalem, der Studien zum Neue Testament durchführte. Als er sich eines Tages überraschend zu Besuch anmeldete, wurde auf koschere Küche umgestellt: Es gab Schwarzwaldforelle. An einem Freitag kam der Landesrabbiner für Württemberg-Hohenzollern, Siegfried Neufeld, in das Haus: "Herr Haas, wir brauchen für die Schabbatfeier (sie fand in einem besonderen Raum im ›Rappen‹ statt), noch einen Siddur (jüdisches Gebetsbuch), Sie haben doch bestimmt einen?". Haas konnte aushelfen.
Besonders wertvoll ist eine Sammlung von 37 Briefen, die zwischen 1967 und 1971 entstanden. Sie stammen aus der Feder des jüdischen Arztes Elias Auerbach und seiner Frau Grete. Auerbach betrieb das erste Krankenhaus mit Entbindungsstation in Haifa.
Ein Gruß sticht besonders ins Auge: "Die schönen Tage, die wir wieder, betreut von Wärme und Herzensgüte, bei Ihnen erleben durften, werden uns unvergesslich bleiben. Wir werden – auch in der Ferne – Ihrer stets in Freundschaft und Dankbarkeit gedenken". Über diesem Gruß steht in Neuhebräisch ein Satz aus dem Talmud: "Die Gerechten aller Völker haben Anteil am ewigen Leben". Die Widmung stammt von Martin Alterthum, Tel-Aviv, der bis zu seinem Berufsverbot 1933 Direktor des Landgerichts in Dessau war. Er wurde im November 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht, kam frei und emigrierte mit seiner Ehefrau nach Palästina, Tel-Aviv.
Fragt man Emmi Haas, wie ihre Familie zu diesen Gästen kam, antwortet sie mit einem feinen Lächeln: "Das war Mund-zu-Mund-Propaganda". Dann erzählt sie über den tieferen Hintergrund, über das, was das Gästehaus Haas für deutsche Juden nach dem Krieg so anziehend machte. "Mein Schwiegervater, Eugen Haas, hatte Hitlers ›Mein Kampf‹ gelesen und war entsetzt über die antisemitischen Hasstiraden. Er warnte seinen jüdischen Nachbarn, Leopold Fellheimer, und riet ihm dringend auszuwandern." "Die Kunden, die zu meinem Schwiegervater ins Geschäft kamen ließ er nicht über seine Meinung im Unklaren", so Emmi Haas, was ihm den Unmut des NSDAP-Ortsgruppenleiters einbrachte.
Sie legt die Briefmappe zur Seite und sagt: "Ich sehe meinen Schwiegervater noch heute vor mir. Als im Mai 1948 die Gründung des Staates Israel im Rundfunk mitgeteilt wurde, da lag auf seinem Gesicht eine tiefe innere Freude und er rief zu meinem Mann: ›Fritz, jetzt braucht man uns nicht mehr!‹ Womit er sagen wollte: Das Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht."