Guten Appetit: Stadträtin Beate Gernsheimer (Freie Wähler) ließ sich das Buffett schmecken, genauso wie die rund 200 geladenen Gäste. Foto: Haubold

Aleviten beziehen neues Domizil in der Hirschkopfstraße. Einweihung mit vielen Gästen aus Politik und Gesellschaft.

Freudenstadt - Für die etwa 100 Mitglieder der Alevitischen Gemeinde Freudenstadt ging mit der Einweihung des Cem-Hauses ein großer Wunsch in Erfüllung: Fast 20 Jahre waren sie in der Stuttgarter Straße in einem Raum untergebracht, jetzt haben sie in der Hirschkopfstraße 22 ein neues Domizil. Zusammen mit rund 200 Gästen hat die Alevitische Gemeinde ihr neues Gemeindezentrum eröffnet. Die Gemeindemitglieder hatten zuvor unter großer Anstregnung aus dem Haus ein Schmuckstück gemacht. Binnen weniger Monate wurde das Gebäude zum großen Teil in Eigenregie vollständig saniert. "Unser Haus soll für alle Bürger offen sein", sagte Vorsitzender Barkin Turan, für den "Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Gleichberechtigung und Toleranz" gleichsam wichtig sind. Im Cem-Haus finden religiöse Zeremonien ebenso wie Seminare statt, ein selbst auferlegter Bildungsauftrag, insbesondere für die Jugend, kommt darüberhinaus zum Tragen. Aber auch Feste werden gefeiert.

Auf drei Stockwerken haben die Aleviten nun einen Gemeinschaftsraum, Jugendräume, ein Spielzimmer und eine gut eingerichtete Küche zur Verfügung. Gefeiert wurde zur Eröffnung mit vielen Ehrengästen, darunter Wolf-Dietrich Hammann, Ministerialdirektor im Ministerium für Integration, sowie Abgesandte aus Stadt und Kreis, Vertreter der Schulen, einiger Unternehmen und Glaubensgruppen sowie von DRK und Polizei. Die angekündigte Integrationsministerin Bilkay Öney (Grüne) war allerdings nicht unter den Gästen. Sie hatte wegen eines anderen Termins kurzfristig abgesagt.

Bei der Vereinsgründung 1994 zählte der Alevitische Kulturverein gerade mal zehn Mitglieder. Die Existenz der Gemeinschaft war damals kaum bekannt. Heute fühle man sich in Freudenstadt sehr wohl, denn viel habe sich in den vergangenen Jahren für die rund 450 Aleviten im ganzen Landkreis verändert, wussten Nurcan Dogan und Özlem Koluman, die den Abend moderierten. Kultur und Religion müsse man Werte geben, das sei der Auftrag der Integration, sagte Ministerialdirektor Hammann in seinen Grußworten unter dem zustimmenden Beifall der Gäste. An 32 Schulen im Land sei alevitischer Religionsunterricht bereits fester Bestandteil. "Egal, was im Pass steht, wir alle, die in diesem Land leben, sind Baden- Württemberger", betonte Hammann.

Landrat Klaus Michael Rückert: "Integration funktioniert, wenn Menschen aufeinander zugehen." Wurde ihm doch vor einigen Wochen persönlich von den Mitgliedern der Aleviten eine Einladung überbracht. "Das hat mich tief bewegt und beeindruckt", so der Amtschef. Dass sich so viele Gäste im Cem-Haus eingefunden hätten, sei wohl die Reaktion auf die offene, überzeugende Art, mit der sich die alevitischen Bürger schon viele Jahre lang in die Gesellschaft einbrächten, so Rückert. Es sei ein "langer, langer Weg" gewesen, bis man "diesen besonderen Tag bei den alevitischen Freunden" feiern konnte, blickte Oberbürgermeister Julian Osswald auf die Zeit zurück, als er die Alevitische Gemeinde beim Wahlkampf kennengelernt hatte. Deren Anliegen, nämlich die deutsche Sprache zu lernen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau voranzubringrn, hätten ihn beeindruckt. Vor einigen Jahren war ein städtisches Grundstück für den Bau des Cem-Hauses vorgesehen. "Dabei mussten wir aber erfahren, dass es bei einigen mit der gelebten Integration nicht weit her war", machte der Rathauschef deutlich. Das große Ziel – nämlich der Bau des Gemeindehauses – schien dann erst mal nicht mehr realisierbar, zumal es Veränderungen im Verein gab. Umso mehr freue es ihn, dass es nun gelungen sei, eine Begegnungsstätte, die allen interessierten Bürger Freudenstadts offen stehe, einzuweihen. Zwischenzeitlich gebe es Ansätze, dass die Aleviten einen Kandidaten für den Gemeinderat aufstellen wollen, wusste der Oberbürgermeister. Er meinte: "Deutschland ist ein Einwanderungsland, das haben aber noch nicht alle begriffen".

"Dede" Zeynel Arslan, ein Gelehrter, sprach über die Tugenden und Werte der Aleviten. Jugendliche Mitglieder führten einen Gebetstanz auf, bevor die Besucher die Gelegenheit nutzten, um das Haus zu besichtigten. Mit Sekt und vielen selbst gemachten Leckereien leitete dann das Küchenteam am Abend den geselligen Teil ein.