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Freudenstadt 100 werden – ein "unglaublich cooles Gefühl"

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Friedrich Jäckle mit seinem Sohn Ulrich und dessen Partnerin Elke Arnold sowie Monika Kappel (rechts) von der Verwaltungsleitung des Martin-Haug-Stifts, links zwei der ausdrucksstarken Bilder Jäckles, das obere davon ein Selbstporträt. Foto: Schwarz Foto: Schwarzwälder Bote

Der Freudenstädter Architekt und Künstler Friedrich Jäckle hat am Donnerstag seinen 100. Geburtstag gefeiert – bei vergleichsweise guter Gesundheit und mit jeder Menge Charme, Witz und Humor.

Freudenstadt (mos). Ein großes Fest mit zahlreichen Besuchern hatte die Familie am gestrigen Geburtstagsjubiläum schon aufgrund von Corona nicht in Betracht gezogen. Jäckles Sohn Ulrich und dessen Partnerin Elke Arnold waren aber extra vom Bodensee angereist, um mit dem Vater, beziehungsweise Schwiegervater, ein paar nette Stunden in kleiner Runde zu verbringen.

Eine Seeforelle samt dem passenden Riesling als Geburtstagswunsch

Im Martin-Haug-Stift, in dem Jäckle seit ein paar Jahren lebt, hatte man zudem aus Anlass des Festes einige seiner frühen Werke im Eingangsbereich aufgehängt. Angestoßen wurde mit einem Glas Sekt, das sich Jäckle trotz des hohen Alters schmecken ließ. Genauso wie die anschließend kredenzte Seeforelle samt Klingelberger Riesling, die er sich vom Sohn gewünscht hatte. Ulrich Jäckle hatte diese vor der Fahrt nach Freudenstadt extra frisch zubereitet. Mit sehr persönlichen und auch emotional vorgetragenen Worten, die er in einen Brief an den Vater niedergeschrieben hatte, blickte Ulrich Jäckle aus seiner Perspektive auf das außergewöhnliche Leben des Vaters zurück.

"Du hast mich mit deiner Haltung nachhaltig beeinflusst", sagte Jäckle, der ebenfalls Architekt geworden ist. Das berufliche Engagement des Vaters sei immer "außergewöhnlich intensiv" gewesen, weshalb sich die Bauherren glücklich schätzen konnten ob des motivierten Planers an ihrer Seite. Jäckle sei es dabei immer um die Sache gegangen, und nicht nur einmal habe er deshalb auch auf das ihm eigentlich zustehende Honorar verzichtet, erinnert sich Sohn Ulrich. Mit ihm gemeinsam hat Friedrich Jäckle übrigens bis vor drei Jahren an seinem letzten Ölbild gemalt. Es hängt in seinem Zimmer im Stift.

Vor 100 Jahren, am 9. Juli 1920, wurde Friedrich Jäckle als Sohn des Uhrmachermeisters Konrad Jäckle und seiner Frau Mathilde in Freudenstadt geboren. Seine Schulzeit in Freudenstadt beendete er 1939 mit dem Abitur am Keplergymnasium. Schon während dieser Zeit zeigte sich Jäckles großes Interesse und die Freude an der Malerei.

In den Kriegsjahren 1939 und 1940 war Jäckle als Besatzungssoldat in Frankreich stationiert. 1941 war er als Infanterist beim historisch bedeutsamen "Unternehmen Barbarossa" in Moskau eingesetzt. Jäckle hat diesen Einsatz nicht unbeschadet überstanden. Sein linker Arm wurde am 30. Oktober 1941 von gegnerischen Waffen zerfetzt. Seinem künstlerischen Schaffen hat dieses dramatische Ereignis keinen Abbruch getan, obwohl der Arm nicht mehr zu retten war.

Im Jahr 1942 besuchte Jäckle schließlich die Kunstakademie in Stuttgart, von wo aus er im Jahr 1943 an die Technische Hochschule gewechselt ist, um das Studium der Architektur zu beginnen. Bekannte Lehrer wie Paul Bonatz und Paul Schmitthenner haben ihn dort unterrichtet. Das Studium beendete er erfolgreich 1951 und kehrte anschließend nach Freudenstadt zurück, um den Wiederaufbau der Stadt zu begleiten. "Jäckle war der kreative Kopf im Stadtbauamt", hat Oberbürgermeister Julian Osswald über Jäckle anlässlich einer Ausstellung seiner Werke im Jahr 2014 in Freudenstadt gesagt.

Der erste eigene Auftrag war damals die Planung der Freudenstädter Martinskirche. Viele bekannte Projekte wie die Kirchen in Ehlenbogen und Aichhalden, das bis heute beliebte Gasthaus Waldgericht in Aach oder auch die Rekonstruktion des Kreuzgangs in der Münsterkirche in Klosterreichenbach sollten folgen.

Viele bekannte Gebäude in der Gegend um Freudenstadt hat Jäckle während seiner Schaffensphase zudem wieder zu neuem Leben erweckt. Beispielhaft sei hier die romanische Kirche in Unterbrändi genannt.

Bereits 1952 hatte sich Jäckle als Architekt selbstständig gemacht. Aus der Ehe mit seiner damaligen Frau gingen insgesamt vier Kinder hervor. 16 Jahre lang – von 1962 bis 1978 – kehrte Friedrich Jäckle dann seiner Geburtsstadt den Rücken und verlagerte seinen Lebensmittelpunkt an den Bodensee. Dort pflegte er den Kontakt mit verschiedenen Künstlern, zu denen auch der bekannte Maler und Grafiker Otto Dix gehörte. Nach der Scheidung kehrte Jäckle schließlich nach Freudenstadt zurück.

Die Malerei war in all der Zeit immer ein Ausgleich zur beruflichen Arbeit als Architekt. Jäckles Herz schlug in dieser Zeit besonders für die denkmalgeschützten Objekte. Die Malerei ist aber dennoch immer ein wesentlicher Bestandteil seines künstlerischen Schaffens geblieben. Auch an der Seite seiner neuen Partnerin im Freudenstädter Herrenfeld – sie starb im Jahr 2010 – sind zahlreiche Ölgemälde entstanden. Diese zeichnen sich in aller Regel durch eine intensive Farbgebung, Ästhetik, durch Harmonie und die in ihnen auch zum Ausdruck kommende Suche nach dem Frieden aus.

Im Alter von 92 Jahren im Jahr 2012 ist Jäckle schließlich nach einem Herzinfarkt ins Martin-Haug-Stift gezogen, wo er gestern gefeiert hat.

Seinen 100. Geburtstag kommentierte der Jubilar dort trocken, aber mit dem bis heute nicht verlorenen Humor: "Für meine Zeugung kann ich nichts, aber es ist ein unglaublich cooles Gefühl".

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