Anna von Boetticher ist eine der besten Freitaucherinnen der Welt. Im Interview erzählt die 52-Jährige, wie sie Haien und Walen begegnet, was sie unter Wasser sonst noch sucht und was das Ganze mit Pippi Langstrumpf zu tun hat.
Anna von Boetticher ist Apnoe-Taucherin – Tauchen ohne Pressluftflaschen. Aus eigener Kraft ist sie bis auf 81 Meter abgetaucht. Einmal hat sie mehr als sechs Minuten lang die Luft angehalten. „Auf dem Weg nach unten höre ich in 30 Meter auf zu schwimmen und lasse mich nur noch fallen, um Energie zu sparen“, sagt sie. In der Tiefe ist ihr Körper im Sauerstoffsparmodus, verteilt das Blut aus den Gliedmaßen in die Körpermitte, verlangsamt den Herzschlag und fährt den Stoffwechsel herunter. „Auf diese Weise kann ich, auch ohne zu atmen, lange auskommen.“ In der ARD-Mediathek ist zurzeit eine vierteilige Doku über die Freitaucherin zu sehen („Waterwoman“).
Frau von Boetticher, woher kommt Ihr Drang nach Abenteuern?
Von meinen Eltern. Sie haben mir eine wahre Neugierde auf das Leben vererbt. Mein Vater hat mit uns die tollsten Weltreisen unternommen – und zwar alle von Icking aus, einem Ort in Oberbayern. Von dort aus haben meine Brüder und ich mit unserem Vater den Ozean überquert, sind auf Berge geklettert und haben Wälder durchstreift – und zwar vom Sandkasten aus. Ein Tag ohne Abenteuer war bei uns ein verlorener Tag.
Wenn man Ihnen in der ARD-Doku so zusieht, hat man das Gefühl, als seien Sie die erwachsene Version von Pippi Langstrumpf.
Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Schauen Sie, früher hat mich das Buch über „Die Rote Zora“ begeistert. An einer Stelle kämpft Branko mit einer Krake im Mittelmeer. Sie versucht ihn mit aller Macht unter Wasser zu ziehen. Doch Branko befreit sich in allerletzter Minute aus ihren Fängen. Diese Mischung aus mythischem Ungetüm und Mut übt bis heute große Faszination auf mich aus.
Und deshalb springen Sie zu Haien ins Wasser. Dabei beachten Sie drei Regeln: ihn nicht berühren, an allen Körperteilen Kleidung tragen, dem Raubfisch in die Augen schauen. Bekommt er Angst, wenn Sie böse schauen?
Das mögen Sie vielleicht nicht glauben, aber ich merke schon, dass der Hai sich anders verhält, wenn ich ihn anstarre. Die Grundregeln beachte ich bei allen Räubern unter Wasser. Wenn ich aber merke, dass sich die Haie durch mich gestört fühlen, dann steige ich sofort aus dem Wasser. Zum einen gebietet das der Respekt gegenüber den Tieren, zum anderen ist mir mein Leben viel wert.
Großen Respekt zeigte der Mobula-Rochen aber nicht, als er Ihnen . . .
. . . auf Bayerisch eine „Watschn“ verpasste. Die Einzige, die aber einen Fehler machte, war ich. Ich habe mich dem Rochen zu schnell genähert. Er hat sich erschrocken, daraufhin beschleunigt und mich dabei mit einem Flügelschlag aus Versehen erwischt. Damit ist klar: „Mädel, Vorsicht! Hier unten bist du bei mir zu Gast.“
„Die Tiere sind bei Freitauchern neugieriger“, sagen Sie. Warum?
Normale Taucher, also mit Pressluftflaschen, machen unter Wasser ganz schön Lärm. Das verschreckt die Tiere. Wir Freitaucher sind hingegen ohne Geräte unterwegs, tauchen wie Delfine oder Wale als „normale Meeressäuger“ in ihrem aquatischen Lebensraum. Wir nehmen wie sie eine Lunge voll Luft und tauchen ab, sind in dem Moment Meeresbewohner wie jeder andere. Wichtig ist nur, dass ich, wenn ich bei den Haien, Rochen und Walen bin, es auf eine Weise mache, die möglichst wenig Schaden anrichtet. Vielleicht kann ich dabei auch die Vorteile des „Öko-Tourismus“ nach dem Vorbild der Bahamas oder Galapagosinseln ein Stück weit in die Welt tragen.
„Es ist die ultimative Pause, das Verharren zwischen Ein- und Ausatmen, ein Stillsein, wie es der Mensch sonst nicht kennt. Es ist das Anhalten der Welt, von dem wir alle manchmal träumen“, schreiben Sie in Ihrem Buch „In die Tiefe“.
Der Bergsteiger Hans Kammerlander hat mal auf die Frage, was er von der Bergen gelernt habe, geantwortet: „Demut, Demut, Demut.“ Mir geht es genauso. Egal ob Berge oder Meer, alles ist so viel größer als wir Menschen. Wir sollten der Schöpfung gegenüber demütig sein: gegenüber dem Meer, der Wüste, dem Leben und dem Licht.
Dem Licht?
Wenn die Leute mich fragen, was ich da unten gesehen habe, sage ich immer, dass ich das Licht der Tiefe in mir aufgenommen habe. Mit diesem Licht bin ich ein Teil des Ozeans, Teil dieser absolut faszinierenden und wunderschönen Welt. Ich finde das bis heute unglaublich. Ich hänge da an einem Seil, 100 Meter unterhalb der Wasseroberfläche – und unter mir geht es gefühlt noch endlos abwärts.
Ganz so tief war es nicht, als Sie Ihre ersten Tauchversuche im Pool Ihres Elternhauses in Icking gemacht haben.
Dafür war es viel gefährlicher als alles andere, was ich bisher gemacht habe.
Sie wollen mich veräppeln?
Mit acht Jahren bin ich stolze 38 Meter in unserem Schwimmbad getaucht. Voller Freude erzählte ich meinem Bruder, dass ich so lange unter Wasser war, bis es an den Rändern meines Gesichtsfeldes schwarz wurde. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Heute weiß ich, dass ich damals fast ohnmächtig geworden wäre, mich in absolute Lebensgefahr gebracht habe. Wäre ich bewusstlos geworden, hätte mich niemand retten können. Niemand war da, ich wäre einfach ertrunken.
Die Befürchtungen hatte Ihr Vater auch ein paar Jahre später bei einer Segelreise zu den Ionischen Inseln.
Ein Missgeschick meines Bruders. Er wollte nur das dreckige Spülwasser ins Meer kippen – und kippte unser komplettes Besteck über Bord. Der Versuch meines Vaters, das Besteck wieder vom Grund hochzuholen, missglückte mehrfach. Er bekam den Druckausgleich in den Ohren nicht hin. Also versuchte ich es. Ein paar Minuten später hatte ich alle Messer und Gabeln vom Meeresgrund hochgeholt.
Wie tief war es dort?
16 Meter. An dem Tag wurde mir klar, dass ich wohl ein Tauch-Talent besaß.
Die nächste Weltmeisterschaft steht im Herbst an. Machen Sie mit?
Ich habe 34 deutsche Rekorde geholt und noch einen gültigen Weltrekord in der Tasche. Die Gier, noch einen Titel zu sammeln, habe ich gerade nicht. Aus zwei Gründen: Zum einen macht Jennifer Wendland, eine Apnoetaucherin aus Essen, einen tollen Job. Zum anderen ging es mir noch nie darum, die Welt allein in Metern und Minuten zu erfassen. Mir geht es darum, die Magie besonderer Orte und Augenblicke festzuhalten – das steht gerade im Vordergrund. Pippi Langstrumpf war immer „Sachensucher“. Und ich will noch viele Sachen suchen.
Was haben Sie bereits alles dort unten gefunden?
Im Training sah mir in Sharm El Sheikh ein Weißspitzen-Hochseehai zu, im Ras-Mohammed-Nationalpark eskortierte mich eine Schildkröte, beim norwegischen Tromsø tauchte ich mit einer Orca-Gruppe. Als ein riesiges Orca-Männchen nur wenige Meter von mir entfernt war, spürte ich plötzlich ein mächtiges Brummen, ein Vibrieren.
Was war das?
Sein Echolot, mit dem er mich kleinen Menschen abtastete. Das rund 4000 Kilo schwere Tier umkreiste mich, beschloss dann, dass ich mit meinen 60 Kilo wohl keine allzu Gefahr für seine Familie war. Ich frage Sie: Wie soll man so ein Erlebnis erfassen?
Sie haben mit ihm geflirtet.
Es ist unmöglich, das in Worten auszudrücken. Nur in der Seele lassen sich solche Momente festhalten.
Wie trainieren Sie in Berlin?
Apnoetauchen ist der ultimative anaerobe Sport, schließlich sollen meine Muskeln möglichst wenig Sauerstoff verbrauchen. Das, was für Ausdauer-Sportler der Super-GAU ist, ist für mich ideal. Joggen und Radfahren, also alles, was mit Ausdauer zu tun hat, vermeide ich. Deswegen trainiere ich Intervalle und Sprints. Am liebsten gehe ich jedoch zum Crossfit. Das High-Intensity-Training ist top: schnell, kompromisslos und effektiv. Körperliche Fitness ist eine Voraussetzung, die man braucht, wenn man sich in neue, unbekannte Situationen begeben möchte, in denen man die Risiken nicht immer vorher ausschließen kann.
Wie lange wollen Sie das alles noch machen?
Ich mache so lange, wie es mir noch Spaß macht. Schließlich habe ich kein Ablaufdatum, ich bin doch kein Joghurt. Der Regisseur von „Titanic“ und „Avatar“, James Cameron, ist mal in einem U-Boot 10 000 Meter zur tiefsten Stelle des legendären Marianengrabens abgetaucht. Später wurde er gefragt, warum er dieses lebensbedrohliche Risiko eingegangen ist. Seine Antwort: „Weil es mein Herz mit Staunen erfüllt.“ Mein Herz staunt jeden Tag.
Zur Person
Anna von Boetticher
wurde 1970 in München geboren, studierte nach dem Abitur Literaturwissenschaft, arbeitete in einer Galerie in London und eröffnete einen Buchladen in Berlin. Mit 17 machte von Boetticher ihren ersten Tauchschein im Bodensee – der erste Schritt auf dem Weg zur Tauchlehrerin. 2007 belegte sie erstmals einen Apnoe-Kurs. Nach nur sechs Monaten im Sport brach sie die deutschen Tiefenrekorde und gewann erstmals Bronze bei einer WM. In den letzten Jahren hat sie über 30 deutsche Rekorde aufgestellt und bei vier Weltmeisterschaften dreimal Bronze geholt. Sie arbeitet auch in der Ausbildung von Marinetauchern.