Die Neue Studiobühne zelebriert im Baiersbronner Märchenpark eine gelungene Premiere ihres Stücks „Wie der Holländermichel geboren wurde“ rund um „Das Kalte Herz“.
Einen zauberhaften Theaterabend bereitete die Neue Studiobühne mit der Premiere ihres Stücks „Wie der Holländermichel geboren wurde“ am neuen Spielort. Das Stück wird noch jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag bis 27. Juli gegeben.
Die Entscheidung, zur Gartenschau mit dem Theaterspektakel in den Märchengarten zu ziehen, erwies sich als ein Glücksgriff. Dazu wurde die Theaterbühne geschickt in ein Tal eingepasst. Eine uralte Buche als „Schirmbaum“, eine nach Heu duftende Spielwiese, ein plätschernder Bach, herrliches Sommerwetter: Es passte einfach alles. Dazu ein ausverkauftes Haus, viele Interessierte konnten keinen Platz mehr finden.
Den neuen Spielort wussten in ihrer Begrüßung sowohl Julia Kotsch als Vorsitzende der Studiobühne als auch Bürgermeister Michael Ruf zu würdigen. „Genau so funktioniert Gemeinsinn“, beschrieb der Bürgermeister das Zusammenwirken der Theatertruppe bei der „Welturaufführung“.
Weit vom Original entfernt
Das Drehbuch schöpfte nach einer Idee von Johannes Smeets aus dem Hauff-Märchen vom „Kalten Herz“. Da dieses gerade in Baiersbronn nur zu gut bekannt ist, konnte sich der neue Regisseur Andreas Jendrusch in seiner Inszenierung guten Gewissens weit von der Idee und dem Original entfernen. Er entwarf ein sprudelnd lebendiges „Drumherum“ um das „Kalte Herz“ um das Jahr 1820.
In das knackig-pralle Dorfleben mit Saufgelage in der „Sonne“, morgendlichem Hahnen-Kikeriki und bewegenden Dialogen stolpert unschuldig und unglücklich mit großen Augen Märchenautor Wilhelm Hauff. Immer dabei, aber irgendwie nie anwesend ist das tänzelnde, als Landstreicher getarnte Glasmännle (Harald Schneider) in einer großartigen Rolle.
Geschickt bezieht Jendrusch in die folgende ebenso spritzigen wie tiefgründigen Dorfgeschichten die angrenzende Wiese mit ein. In wechselnden Bildern und Zeiten wird das harte Leben in schlimmen Notjahren lebhaft dargestellt, schälen sich allmählich die Charaktere des verspielten Kohlenmunkpeters, des geheimnisvollen Glasmännleins, des jähzornigen Holländermichels (Andreas Fuchs) und anderer Figuren des Märchens heraus. Die Brücke zur Jetztzeit schlagen mit moralisierenden Texten die Nachfahren Wilhelm Hauffs (Regine Müller und Ursula Fuchs).
Das alles garnieren herrliche Theater-Ideen und witzige Überraschungen, mitunter durchaus zeitkritisch. Da passiert auf der Bühne so viel, dass vor lauter Spielfreude die Gefahr droht, den Geschichtsfaden zu verlieren.
Überzeugende Darsteller
Die Schauspieltruppe meisterte ihre Aufgabe großartig, trotz allen Premierenfiebers, trotz der neuen Bühne. Das gilt für so erfahrene Mimen wie Otto Gaiser in seiner Doppelrolle, für Annette Hacker, überzeugend als verhärmte, ewig Teig knetende Wirtin, oder für den unverdrossen seine Plastikkühe streichelnden Sadik Varol.
Das gilt ebenso für die Neulinge Heidi Lube als Pfarrersfrau oder für die beiden Nachwuchstalente Romy Gaiser als Wirtstochter und Daniel Züfle als Wilhelm Hauff. Nicht weniger eindrucksvoll Gabriele Hartmann als Mutter des Sonnenwirts, Dagmar Buchter als Spielerin, Tom Falk als armer Schlucker, Patrizia Finkbeiner als krähende Bäuerin und schließlich Gisela Gretenkort in ihrer ganz besonderen Rolle.