Die Aufführung von „Jack the Ripper“ bei den Seelbacher Freilichtspielen hat Eindruck hinterlassen. Foto: Kiryakova

Die Aufführung im Klostergarten erhielt am Samstagabend viel Beifall. Vor allem auch von den schauspielerischen Leistungen war das Publikum sehr angetan.

Im Jahr 1888 treibt ein Mann im Armenviertel des East End in London sein Unwesen und mordet Frauen. Auf dieser „äußeren“ Geschichte baut Intendantin und Regisseurin Katja Thost-Hauser ihre Inszenierung der Aufführung von „Jack the Ripper“ auf. Die Handlung orientiert sich grob an den bekannten Fakten zu den Verbrechen, die dem berüchtigten Serienmörder zugeschrieben werden.

 

Doch statt spannende Ermittlungen oder gar eine Enthüllung der Täteridentität zu liefern, schlägt Thost-Hauser einen anderen Weg ein: Sie rückt die Opfer in den Mittelpunkt der Geschichte. Der Mythos um Jack the Ripper wird fast ausgeblendet, die Inszenierung lenkt den Blick auf die gesellschaftlichen und menschlichen Aspekten mit deutlichen Parallelen zur Gegenwart.

Insbesondere arme und alleinstehende Frauen hatten es in jener Zeit schwer und sahen sich häufig gezwungen, als Prostituierte zu überleben. Mit diesem Bild beginnt das Stück: Eine Tür fliegt auf, eine Frau wird hinausgeworfen. Mary Jane – eindringlich von Shania Bohy verkörpert – steht mit blauem Auge, zerzausten Haaren, schlechten Zähne und in ärmlicher Kleidung auf der Straße. Dort stößt sie mit Keely (Lia Franke) zusammen, die beiden geraten in eine Rauferei.

Währenddessen erwacht das Viertel zum Leben, Neuigkeiten machen die Runde – darunter auch die von einem Mord an einer Frau. Nach und nach treten weitere Figuren auf die Bühne: die Prostituierten Annie (Sigrid Schnurr), Sarah (Julia Emmerichs), Polly (Zoe Naomi Merz) und Long Liz (Melanie Weber), der Zeitungsjunge Harry (Greta Armbruster) samt seinen Helferinnen, der Zeitungsherausgeber O’Malley (Siegfried Wacker) mit seiner Tochter Marble (Marina Stulz) sowie der Polizeisergeant Blake (Samuel Faisst).

Es entsteht ein lebendiges Bild des East End – ein Mikrokosmos voller Not, Hoffnung und alltäglichem Überlebenskampf, bei dem auch der Witz nicht fehlen durfte – trotz oder gerade deswegen, weil es sonst zu erdrückend geworden wäre.

Die Schauspieler zeigen eindringliche Leistungen

Ergänzt wird das Ensemble durch die Vogelfrau (Gisela Griesbaum), die stets Unheil verkündet und so die Bedrohung und düstere Stimmung im Viertel verstärkt. Eine weitere Erscheinung ist Inspektor Abberline (Christian-Peter Hauser), der nicht wirklich alle Details wissen will – eine subtile Kritik an Unfähigkeit und Desinteresse der Polizei.

Mit der Figur der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett (Helene-Susanne Grohma) – eine historische Figur aus jener Zeit – erweitert die Regisseurin die Perspektive: Frauen organisierten sich und versuchten zunehmend ihre Stimmen gegen die der Männer zu erheben.

Foto: Kiryakova

Thost-Hauser verwebt in der Handlung gekonnt verschiedene Themen, die heute noch aktuell sind: Vorurteile gegen Arme, Ausländer und Juden, Missbrauch von Frauen, hungernde Kinder. Auch die Medien werden an den Pranger gestellt. O’Malley erscheint als ein Paradebeispiel für die auf Sensation gerichtete Berichterstattung: „Wenn dieser Mörder noch weitere aufschlitzt, kann ich mit Gold drucken“, sagt er und offenbart damit die Moral einer Presse, die aus Gewalt Profit schlägt – ein Umstand, der unübersehbare Parallelen zur heutigen Medienwelt aufzeigt.

Auch die Rolle der Medien wird kritisch hinterfragt

Bemerkenswert ist, dass die Hauptrollen fast ausschließlich von Darstellern aus Seelbach und Schuttertal besetzt wurden, die die Figuren souverän und eindrucksvoll verkörpern. Auch die Zeitungskinder tragen wesentlich zum Gelingen bei – allen voran Greta Armbruster als lebhafter Zeitungsjunge Harry.

Am Ende stirbt das Kind Hope – ob der Name „Hoffnung“ ein versteckter Hinweis ist, bleibt offen. Der Schluss setzt schließlich einen radikalen Schnitt: Die Szene spielt plötzlich in der Gegenwart, Touristen besuchen das ehemalige Armenviertel und hören sich die Geschichte von Jack the Ripper an – von seinen Opfern ist dabei kaum noch die Rede. Ein bitteres, hochaktuelles Statement über Erinnerungskultur und Sensationslust.

Insgesamt erzählt die Inszenierung den Mythos Jack the Ripper neu – nicht als Sensationsgeschichte, sondern als berührendes Stück über Menschen am Rande des Überlebens – atmosphärisch, sozialkritisch, eindrucksvoll. Ein bewegender Ansatz, getragen von der starken Leistung des ganzen Ensembles, das sichtlich Lust am Spiel hatte.

Weitere Aufführungen

Nach der Premiere am Samstag und einer weiteren Aufführung am Sonntag wird „Jack the Ripper“ noch vier Mal gespielt: Am Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag dieser Woche. Beginn ist jeweils um 18 Uhr auf der Bühne im Klostergarten. Infos und Tickets gibt es bei der Kultur- und Tourist-Info Seelbach oder im Web-Shop von Reservix. Auf der Klostergarten-Tribüne direkt vor der Bühne waren Stand Sonntag jeweils nur noch ganz wenige Tickets erhältlich, während auf der etwas seitlich angeordneten Sparkassen-Tribüne für alle noch folgenden Aufführungen jeweils noch ausreichend Karten verfügbar waren.