Mit der Eröffnung einer Ausstellung über die Medizin in der römischen Antike startete das Römische Freilichtmuseum in Stein in die neue Saison und in die Nach-Schollian-Ära.
In seiner „Liebeskunst“ („Ars Amatoria“) rät der römische Dichter Ovid den Frauen: „Wenn du schlechte Zähne hast, wird dir Schweigen zur Zierde.“ Statt lauthals zu lachen, möge frau lieber verhalten lächeln, um den Makel im Mund zu verbergen.
Der Ratschlag des Poeten illustriert, dass es in der Zeit um Christi Geburt im alten Rom zumindest mit der Zahnheilkunde noch nicht zum Besten stand. Man kannte zwar Zahnprothesen, Brücken und Techniken, die überwiegend von den Etruskern übernommen worden waren, ihr kosmetischer Effekt war aber der vermögenden Oberschicht vorbehalten.
Erstaunlich weit entwickelt
Mancherlei Defizite dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Medizin im römischen Reich erstaunlich weit entwickelt war. Insbesondere Militärärzte verfügten über präzise medizinische Instrumente, die ihnen schnelle und oft lebensrettende Operationen ermöglichten. Skalpelle mit Bronzegriff und Eisenklinge, Pinzetten, Zangen, Knochensägen, Sonden zur Untersuchung von Wunden, ja sogar Bohrer zur Schädelöffnung (Trepanation) hatte ein gut ausgestatteter Medicus in seinem Instrumentenkasten.
Nachbildungen solcher Geräte, die modernem Operationsbesteck gar nicht so unähnlich sind, zeigt die Ausstellung „Zwischen Göttern, Heilern und Skalpell“, die am Sonntagnachmittag zum Saisonstart im Römischen Freilichtmuseum in Stein eröffnet wurde und dort noch bis zum 2. November zu sehen ist. Die Replikate stammen aus der Sammlung des Urologen Dr. David Brix aus Bad Mergentheim, der als Mitglied des Verbandes der Limes-Ciceronen an der Verbreitung des einschlägigen Weltkulturerbes mitwirkt. Dem Publikum der Ausstellungseröffnung in Stein stellte er sich als „Mediziner, der Spaß an der Geschichte hat“ vor.
Eine Zäsur für das Museum
Die kleine, aber feine Ausstellung war die Attraktion am ersten Öffnungstag des Museums im neuen Jahr, an einem Tag, der eine große Zäsur in der Geschichte der Villa Rustica von Stein markierte. Denn es war der erste Saisonstart nach der 49-jährigen Ära unter dem Vorsitz von Gerd Schollian, dem Entdecker der römischen Hinterlassenschaften im Wald bei Stein.
Seine Nachfolgerin als Vorsitzende des Römer-Fördervereins, Iris Kappler, freute sich in ihrer Begrüßung, dass sich trotz des kalten Wetters etliche interessierte Gäste eingefunden hatten. Sie sprach selbst den vor Wochenfrist vollzogenen Wechsel an der Spitze des Römertums von Stein an und versprach: „Ich versuche nach Kräften, Gerd Schollians große Fußstapfen auszufüllen.“ Dabei, so Iris Kappler, baue sie ganz auf ihr Team, das mit ihr zusammen das Museum weiter wachsen lassen wolle. Und einstweilen ist der Vorgänger auch noch nicht weit weg. Schollian, frischgebackener Ehrenvorsitzender des Fördervereins, stand bei der Ausstellungseröffnung gleich neben ihr.
Frühe Ausformungen von Kathetern
Die Ausstellung, merkte Iris Kappler an, passe außerordentlich gut in die Gegend um Hechingen, die von der Medizintechnik geprägt ist. Ganz frühe Ausformungen von Kathetern, wie sie heute im Medical Valley Hechingen hergestellt werden, lassen sich auch in der Vitrine mit den antiken Instrumenten entdecken. Weil der Referent Urologe ist, sprach er darüber besonders gerne. Die ältesten überlieferten Katheter, so Brix, stammten aus Ägypten und waren aus Schilfrohr gefertigt. Die römischen Katheter waren aus Metall und wurden in die Harnröhre eingefügt.
Die Funktion? „Rauslaufen lassen.“ Brix berichtete, dass in der römischen Antike auch schon Harnblasensteine entfernt wurden. Obwohl die Überlebensrate bei solchen Operationen nur zwischen zehn und 20 Prozent gelegen habe, hätten sich Patienten darauf eingelassen. „Sie sagten sich: Lieber bei der OP sterben, als die Qualen zu ertragen, die diese Steine verursachen.“
Cäsar gewährt griechischen Ärzten Bürgerrecht
Aus Brix‘ Vortrag erfuhr das Publikum, dass es vornehmlich Julius Cäsar war, der der wissenschaftlichen Medizin im alten Rom eine Grundlage schuf, indem er griechischen Ärzten das Bürgerrecht verlieh. Fortan sei auch näher definiert worden, wer als „Medicus“, als Arzt oder Heiler, gelten durfte.
Cäsars Fokus aufs Militär habe dabei eine treibende Rolle gespielt. Für die Musterung seien klare Kriterien eingeführt worden: „Für Einäugige gab es keine Militärkarriere.“ Dank der damit einhergehenden Dokumentation sei heute auch bekannt, wie hoch der Krankenstand der römischen Armee war: „Zehn bis 20 Prozent – und das bei jungen, fitten Männern“, ließ Brix seine Zuhörer staunen und verkniff sich einen Seitenhieb zur Gegenwart nicht: „Heute sprechen wir bei einem Krankenstand von fünf Prozent vom Untergang des Abendlandes.“
90 erfolgreiche Operationen sind laut Brix aus der Antike überliefert, darunter auch Amputationen, Schädelöffnungen und Abszess-Chirurgie. Und die Anleitungen zur Geburtshilfe, die in einer Schrift aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert überliefert sind, blieben bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aktuell.
Götter brauchte es noch
Doch bei aller Fortschrittlichkeit, die der Referent der römischen Medizin attestierte, kam sie doch schnell an ihre Grenzen. „Deshalb brauchte es auch die Götter noch“, allen voran Apoll für die Männer und Diana für die Frauen. Religion und Medizin waren im alten Rom eng miteinander verbunden. Während der Medicus behandelte, wurde häufig zusätzlich zu den Göttern gebetet. Für die Menschen der Antike war das kein Widerspruch.
Für die Macher der Ausstellung in Stein ebenso wenig: Eine weitere Vitrine, aufgebaut im Tempelbezirk der Anlage, zeigt Nachbildungen von Votivgaben, die in Tempeln abgelegt wurden, um die Götter um Beistand bei Leiden zu bitten.
Und schließlich war am Sonntag eine weitere Heilkundige vor Ort: Simone Thoma, „Kräuterfrau“ aus Rangendingen, zeigte an ihrem Stand, wie die Römer Rosmarin, Salbei, Thymian, Fichtenharz, Lorbeer, Minze und andere natürliche Hausmittel einsetzten, um gesund zu bleiben – oder zu werden.