Die Badische Landesbühne gastierte bei der traditionellen Freilichtaufführung im Kurgarten mit der bitterbösen Satire „Reineke Fuchs“ nach Motiven von Johann Wolfgang von Goethe.
Die Voraussetzungen konnten kaum besser sein: ein lauer Sommerabend, der sich später abkühlte, ein gut gelauntes Publikum und ein Stück, das zweieinhalb Stunden munter zwischen Anspruch und Unterhaltung pendelte.
Goethes Satire auf politische Verhältnisse, zwielichtige Charaktere und offen zur Schau getragene Niedertracht führte den Besuchern vor Augen, wie Menschen gestrickt sind. Dass sich der Dichterfürst dabei der lehrhaften Fabel mit ihrem tierischen Personal bediente, unterstreicht die didaktische Absicht.
Regisseur Arne Tetzlaff gibt die Leitlinie vor: „Unser ‚Reineke Fuchs‘ soll die politischen und persönlichen Rivalitäten, die Welt auf offener Bühne betonen.“ Es gehe ihm „nicht um Belehrung, sondern die Lust an Kampf und Auseinandersetzung“.
Neun erfahrene Darsteller
Wenn die Badische Landesbühne mit der Goethe-Bearbeitung „Herrschaftsstrategien und Machtstrukturen“ bloßlegt, werden „Parallelen zur Gegenwart“ lebendig. Die Kunst der Inszenierung besteht darin, dass auf Missstände nicht mit der Moralkeule eingedroschen wird. Es ist weitaus wirkungsvoller, anstelle des Säbels das Florett einzusetzen.
Neun erfahrene Darsteller bot die Landesbühne für das Stück auf. Die Souveränität, mit der das begrenzte Personal die zahlreichen Rollen ausfüllte, war bewundernswert, auch vor dem Hintergrund, dass Goethes Hexameterepos ein hohes Maß an sprachlicher Disziplin erfordert.
Die Handlung kreist um die dreisten Machenschaften von Reineke Fuchs, der sich kapitaler Verbrechen gegen seine tierische Mitwelt schuldig gemacht hat und seine Ankläger vor König Nobel ein ums andere Mal vorführt. Der Löwe spielt den Herrscher, der angeblich alles im Griff hat und sich letztlich doch als schwächlicher Papiertiger erweist. Er ist den rhetorischen Finten des Schlaubergers, der im Handumdrehen die Wahrheit ins Gegenteil verkehrt, nicht gewachsen.
Kanzleramt statt Todesurteil
Reineke, herausragend verkörpert von Martin Behlert, beherrscht die Klaviatur des Psychologischen, spielt mit den Unzulänglichkeiten und Charaktereigenschaften seiner Mitgeschöpfe und schafft es, den Kopf aus der bereits angelegten Schlinge zu ziehen. Dass das Todesurteil gegen ihn am Ende in eine Belohnung mit dem Amt des Kanzlers umgewandelt wird, muss bei aller Empörung über solcherlei Machenschaften als eine genial umgesetzte Fähigkeit zur Manipulation betrachtet werden.
Wer mit wachen Augen und Ohren gesellschaftliche und politische Tagesereignisse wahrnimmt, kann ein Lied davon singen, denn häufig genug geht als Sieger vom Platz, wer Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit zum Lebensprinzip erhoben hat. Im Zweikampf zwischen Fuchs und Wolf wurde dies besonders deutlich.
Das Goethe’sche Intrigenspiel als – im positiven Sinne – Spektakel auf der Freilichtbühne wurde ferner belebt von Markus Hennes , Madeline Hartig, Elena Weber, Lukas Maria Redemann, Tobias Strobel, Cornelia Heilmann, Thilo Langer und Nadine Pape.
Das Bühnen- und Kostümbild im Stil der 1920er-Jahre hatte Stefan Weil entworfen. Letzteres zeigt anschaulich „die Gefolgschaft des Königs als eine dekadente Gesellschaft“. Das Publikum dankte mit langem Beifall für den anregenden Freilicht-Theaterabend.