In den 1980er Jahren lieferte sich der Freiburger Piratensender ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Dann wurde er legalisiert. Jetzt gibt es wieder Ärger mit der Staatsmacht.
Für ein normales Radio ist der frühe Morgen die Primetime. Da schalten die meisten Leute ein. Bei Radio Dreyeckland auf UKW 102,3 läuft eine Wiederholungssendung aus dem Nachtprogramm. Die Radiomacher schlafen noch oder sind mit der Fahrgemeinschaft zum Waldkindergarten dran. Dafür singt Rio Reiser mit den Scherben „Keine Macht für niemand“.
Es ist genau die Zeit, als es bei Fabian Kienert vor einem Jahr Sturm läutet. „Ich habe erst gedacht, das sind Einbrecher“, erinnert sich der Redakteur an jenen 17. Januar 2023. Doch es ist die Polizei, die ihm einen Durchsuchungsbeschluss präsentiert. Die Beamten nehmen den Computer mit. Anschließend geht es zum Sender. Der hat in einer alten Bleigießerei auf dem Freiburger Gretherareal seinen Sitz. Die Pacht kassiert das Mietshäuser-Syndikat, eine von ehemaligen Hausbesetzern gegründete Beteiligungsgesellschaft. Vor dem Theater, ein paar Straßen weiter, parken derweil 13 Polizeiautos, um das belastende Material abtransportieren zu können. Den einstigen Piratensender, Feindbild konservativer Politiker, umgibt plötzlich wieder der Geruch des Illegalen.
Sprachrohr der linksalternativen Szene
Von Beginn an versteht sich Radio Dreyeckland (RDL) als Gegenöffentlichkeit und sendet Dinge, die woanders nicht oder nicht so zu hören sind. Am 4. Juni 1977 geht das Sprachrohr der linksalternativen Szene als deutsch-französisches Gemeinschaftswerk zum ersten Mal auf Sendung. Die Antenne befindet sich auf einem Strommast der französischen Elektrizitätsgesellschaft EdF. Zwölf Minuten dauert das Programm, das im Zeichen des Kampfes gegen die Atomkraftwerke im elsässischen Fessenheim und im südbadischen Wyhl steht.
In Frankreich sieht man es locker. Bald wird der Sender legalisiert. In Deutschland ist das anders. Privatfunk ist damals noch verboten, und linker Privatfunk gilt für das CDU-geführte Stuttgarter Staatsministerium geradezu als Provokation. Die Polizei soll den Dazwischenfunkern das Handwerk legen. Es entwickelt sich ein Katz- und Maus-Spiel. Immer wieder können die Aktivisten mit ihrem backsteingroßen Sender entwischen – wohl auch, weil die örtliche Polizei in entscheidenden Situationen wegschaut. Es ist die Zeit, in der sich Deutschlands ältester Privatsender seinen legendären Ruf erwirbt.
Vor einem Jahr ist es wieder ein wenig wie damals: Die Staatsmacht hyperventiliert, das linke Radio gewinnt Sympathien. Denn eine Hausdurchsuchung bei einem Medienunternehmen ist kein Pappenstiel, sondern wird auch von den Etablierten der Zunft als Angriff auf die Pressefreiheit verstanden. Anlass ist eine kurze Nachricht, die Kienert für die Onlineseite von RDL ins Netz getippt hat. Es geht um die Einstellung der Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Verbot der Internetplattform Indymedia Linksunten, auf der sich teils linksextreme Antifagruppen vernetzt haben. Kienert hat die Meldung als Service mit einem Link zu einer frei zugänglichen Archivseite von Indymedia.Linksunten versehen. Die Staatsanwaltschaft konstruiert daraus die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Die Archivseite hat sie bis heute nicht gesperrt.
Ein Jahr später sind auch in Freiburg die Bauernproteste das beherrschende Thema. „Hallo, Hallo, Hallo“, begrüßt Moderator Keks die Zuhörer „am Computer und an den Empfangsgeräten“ zum Morgenradio mit Neuestem über „dies und das und jenes“. Die Sendung muss an diesem Tag später beginnen, denn auch Keks ist im Bauernstau hängen geblieben und sitzt nun „mit akademischer Verspätung“ in dem zum Studio umgebauten Kabuff. Weitere Bauernberichte gibt es an diesem Morgen nicht. Schließlich war am Wochenende die große Demo gegen das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) auf dem Rathausplatz. Wie viel Teilnehmer dort gezählt wurden, erfährt man nicht. Dafür gibt es im Verlauf der Sendung die Mitschnitte der Reden in schlechter Tonqualität und in voller Länge zu hören.
„Breit gefächert“ beim Inhalt und beim journalistischen Anspruch
„Wir sind sehr breit gefächert“, sagt Andreas Reimann. Der Geschäftsführer meint damit nicht nur die Inhalte, sondern auch den journalistischen Anspruch. Die einen belassen es bei einer Dokumentation, die anderen recherchieren mit Aufwand. So hat RDL durchaus talentierte Journalisten hervorgebracht. Der bekannteste ist Georg Restle, geboren in Esslingen und heute Moderator des WDR-Magazins „Monitor“ im Ersten. Im Gang auf einem Regal, das vom Boden bis zur Decke reicht, stehen Hunderte von Musikkassetten, auf denen die Sendungen von damals mitgeschnitten sind.
In Reimanns Chefbüro, das zugleich Technikzimmer ist, lagern Kartons, Computer, Aktenordner und gebrauchte Möbel, die teils noch auf ihren Einsatz warten. Radio Dreyeckland darf nämlich erweitern. „Hörfunk ist ja etwas anderes als Flugblätter vorlesen“, sagt Reimann. Doch für die Schulung neuer Mitstreiter müssen die Radiomacher sich bisher bei der Kita des Mietshäuser-Syndikats einquartieren. Jetzt kommt im Nachbartrakt ein Raum hinzu. „Ich hätte ja gerne mal neue Möbel gehabt“, sagt Reimann. Doch er wurde bei der Redaktionskonferenz überstimmt. Stattdessen wurden aus einer Kanzleiauflösung in Ulm Bürostühle, Tische und Schränke angekarrt.
Momentan stehen sie noch überall herum und müssen erst mal zur Seite geschoben werden, wenn Dave und Wolli ihre Sendung BarrierefreiFunk aufzeichnen. Seit die Rollifahrer mit von der Partie sind, hat Radio Dreyeckland eine Rampe und eine elektrische Eingangstür, finanziert von der Aktion Mensch. Diesmal haben sie eine Reportage aus Kirchzarten mitgebracht. Im Supermarkt Beckesepp testeten sie den dort auf Initiative des Sozialverbands VdK aufgestellten rollstuhlgerechten Einkaufswagen. „Er steht ein bisschen versteckt. Ein Hinweisschild wäre sinnvoll“, meint Wolli. Dann bugsieren sie den Wagen durch den Laden unter den hörbar bewundernden Blicken der übrigen Kunden. „Wie soll man es als Rollstuhlfahrer sonst machen?“, sagt ein Mann.
Seit 1990 ist Reimann bei RDL. Als junger Soziologiestudent machte er Programm für Kriegsdienstverweigerer. „Eine grauenhafte Sendung. Kurz vor Beginn hat man sich abgesprochen, wer welchen Absatz aus der Graswurzel vorliest“ – einem Magazin für Zivis. Doch Reimann gefiel es beim (werbe-)freien Radio, das damals seit zwei Jahren mit offizieller Lizenz sendete. Wenn es schon nicht kleinzukriegen ist, legalisieren wir es, lautete mittlerweile die weise Devise.
Inzwischen kümmert sich Reimann um die chronisch klammen Finanzen. Er zapft Stiftungen und staatliche Programme an und kann sich außerdem auf die Unterstützung der 1000 Mitglieder des Freundeskreises verlassen, die jährlich eine hohe fünfstellige Summe spenden. „Das garantiert uns unsere Unabhängigkeit“, sagt Reimann – und den journalistischen Mitarbeitern zumindest ein kleines Einkommen. Von der Landesmedienanstalt LfK gibt es zudem jährlich 160 000 Euro für die Sendetechnik. 0,1 Prozent der Rundfunkgebühren ist in Baden-Württemberg für die nicht kommerziellen Radiostationen reserviert.
Wer was zu sagen hat, darf auf Sendung
Wie viele einschalten, ist ungewiss. Alte Zählungen gehen von 30 000 Hörern im Monat aus. Manche Sendungen dürften kaum auf 100 kommen, andere wie die „Schwule Welle“ oder die Flüchtlingssendung „Our Voice“ erreichen eine große, wenn auch spezielle Fangemeinde. Wer etwas zu sagen hat, darf auf Sendung. Doch die Zahl der Gruppen ist kleiner geworden. „Viele sind ins Internet abgewandert“, sagt Reimann. Selbst die „Punks gegen Langeweile“, die zeitweise eine der kuriosesten Sendungen beisteuerten, sind verschwunden, wohin auch immer.
Treuer ist da Henning Lösch. Der 63-Jährige ist seit 33 Jahren alle 14 Tage mit „Laut und deutlich“ auf Sendung, ehrenamtlich versteht sich. Früher spielte der pensionierte Berufsschullehrer Punk, Underground, Indie, heute Avantgarde- und Experimentalmusik, die „ruhig mal ein bisschen wehtun darf“. Zu hören sind Elektrocello, Bassklarinette und modularer Synthesizersound. Und wenn ein Song „Baby“ heißt, schreit im Hintergrund auch ein Säugling den Beat. „In Musik hatte ich immer eine Fünf“, gesteht Lösch. Ob sich sein Musiklehrer beim Hören der Sendung bestätigt fühlen würde? Kenner schätzen die Sendung jedenfalls.
Derweil wartet Kienert auf seinen Prozess vor der Staatsschutzkammer des Karlsruher Landgerichts. Mitte April soll er beginnen. Dass die Richter keine große Lust haben, machten sie schon deutlich. Die Anklage wiesen sie zunächst zurück, die Durchsuchung erklärten sie für rechtswidrig. Auf Weisung des Oberlandesgerichts müssen sie nun doch verhandeln. Es dürfte kompliziert werden. Zumindest sind bis zu elf Verhandlungstermine geblockt.