Dem 58-jährigen Angeklagten werden die Entziehung Minderjähriger und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Foto: Patrick Seeger Foto: dpa

Landgericht verurteilt 58-Jährigen wegen schwerer Entziehung Minderjähriger und sexuellen Missbrauchs.

Freiburg - Das Freiburger Landgericht hat den 59 Jahre alten Bernhard H. aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen wegen sexuellen und schwerem sexuellen Kindesmissbrauchs in rund 100 Fällen, wegen schwerer Kindesentziehung und wegen der Verbreitung pornografischer Schriften zu einer Gesamtstrafe von sechs Jahren Haft verurteilt.

Bernhard H. war 2013 mit der damals 13 Jahre alten Maria H. aus Freiburg untergetaucht, nachdem er mit dem Mädchen zuvor eine sexuelle Beziehung über das Internet aufgebaut hatte. Zunächst hatte er sich als Jugendlicher ausgegeben, bald aber gab er sich als Erwachsener zu erkennen und schrieb Maria, dass er auch "verbotene Sachen" mit ihr anstellen wolle. Im Verlauf der Beziehung, die sich dann entwickelte, wurde der 40 Jahre ältere Mann gegenüber dem Mädchen verbal noch weitaus deutlicher. Und er schickte ihr Nacktfotos von sich mit erigiertem Penis. Bei den später folgenden heimlichen Treffen der beiden in einem billigen Hotel in Freiburg kam es schließlich zu Intimitäten und Sex. Erst als Maria und der Mann in Italien lebten und er Probleme mit einer Nierenerkrankung bekam, endete der sexuelle Missbrauch etwa zwei Jahre später.

Richter spricht von einem "absolut außergewöhnlichen Fall"

Die Flucht im Mai 2013 sei ein spontaner Entschluss gewesen, da Maria und der Mann gefürchtet hätten aufzufliegen, was einen Kontaktabbruch der beiden zur Folge gehabt hätte, sagte Richter Arne Wiemann in der Urteilsbegründung. "Wir haben es mit einem absolut außergewöhnlichen Fall zu tun", betonte Wiemann. 2012 war die Chat-Beziehung des Mannes zu dem Mädchen bereits einmal publik geworden. Es gab Ermittlungen und ein Kontaktverbot, das aber nach zwei Monaten von Maria gebrochen wurde. Bernhard H. besorgte ihr dann heimlich ein Handy, um mit ihr in Verbindung zu bleiben. Erst dann trafen sich die beiden.

Eine Sicherungsverwahrung, die Staatsanwältin Nikola Novak verlangt hatte, lehnte das Gericht ab, da der Angeklagte laut Gutachter kein pädophiler Hangtäter sei. Weitere ähnlich gelagerte Taten durch H. seien nicht zu erwarten, hieß es. Zwischen den sexuell motivierten Übergriffen auf seine Stieftochter und den Taten zulasten Marias lägen zudem 20 Jahre, in denen H. keine pädophile Neigung gezeigt habe. Es gebe somit keine "materielle Voraussetzung" dafür, den Mann für immer wegzusperren. Auch sei ein sexueller Übergriff gegen den Willen Marias nicht nachweisbar gewesen. Von diesem Vorwurf sprach das Gericht Bernhard H. frei.

H. hat das Mädchen laut Gericht abhängig gemacht

Vielmehr habe es durchaus eine wechselseitige "Fixierung" aufeinander und eine Art Symbiose zwischen der Jugendlichen und dem Mann gegeben, erläuterte Wiemann. Die These des Angeklagten, er habe Maria lediglich "begleitet und beschützt" lehnte das Gericht jedoch ab. Denn "der egoistisch und verantwortungslos handelnde, narzisstisch geprägte Mann" habe das Mädchen von sich abhängig gemacht, um sexuellen Zugriff zu bekommen. "Er gab sich zunächst als verständnisvoller Freund und wollte Marias Vertrauen, um sie von ihrer Mutter zu entfernen und eine sexuelle Beziehung beginnen zu können", sagte der Richter. "Bernhard H. war klar, dass man nur im Ausland dauerhaft untertauchen konnte", betonte Wiemann die Motivation für die Flucht der beiden im Mai 2013. Auf Umwegen über Osteuropa, zunächst mit dem Auto, dann mit Fahrrädern nach Sizilien reisend, habe das Paar zunächst mit Bettelei, später auch mit Arbeit seinen Unterhalt bestritten. Bernhard H. und Maria seien damit durchgekommen, sich als Vater und Tochter auszugeben. Der Angeklagte habe Maria somit isoliert, betteln geschickt und gezwungen, eine Lüge zu leben und damit riskiert, die Entwicklung der Jugendlichen massiv zu schädigen. Deshalb sei von Kindesentziehung im schweren Fall auszugehen, urteilte das Gericht. "Bernhard H. wollte an diesem Lebenszuschnitt festhalten." Ab 2018 habe Maria sich jedoch zunehmend innerlich abgenabelt, zumal sie nun auch fließend Italienisch gesprochen habe. Dann sei der Entschluss zur Rückkehr gereift, als sie im Netz entdeckt habe, dass ihre Mutter noch immer intensiv nach ihr sucht. Die These, Marias Mutter sei der Tochter gegenüber gewalttätig gewesen, habe sich nicht bestätigt, hieß es am Dienstag.

Staatsanwältin sieht durchaus pädophile Neigungen

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Sowohl Staatsanwältin Nikola Novak, die sieben Jahre und drei Monate Haft gefordert hatte, wie auch Verteidiger Stefan Althaus, der viereinhalb Jahre Haft für angemessen angesehen hätte, äußerten sich nach dem Urteil nicht sofort zu einer möglichen Revision. Novak ließ durchblicken, dass sie bei Bernhard H. durchaus pädophile Neigungen eher gegeben sah als das Gericht. Marias Mutter, der das Gericht ein Schmerzensgeld zusprach, über dessen Höhe in einem Zivilverfahren noch zu entscheiden sein wird, sprach von "einem angemessenen Urteil". Maria selbst äußerte sich nicht. Ihr sei es nicht um die Bestrafung des Mannes gegangen, hatte zuvor der Richter in der Urteilsbegründung betont. Noch immer habe die junge Frau ambivalente Gefühle gegenüber dem Mann. Auch dies sei Bernhard H. anzulasten, trage er doch die alleinige Schuld an dem, was vorgefallen sei. Sein "Geständnis, wenn auch ohne Reue" wertete Wiemann dennoch positiv für den nicht vorbestraften Angeklagten. Negativ schlugen unter anderem die hohe Zahl der Übergriffe durch den Mann und seine "egoistische Verantwortungslosigkeit" für das Gericht zu Buche. Bernhard H. folgte der Urteilsverkündung ohne große Regung. Lediglich als davon die Rede war, dass er Maria angeblich immer noch lieben würde, nickte er am Dienstag heftig mit dem Kopf.