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Freiburg/Staufen Missbrauchsprozess: Monate entsetzlicher Abgründe

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Christian L. auf dem Weg zur Urteilsverkündung: Beide erhalten hohe Haftstrafen. Foto: Seeger

Freiburg/Staufen - Richter Stefan Bürgelin lässt in seiner mehr als zwei Stunden langen Urteilsbegründung noch einmal in quälenden Details das Martyrium Revue passieren. Der Sohn von Michaela Berrin T. (48) hatte es über mehr als zwei Jahre bis in den vergangenen September hinein erdulden müssen. Durch seine Mutter und deren Freund Christian L. (39), die beide laut Gutachten in vollem Umfang schuldfähig sind. Von Fesselungen, Vergewaltigungen, Schlägen und Beleidigungen ist dabei die Rede. Zig Missbrauchs- und Vergewaltigungstaten zählt Bürgelin noch einmal auf.

Besonders erschütternd dabei: Die laut Beweislage schmerzhafteste Tat ist von der Mutter an dem kleinen Jungen begangen worden. Bei ihren Handlungen habe es ihr an "Werten und Gewissen" gefehlt, wirft der Richter Berrin T. vor, die eine Antwort nach dem "Warum" ihrer Vergehen schuldig geblieben ist. Nahezu alle für ein Missbrauchsopfer erschwerenden Begleiterscheinungen sind im Staufener Missbrauchsfall zutreffend gewesen, und die Mutter des Jungen sei in alles von Anfang an eingeweiht gewesen und habe mitgemacht.

Das Freiburger Landgericht verurteilt die beiden Hauptangeklagten im Staufener Missbrauchsfall zu zwölfeinhalb beziehungsweise zwölf Jahren Haft. Es sieht unter anderem als erwiesen an, dass die beiden geständigen Angeklagten den heute zehnjährigen Sohn von Berrin T. nicht nur selbst in zahlreichen Fällen missbraucht und vergewaltigt haben, sondern dass sie den Jungen auch für Geld im Darknet zum Missbrauch durch andere Täter angeboten und Kinderpornos der Taten erstellt und verbreitet hatten. Auch die Tatbestände der Körperverletzung, Zwangsprostitution und diverse weitere Straftaten sieht das Gericht als erwiesen an. Insgesamt sind im Zusammenhang mit dem Fall seit April acht Personen verurteilt worden.

Das Gericht verhängt für den einschlägig vorbestraften Pädophilen L. zudem eine anschließende Sicherungsverwahrung. Der Hilfsarbeiter aus dem Markgräflerland wird somit für sehr viele Jahre nicht mehr aus dem Gefängnis kommen. Er selbst besteht in seinem Schlusswort darauf, lange weggesperrt zu werden und hat durch seine Aussagen nach seiner Verhaftung an der Aufklärung der Fälle und der Verhaftung der Mittäter aktiv mitgewirkt.

Außerdem müssen T. und L. ihren beiden Opfern insgesamt 42 500 Euro Schmerzensgeld zahlen. 30 000 davon gehen an den Sohn von T., 12 500 an die Tochter einer früheren Freundin der Frau. Das mittlerweile sechs Jahre alte Mädchen hatte Berrin T. ihrem Freund einem Chat-Protokoll zufolge "zum Austoben" zur Verfügung gestellt, bevor sie ihn sich an ihrem eigenen Sohn vergehen ließ.

Die Mutter des bis heute verhaltensauffälligen Mädchens folgt dem Urteil gegen die beiden Angeklagten am Dienstag vom Platz der Nebenklage aus mit versteinertem Gesicht.

Martina Nägele, die Anwältin von Christian L., sagt gestern, dass sie zumindest aus Fristgründen Revision gegen das Urteil einlegen will, um mit ihrem Mandanten über den Verfahrensausgang zu sprechen. Berrin T. hingegen, die der Urteilsverkündung weitgehend regungslos folgt, während Christian L. Kaugummi kauend und ab und an grinsend dem Richter zuhört, lässt noch im Gerichtssaal über ihren Anwalt Matthias Wagner mitteilen, dass sie das Urteil akzeptieren werde. Ihre Verurteilung ist somit rechtskräftig, da auch Staatsanwältin Nikola Novak und Nebenklagevertreterin Katja Ravat im Fall der Frau keine Rechtsmittel einlegen werden.

Novak lässt zudem durchblicken, dass sie auch das Urteil gegen Christian L. akzeptieren und keine Revision einlegen werde: "Eine Revision würde mich wundern", meint die Staatsanwältin, die am Ende des Prozess-Marathons bilanziert, dass der gestrige Tag "gut für das Recht und gut für den Rechtsstaat" gewesen sei.

Mit Blick auf ein mögliches Versagen der Sozial- und Justizbehörden in dem Fall müsse man sehen, ob die derzeit noch anliegenden Strafanzeigen und Ermittlungen ein rechtswidriges Verhalten nachweisen können, erläutert Novak weiter: Der Staatsanwaltschaft liegen rund zehn Anzeigen vor, die es noch zu bearbeiten gilt.

In dem Fall waren unter anderem das Jugendamt im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald, das einem als zu vage empfundenen Missbrauchshinweis einer Lehrerin nicht nachgegangen war, das Familiengericht am Freiburger Amtsgericht, das Oberlandesgericht und ein beteiligter Psychotherapeut in die Kritik geraten, weil sie unter anderem Berrin T. auf den Leim gegangen waren, als diese vehement betonte, wie gut sie ihren Sohn vor L. schützen könne. Der Therapeut hatte dem Pädophilen auf dessen Wunsch hin und ohne Rücksprache mit seinem Auftraggeber, der Forensischen Ambulanz Baden (FAB), ein Unbedenklichkeitsattest ausgestellt. Die FAB hat auf Anfrage unserer Zeitung mitgeteilt, dass man den Therapeuten rausgeworfen habe, als sein Handeln ans Licht gekommen sei. "Ein solcher Verstoß darf und wird sich nicht wiederholen", verspricht eine Sprecherin. "Das grob rechtswidrige Verhalten unseres früheren Mitarbeiters hat uns nicht nur erschüttert, sondern wir bedauern die damit möglicherweise verbundenen Folgen zutiefst."

Eine Therapie des Kindes konnte bisher nicht begonnen werden

Mit dem Attest hatte Berrin T. vor Gericht erfolgreich argumentiert, dass L. nicht an Jungs sondern lediglich an Mädchen interessiert sei, weshalb für ihren Sohn keine Gefahr durch den Mann bestehe. Die Gerichte glaubten der Frau und schickten den Jungen aus der Obhut einer Pflegefamilie, die das Jugendamt zuvor angeordnet hatte, zurück zu seinen Peinigern. Noch heute leidet der Zehnjährige an den Folgen der Taten, über die er nicht mit Erwachsenen spricht. Eine Therapie des Kindes konnte bisher nicht begonnen werden.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen sind mittlerweile in Europa mindestens drei weitere Pädophile aus dem Darknet-Umfeld von L. verhaftet worden; die Suche nach einem Mann, der möglicherweise in einem Tötungsvideo zu erkennen ist, das L. gesehen haben will und der sich im Darknet "Payment4" nannte, geht indes weiter. Aus den Ermittlungen im Fall Staufen hätten sich Spuren auf weitere Fälle von schwerem Kindesmissbrauch ergeben, sagte der Chef der Freiburger Kriminalpolizei, Peter Egetemaier.

Mehr zu den Hintergründen und zum Prozess auf unserer Themenseite.

 
 
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