Bronze knapp verpasst: Annika Morgan im Slopestyle-Parcours. Foto: Imago/justpictures.ch

Egal ob auf Skiern oder dem Snowboard: In der Halfpipe, im Slopestyle und auf der Big-Air-Schanze geht das deutsche Olympia-Team erneut leer aus – dafür gibt es Gründe.

Manchmal wiederholt sich Geschichte. „Wir haben unser Ziel nicht erreicht“, sagte Andreas Scheid, der Sportdirektor von Snowboard Germany, „mit der Ausbeute können wir nicht zufrieden sein.“ Diese Sätze fielen 2022, nachdem die deutschen Snowboarder bei den Winterspielen in Peking ohne Medaille geblieben waren. Nun, vier Jahre später, positionierte sich Andreas Scheid wieder. Und seine Worte hörten sich ähnlich an. „Wir müssen nicht konkurrenzfähig bleiben“, erklärte er, nachdem sein Team auch in Livigno leer ausgegangen war, „wir müssen es erst einmal werden.“

 

Es war eine deutliche Aussage, aus welcher der Frust unschwer herauszuhören war. Drei bis vier Medaillen hatte der Verband als Ziel ausgegeben, er blieb weit hinter seinen Erwartungen zurück. Die Ski-Freestyler, die zum Deutschen Ski-Verband (DSV) gehören, haben in den Cross-Rennen an diesem Freitag und Samstag die Chance, die Bilanz aufzupolieren. Schon jetzt lässt sich aber sagen: Der deutsche Sport sieht in den jungen Olympia-Disziplinen ziemlich alt aus. Trotz Annika Morgan (24).

Annika Morgan: „Übelst blöd!“

Die Snowboarderin lag im Slopestyle-Wettbewerb auf Bronze-Kurs. Dann verdrängte die letzte Starterin Zoi Sadowski-Synnott (Neuseeland) sie noch vom Podest. „Ich habe so gut trainiert wie nie“, sagte Morgan, „am Ende war es einfach übelst blöd.“ Für sie selbst. Aber auch für das deutsche Team.

Superstar der Spiele: Eilee Gu. Foto: IMAGO/Xinhua

Innerhalb der Freestyle-Disziplinen gibt es durchaus Unterschiede. Im Cross (Ski und Snowboard) zählen die Deutschen zur Weltspitze, im Parallel-Riesenslalom (Snowboard) auch. Bei Olympia hatte hier jedes Scheitern seine eigene Geschichte. Bleiben die noch jüngeren Sportarten. Im Slopestyle, auf der Big-Air-Schanze, in der Halfpipe (jeweils Ski und Snowboard) sowie auf der Buckelpiste und der Aerials-Schanze (nur Ski) kam lediglich Annika Morgan in die Nähe einer Medaille. Sinnbildlich für die schwierige Situation steht Emma Weiß. Sie flog im Aerials-Finale auf Rang zwölf, was vor allem ihr eigener Verdienst war: Die Athletin aus Albstadt finanziert sich selbst, jede Saison kostet sie mindestens 70 000 Euro. Am Ende des Olympia-Winters wird sie ihre Ausgaben wohl nicht decken können.

Entwicklung verschlafen

Die fehlende Förderung hat mit einer Grundsatzentscheidung des deutschen Sports zu tun. Als es Ende der 90er-Jahre erstmals X-Games für Wintersportler gab, schaute man mit großer Skepsis auf das, was die jungen, hippen Athleten da trieben – und verschlief die Entwicklung komplett. Während sich Japaner, Chinesen, Australier oder Neuseeländer inspirieren ließen, setzten die Deutschen weiter auf Tradition. Sie betreiben immer noch drei Eiskanäle und bauen die vierte, durch einen Sturm beschädigte Bahn am Königssee wieder auf, eine Halfpipe aber gibt es nicht. Nun, da viele der X-Games-Disziplinen fester Bestandteil des olympischen Programms sind, ist der Rückstand kaum noch aufzuholen.

Denn eine Logik des deutschen Sports ist ja, genau die Sportarten noch mehr zu fördern, die erfolgreich sind. Die Snowboard- und Ski-Freestyler in der Halfpipe und auf den Schanzen gehören nicht in diese Kategorie. Man dürfe der Konkurrenz aus Ostasien, Ozeanien, den USA und Kanada „nicht ein ganzes Feld überlassen“, mahnte in Livigno zwar Hanns Michael Hölz, der Präsident von Snowboard Germany. Zugleich hatte er ein anschauliches Gegenbeispiel parat: Am Stützpunkt in Berchtesgaden gibt es seit Herbst 2024 die erste „Landing Bag“-Anlage in Deutschland, Freestyler können dort ganzjährig schneeunabhängig Tricksprünge üben und auf einem riesigen Luftkissen landen – für ein professionelles Training ist dies unabdingbar. „Doch allein in Japan gibt es 14 Landing Bags“, sagte Hölz, „und das seit Jahren.“ Dazu kommt die fehlende Aufmerksamkeit.

Die ARD-„Sportschau“ hat zuletzt auf ihrer Homepage einen interessanten Text über die Situation der Freestyler veröffentlicht – und, völlig überraschend, einen Aspekt komplett ausgespart. ARD und ZDF übertragen von November bis März unzählige Stunden Wintersport live, allerdings vornehmlich die traditionellen Disziplinen: Ski Alpin, Biathlon, Skispringen, Bob und Rodeln, Langlauf. Die jungen Sportarten tauchen höchstens mal als Lückenfüller auf. Sie haben keine Plattform, finden folglich kaum Sponsoren. Wenn es um weltweite Bekanntheit, Werbewert, Follower und Jahresverdienst (23 Millionen Euro) geht, dann ist Ski-Freesylerin Eileen Gu der größte Star dieser Spiele. In Deutschland? Kennt sie kaum jemand.

Das Ergebnis dieser Analyse: Ohne Vorbilder, ohne große Förderung, ohne Sichtbarkeit und ohne perfekte Trainingsbedingungen wird es im Freestyle in Deutschland nicht bergauf gehen. Und schon jetzt ist abzusehen, was Andreas Scheid nach den Winterspielen 2030 in Frankreich sagen wird.