An diesem Samstag muss der VfB Stuttgart bei Borussia Dortmund ran. Fredi Bobic spricht über das Duell seiner Ex-Clubs, das Debüt seines alten Bekannten Niko Kovac – und die Zukunft des VfB-Trainers.
Er spielte für den VfB Stuttgart und Borussia Dortmund – und arbeitete bei Eintracht Frankfurt mit dem neuen BVB-Coach Niko Kovac zusammen. Zeit für ein Gespräch mit Fredi Bobic vor dem Duell.
Herr Bobic, was steht auf dem Spiel, wenn Ihre beiden Ex-Clubs an diesem Samstag aufeinandertreffen?
Es ist ein Sechs-Punkte-Spiel. Der BVB steht in der Tabelle hintendran und hat den größeren Druck, er muss Champions League spielen. Für den VfB wäre es ein schönes Bonbon, Dortmund mit einem guten Ergebnis weiter hinter sich zu lassen und am Traum zu arbeiten, zum zweiten Mal nacheinander in die Königsklasse zu kommen. Und das Team hat die Qualitäten, um dem BVB richtig wehzutun – das haben die vergangenen Duelle ja gezeigt.
Bei Borussia gibt mit Niko Kovac Ihr alter Bekannter aus Frankfurter Zeiten am Samstag sein Trainerdebüt. Was trauen Sie ihm zu?
Dortmund hat einen Top-Vier-Kader – sie müssen nur ihre PS wieder auf die Straße bringen. Da bin ich bei Niko guter Dinge.
Warum?
Er kennt die Situationen, wenn du ein Team übernimmst, das gerade nicht vor Selbstvertrauen strotzt – das kann er ihm wieder einimpfen. Niko macht das über Geschlossenheit und Leidenschaft auf dem Platz, die er einfordert. Sein großes Plus: Er kommt nicht mit einer fixen Idee rein und sagt, man muss jetzt so oder so Fußball spielen. Er orientiert sich daran, was er zur Verfügung hat und bringt dann sehr schnell eine gute Struktur und Grundordnung rein. Das wird man schon am Samstag gegen den VfB sehen.
Dennoch: Jeder Trainer hat die berühmte Handschrift. Wie sieht die bei Niko Kovac aus?
Hohe Intensität, hohe Laufbereitschaft – und eine kompakte Defensive, die es versteht, schnell umzuschalten.
Wie ist als Verantwortlicher der Umgang mit ihm im Alltag?
Es kann auch mal krachen, man kann unterschiedlicher Meinung sein und sich mit ihm fetzen – aber immer in der Sache und in einem guten Ton, das habe ich bei Niko immer sehr geschätzt. Man geht dann raus aus dem Raum und spricht mit einer Stimme. Bei so einem Verhältnis kann dann jeder hinterher auch mal sagen: „Hey, da habe ich mich vorher vergaloppiert, das war nicht gut von mir.“ Es bleibt nie etwas hängen persönlich.
Dem Vernehmen nach blieb bei den Verantwortlichen in Dortmund zuletzt einiges hängen im persönlichen Umgang. Was läuft da schief?
Dass es im sportlichen Bereich des BVB auf verschiedenen Ebenen oft unterschiedliche Meinungen gab, ist bekannt. Es wurden Dinge nach außen gestreut, man hat die Uneinigkeit und die Eitelkeiten gespürt – das wissen sie beim BVB selbst auch. Womöglich wurde genau deshalb ja Sven Mislintat (Technischer Direktor, d. Red.) am Donnerstag entlassen. Ich denke, dass jetzt alle wissen, dass sie sich zusammenreißen müssen.
Was im Sinne von Niko Kovac wäre.
Ja, denn es bringt ja alles nichts – der Trainer ist am Ende das schwächste Glied, und man hat als Verein ein Problem. Denn die Spieler haben feine Antennen. Sie wissen: Wenn sich die Führungsebene nicht einig ist, dann habe ich immer ein Alibi, wenn es nicht läuft. Der sportliche Führungszirkel des BVB muss geschlossen hinter Niko stehen – und die Sache vor allem ohne Eitelkeiten, gemeinsam und mit einer Stimme angehen.
Nach Edin Terzic und Nuri Sahin, die aus dem eigenen Stall kamen, gibt es jetzt eine externe Trainerlösung. Die richtige Entscheidung?
Ja, das ist eine Haupterkenntnis, und das hat Lars Ricken ja jetzt auch betont. Jeder hat den Hang zur Romantik. Das ist menschlich, du willst ja deine Familie immer schützen. Aber im eigenen Haus siehst du manchmal nicht alles und verklärst die Dinge – weil du diese Romantik ja bewahren möchtest.
Spannen wir den Bogen zum VfB, den Gegner des BVB am Samstag – und damit zum Trainerkollegen von Niko Kovac. Wie nehmen Sie Sebastian Hoeneß‘ Wirken in Stuttgart wahr?
Es gibt aus VfB-Sicht nichts Schöneres als einen Trainer zu haben, der einen so guten Job macht und den du nicht hergeben willst. Ich wünsche es dem VfB sehr, dass es mit Sebastian Hoeneß noch lange weitergeht.
Aber?
Irgendwann wird der Abschied kommen. In Frankfurt hat Niko 2018 den DFB-Pokal geholt und ist dann zum FC Bayern gegangen, nach etwas weniger als zweieinhalb Jahren. Das ist der Lauf der Dinge bei den Trainern heutzutage. Die Zyklen bei einem Verein werden kürzer. Sie dauern vielleicht zwei, drei, maximal vier Jahre.
Auch bei Hoeneß und dem VfB?
Sebastian wird sich irgendwann womöglich eine Stufe höher sehen – weil er sich dafür qualifiziert hat durch herausragende Arbeit.
Die ihn für Topclubs interessant macht.
Genau. Viel wird kurzfristig davon abhängen, wie die Entwicklung der nächsten Wochen und Monate ist. Kommt der VfB ins Pokalfinale? Hat man wieder die Chance auf die Champions League? Und: Kann man den Großteil des Teams halten, oder muss man, auch aufgrund von Ausstiegsklauseln, womöglich wieder Neues aufbauen? Das sind die Fragen, die ihn interessieren. Nicht jetzt, sondern später, im Frühjahr, Richtung Sommer. Aber eines ist dabei klar.
Bitte.
Bevor du als Trainer den Verein wechseln willst und dafür deine Ausstiegsklausel ziehst, muss bei einem anderen Club erstmal Platz sein. Und so viel Platz ist da aktuell nicht auf dem Markt. Aber, und das ist das Fußballgeschäft: Wenn der April kommt, wird Bewegung reinkommen auf dem Trainermarkt, national wie international. Und sollte da was ins Rollen kommen, werden sich Topclubs bei Sebastian Hoeneß erkundigen. Weil er eben ein so guter Trainer ist. Wichtig für den VfB ist es, dass man auf einen möglichen Abgang und den Tag X vorbereitet sein wird mit möglichen Nachfolgern auf der Liste.
Dafür ist das Vorstandsteam um Alexander Wehrle und Fabian Wohlgemuth zuständig. Wie sehen Sie den VfB übergeordnet aufgestellt?
Man sollte sehr zufrieden damit sein, wie die Dinge gerade laufen. Allerdings: Man hat, das muss ich leider so sagen, beim VfB immer die Gabe, dass man die Dinge unheimlich schnell wieder über den Haufen wirft, wenn es mal nicht so läuft. Das größte Plus ist aber Kontinuität auf den Führungspositionen. Wenn du das Führungsteam um Alex Wehrle halten kannst, wird der VfB dauerhaft erfolgreich sein, davon bin ich überzeugt.
Erfolgreich sein – was heißt das?
Das bedeutet nicht, dass du immer in der Champions League spielst – sondern das Beste aus den jeweils vorhandenen Möglichkeiten herausholst. Du musst es also in der Erwartungshaltung auch mal akzeptieren, wenn du vielleicht mal nicht europäisch spielst oder mal nur in der Conference League. Genau dann muss man auch dankbar sein – in dem Wissen, wo man hergekommen ist, aus einer langen Talfahrt, im Wechsel zwischen erster und zweiter Liga.
Ist diese eher bescheidene Grundhaltung realistisch beim VfB?
Ich habe leise Bedenken, dass Egoismen schnell wieder wichtiger werden könnten als der Verein. Es gibt viele Menschen in den verschiedenen Gremien und drumherum, die – das zeigt leider die Vergangenheit – ausbrechen könnten und persönliche Eitelkeiten, auch was allgemeine Erwartungshaltungen angeht, über die Belange des Vereins stellen. Man muss das jetzt aber auch nicht herbeireden. Der VfB sollte den eingeschlagenen Weg mit dieser Führungsmannschaft also einfach kontinuierlich weitergehen.