Der Weltfrauentag bringt Bewegung auf den Bürgerturmplatz.
Nur wenige Tage vor dem Internationalen Frauentag machte eine Nachricht die Runde: Helene Fischer bekommt eine eigene Barbie. „Endlich“, sagen manche. Was hat das mit Feminismus zu tun? Eine mögliche Antwort gibt es an diesem Samstagvormittag in der Innenstadt von Albstadt.
Der Bürgerturmplatz in Ebingen: keine Barbie weit und breit. Dafür Kaffee, Infostände, Gitarrenmusik und ein überdimensioniertes Jenga-Spiel, das aussieht, als hätte jemand Gesellschaftspolitik in Holzklötze übersetzt. Mehr als 55 Organisationen beteiligen sich an der Veranstaltung oder unterstützen sie – von Parteien und Kirchen über Gewerkschaften bis hin zu zahlreichen sozialen Einrichtungen. Und nicht nur das Wetter strahlt, sondern auch die vielen Besucherinnen und Besucher. Im Laufe des Vormittags werden es knapp 400 Menschen in der Spitze sein.
Kurz vor 10 Uhr beginnt das Programm – musikalisch. Simone Alena und Gitarrist Benny sorgen mit akustischen und elektrischen Arrangements für den Auftakt. Es wird offiziell eröffnet – zunächst durch Estelle Koschnike-Nguewo, die Gleichstellungsbeauftragte des Zollernalbkreises und Gesamtkoordinatorin der Veranstaltung. Sie begrüßt die Besucherinnen und Besucher und erinnert daran, dass der Internationale Frauentag nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch zum Nachdenken sei.
Ein paar Meter weiter stehen zwei Männer in Bikerwesten. Arme verschränkt. Skeptischer Blick. Tattoo am Hals. Sie schauen auf das Geschehen, als hätten sie sich gerade in die falsche Veranstaltung verirrt. Gerade dadurch wird aber spürbar, wie sehr dieser Vormittag versucht, wichtige Themen mit einer gewissen Leichtigkeit auf den Platz zu bringen.
Für die Stadt spricht anschließend Stadträtin Evi Conzelmann, eine der beiden ehrenamtlichen Stellvertreterinnen des Oberbürgermeisters. Sie würdigt das Engagement der vielen Initiativen und betont die Bedeutung von Gleichberechtigung im Alltag. Dann gehört der Platz dem Turnerbund Tailfingen. Die Mädchen der Nachwuchsgruppe – die „Minis“, wie sie manchmal genannt werden. Mit „mini“ ist allerdings sicherlich nicht ihr Können gemeint.
Weiter mit dem Redebeitrag von Anke Traber von der Agentur für Arbeit. Sie spricht über Chancen und Herausforderungen für Frauen im Berufsleben. Noch heute gebe es deutliche Unterschiede: Nur rund 28 Prozent der Geschäftsführerstellen seien weiblich besetzt – obwohl Studien zeigen, dass gemischte Führungsteams Unternehmen nachweislich stärken. Hinzu komme der sogenannte Gender-Care-Gap, also die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Traber ermutigt dazu, Rollenbilder neu zu denken: Töchter sollten nicht nur „Papas kleiner Engel“, sondern ebenso „Mamas tapfere Kämpferinnen“ sein.
Frauen aus Verwaltung und Kultur
Nun kommen auch Vertreterinnen aus Verwaltung und Kultur zu Wort. Julia Brockmann, Museumsleiterin in Albstadt, erinnert daran, dass Frauen in der Geschichtsschreibung lange übersehen wurden. „Museen sind Orte, an denen Geschichte erzählt wird“, sagt sie. „Aber auch Orte, an denen wir überlegen sollten, wie wir Geschichte künftig bewerten und entwickeln wollen.“
Noch einmal der Turnerbund – diesmal gehört der Platz der Showtanzgruppe „Flying Feet“. Fast schon gewagt präsentieren sie eine Einlage, die normalerweise an der Fasnet aufgeführt wird. „Für mich ist Feminismus auch, dass ich mich so anziehen kann, wie ich möchte, und auch so tanzen kann“, sagt Melanie, eine der Tänzerinnen, Anfang 30, später.
Auch junge Stimmen melden sich zu Wort. Sofie von der Albstädter Initiative „History, Her Story, Our Fight“ erinnert daran, dass Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht sei. Besonders beim Thema Bezahlung gebe es weiterhin deutliche Unterschiede. „In Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt etwa 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer.“
Musik, Flyer und Jengaspiel
Musik erklingt, Gespräche entstehen. Flyer wechseln die Besitzer. Irgendwo klackern Jenga-Holzklötze. Auch die ökumenische psychologische Beratungsstelle ist da. Man redet, man freut sich, man ist beisammen und weiß: Wir sind uns hier in vielem einig. Der Weltfrauentag in Albstadt ist an diesem Vormittag also weniger Demonstration als Begegnung – und genau das scheint vielen zu gefallen. Immer wieder hört man das Wort Sichtbarkeit: in der Politik, im Berufsleben, aber auch in Kultur und Pop.
Früher war Barbie das Klischee. Heute ist sie plötzlich Teil der Debatte. Seit dem Film von Greta Gerwig mit Margot Robbie in der Hauptrolle hat sich das Rollenbild verändert. Helene Fischer muss sich also überlegen, welche Art von Barbie die ihre sein soll: die versteckte oder die gesehene. Eine Albstädter Barbie? Wäre sowas von sichtbar. „Mamas tapfere Kämpferin!“