Abseits des politisch korrekten internationalen Frauentages ist Gleichstellung im Alltag von Männern und Frauen noch in weiter Ferne, meint unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek.
Nun haben wir ihn also mal wieder abgehakt, den Weltfrauentag. Der scheint von Jahr zu Jahr mehr Aufmerksamkeit zu bekommen: Die Radiosender spielen den ganzen Tag Musik von Frauen, in den Medien werden unzählige Statements verbreitet, wie wichtig gleiche Bezahlung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Kampf gegen häusliche Gewalt sind, und überhaupt handelt es sich um einen politisch total korrekten Tag. Einmal im Jahr.
Baden-Württemberg: Peinlicher Spitzenreiter beim Gender Pay Gap
Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für uns Frauen eher rückwärts statt vorwärts geht. Im Zuge des allgemeinen Rechtsrucks in Deutschland nehmen auch Angriffe auf Politikerinnen massiv zu, Antifeminismus und Frauenverachtung sind Teil rechter Ideologien. Die MeToo-Debatte hat zwar unzählige Skandale aufgedeckt und Frauen ermutigt, Täter öffentlich anzuzeigen. Doch hat sie wirklich nachhaltig das Klima verändert? Die ARD-Doku „Gegen das Schweigen“ beweist, dass gewalttätige und sexuelle Übergriffe auf Frauen im Kulturbetrieb immer noch an der Tagesordnung sind. Die Opfer schweigen, um nicht ihren Job zu verlieren.
Auch beim Gender Pay Gap, der unterschiedlichen Bezahlung von Männern und Frauen, ist die Bilanz ernüchternd. Frauen verdienen im Schnitt 18 Prozent weniger als Männer. Peinlicher Spitzenreiter in Deutschland ist Baden-Württemberg, hier liegen wir bei 22 Prozent, gemessen am Bruttoarbeitslohn. Auffällig ist, dass die Differenz bei den Einkommen in den Bundesländern in Ostdeutschland viel kleiner ausfällt als bei uns. Kann es sein, dass im protestantisch-pietistischen Südwesten Denken und Mentalität noch immer unausgesprochen von einem Rollenbild geprägt sind, in dem die Frau die bessere Hausfrau und die bessere Kindesversorgerin ist als der Mann? Ein Mann allein mit Kinderwagen in der Stadtbahn, als Betreuer auf dem Spielplatz oder als Begleiter beim Kita-Ausflug ist noch immer exotisch. Sobald Kinder im Spiel sind, steckt die Frau beruflich zurück. Wenig hilfreich ist da unser schlechtes Betreuungssystem. Wenn die Stadt Stuttgart jetzt ihre Ganztagesplätze in Kitas um 30 Prozent herunterfährt, sind es garantiert nicht die Männer, die ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren.
Noch lange nicht alles erreicht
Der internationale Frauentag wurde 1911 von Clara Zetkin, der wohl berühmtesten Stuttgarterin, ins Leben gerufen. Sie kämpfte für das Wahlrecht und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Ob sie wohl damit zufrieden wäre, wie es mehr als hundert Jahre später in Deutschland und in der Welt aussieht, was Frauenrechte, gesellschaftliche Anerkennung, Bezahlung und Gleichstellung betrifft? Ich wünsche mir neben klaren politischen Weichenstellungen vor allem eines: im Gespräch über diese Fragen nicht ständig das Gefühl zu haben, mit mehr als berechtigten Forderungen zu nerven, weil doch schließlich alles längst erreicht ist.