Das Kloster Untermarchtal. Hier leben die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, die den Frauenschnitt in der Bevölkerung heben. Foto: Imago/Shotshop

In Baden-Württemberg nimmt die Zahl der weiblichen Einwohner stetig zu. Die Männer sind mittlerweile in der Unterzahl. Woran liegt das? Zumindest in einer Gemeinde gibt es dafür eine bemerkenswerte Erklärung.

Untermarchtal - Untermarchtal ist ein malerischer Ort am Fuß der Schwäbischen Alb. Ein Dorf, wie es viele in Baden-Württemberg gibt. Auf den ersten Blick zumindest. Und doch ist die Gemeinde besonders. Untermarchtal im Alb-Donau-Kreis ist der Ort unter den 1101 Gemeinden im Land mit dem höchsten Frauenanteil.

 

In Untermarchtal leben derzeit 513 Frauen und 333 Männer in friedvollem Einklang miteinander. Harmonie statt Zwist prägt die Ortschaft, denn die geballte Frauenpower geht vom Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul aus. Der Frauenanteil im Ort liegt bei stolzen 61 Prozent.

„Gleich zwei Besonderheiten machen unseren Alltag außergewöhnlich. Ein weiterer kleiner Orden hat im Kloster Untermarchtal seinen Alterssitz gewählt, und somit haben wir nicht nur den hohen Frauenanteil, sondern sind statistisch gesehen auch noch eine der ältesten Gemeinden“, sagt Untermarchtals Bürgermeister Bernhard Ritzler, der auch das vom Kloster geführte Altersheim „Wohnpark Maria Hilf“ der Ordensschwestern als Grund für die hohe Altersstruktur in seiner Gemeinde sieht.

Vor einigen Jahren war das Verhältnis anders

Auch im restlichen Land liegt der Frauenanteil größtenteils über dem der Männer. Dies macht eine Erhebung des Statistischen Landesamt deutlich. Ende Juni 2021 hatte Baden-Württemberg rund 11,11 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zahl der Männer im Südwesten um etwa 72 000 niedriger als die der Frauen. Der Männeranteil betrug damit 49,7 Prozent. Vor ein paar Jahren sah das noch anders aus.

Werner Brachat-Schwarz, Leiter des Referats Bevölkerungsstand und -bewegung im Statistischen Landesamt, sprach 2017 noch von einem Südwesten, der sich immer „männlicher“ entwickelt: „Es werden mehr Jungen als Mädchen geboren. In Baden-Württemberg wie auch in Deutschland stehen insgesamt 1000 Mädchengeburten rund 1050 Geburten von Jungen gegenüber.“ Das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter im Land wird jedoch nicht allein von der Geburtenrate bestimmt. Brachat-Schwarz kam zu dem Ergebnis, dass die Geschlechterproportionen von mehreren Faktoren abhängig sind. Biologische, ökonomische, soziale und private Umstände seien ebenso relevant.

Auch in Freiburg mehr Frauen

Im Stadtkreis Freiburg liegt der Frauenanteil bei 52,2 Prozent, in Heidelberg bei 52,0 Prozent, und in Baden-Baden bei 51,9 Prozent. Mehr Männer gibt es dagegen in Stadtkreisen wie Karlsruhe (Frauenanteil von 48,9 Prozent), gefolgt vom Stadtkreis Heilbronn, dem Alb-Donau- und dem Hohenlohekreis sowie dem Landkreis Biberach.

Damit ist klar, dass Untermarchtal heraussticht, da im Alb-Donau-Kreis sonst eher die Männer in der Mehrheit sind. „Dass wir eine Ausnahme sind ist gut so. Unsere Frauen und auch die Ordensschwestern leisten Großartiges“, betont Ritzler. Der Orden sei vor Ort Arbeitgeber von rund 250 Beschäftigten. Ohne das Kloster wäre von Untermarchtal im Kreis eben „nur von einer Durchschnittsgemeinde“ die Rede.

Dank des Kaufmanns Franz Josef Linder aus Rottweil, der Ende des 19. Jahrhunderts Gefallen an den hohen Schlossmauern in Untermarchtal und dem weiten Land dahinter fand, rückte die Befürchtung einer „Durchschnittgemeinde“ zu entsprechen, in weite Ferne. Er war es, der den Grundstein für das Kloster legte. 1886 erwarb Linder das mittelalterliche Schloss Untermarchtal und übergab es den Barmherzigen Schwestern. Von einem „Tag der Freude und des Segens“ sprach Ortspfarrer Leonhard Strahl.

Hohenstadt im Kreis Göppingen hat den höchsten Männeranteil

Diese Freude hat bis heute Bestand. Durch viele Projekte wie der Öffnung des Garten Eden der Schwestern seien Orte der Begegnung erschlossen worden, sagt Generaloberin Schwester Elisabeth Halbmann. Im Kloster und Heim Untermarchtal leben heute insgesamt 150 Schwestern.

Untermarchtal ist nicht die einzige Gemeinde im Land, die aus dem Muster der Landeserhebung fällt. In Hohenstadt (Landkreis Göppingen) leben mehr Männer als Frauen. Frauen haben im 927-Seelen-Ort einen Anteil von 38 Prozent. Viele Bauarbeiter sind wegen des Bahnprojekts Stuttgart – Ulm in der Kommune beheimatet. Die großen Unterschiede zwischen Untermarchtal und Hohenstadt seien auf das Kloster und die Bauarbeiten zurückzuführen, so Brachat-Schwarz. Bürgermeister Günter Riebort: „Tatsächlich haben wir hier keine Frauenmehrheit. Ich sehe, dass unsere Gemeinde nach dem Abzug der Gleisbauer im kommenden Jahr noch immer männerlastig geprägt sein wird.“

Laut einem Bahnsprecher sind derzeit 110 Arbeitskräfte, die meisten von ihnen Männer, beim Bau der neuen ICE-Strecke im Einsatz und leben in einer Containersiedlung am Ortschaftsrand. Trotz des Männerüberschusses, so der Bürgermeister, hätten die Frauen das Sagen: „Frauen sind einfach das stärkere Geschlecht. Da ist nichts dran zu machen.“