Beraterin Lisa W. ( aus Sicherheitsgründen wird auf die Benennung des ganzen Namens verzichtet) und Martina Sillmann (rechts) vom Vorstand der Frauenhilfe Foto: Monika Schwarz

Die Muster, nach denen Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, wiederholen sich – sagt Martina Sillmann von der Frauenhilfe. Warum sich kaum eine Frau direkt trennt.

Die Gewalt gegen Frauen ist laut Statistik des Bundeskriminalamts im vergangenen Jahr um sechs Prozent gestiegen. Manchmal kommen die Frauen mit Blessuren davon, mit dem sprichwörtlichen „blauen Auge“. Es gibt aber auch Fälle, in denen Opfer von häuslicher Gewalt schwer verletzt im Krankenhaus landen – oder schlimmstenfalls den Angriff nicht überleben.

 

Martina Sillmann, ehemalige Kriminalbeamtin und Vorstandsmitglied bei der Frauenhilfe Freudenstadt, hat auch solche Fälle während ihrer beruflichen Tätigkeit erlebt. Im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements bei der Frauenhilfe wurde sie davon bisher verschont. „Wir hatten hier schon schwer verletzte Frauen im Krankenhaus, und wir hatten schon schwer verletzte Frauen, die nicht einmal zum Arzt gegangen sind, aber ein Tötungsdelikt hatten wir Gott sei Dank noch nie“, betont Sillmann.

Sie kennt die sich wiederholenden Muster der Gewalt. Die ersten Übergriffe sind nach ihrer Erfahrung nicht physischer, sondern psychischer Natur. Der Übergang zu körperlicher Gewalt erfolgt dann oft nahtlos.

Bei Reue wird Gewalt oft entschuldigt

Fatal sei, dass Frauen die Gewalt der Männer oft – auch wegen der Kinder – entschuldigten, sobald der Mann Reue zeige. Was ihn aber nicht daran hindere, es wieder zu tun. Die Täter verstünden es zudem gut, die Ursachen für die Gewalt der Partnerin in die Schuhe zu schieben. Den Satz „Wenn du das nicht getan hättest, dann wäre ich nicht so explodiert“, hörten betroffene Frauen deshalb nicht selten. Für Kinder, die dieses Muster erlebten, sei das fatal. „Mädchen lernen, dass sie sich wegducken müssen, wenn es zu Krisen kommt, und Jungs lernen, dass sie ein Problem mit Gewalt lösen können“, erklärt Sillmann.

Die Frau entscheidet über den Weg

Kommt eine Frau nach einer Gewalterfahrung zur Frauenhilfe, dann werde – auf Wunsch anonym – erst einmal geklärt, welchen Weg sie überhaupt gehen möchte. Den Weg entscheide die Frau und nicht die Frauenhilfe.

Die allerwenigsten Frauen kommen nach dem ersten Übergriff, berichtet Sillmann. Im vergangenen Jahr sei das gerade einmal vorgekommen. Die allerwenigsten seien nach einer Gewalterfahrung bereit, sich sofort zu trennen. Statistisch braucht es dafür sechs oder sieben Anläufe, weiß Sillmann.

Sicherheitsplan wird erarbeitet

Gemeinsam mit den Frauen werde aber immer ein Sicherheitsplan erarbeitet, um eine Eskalation im Wiederholungsfall möglichst zu verhindern. Zunächst erfolge eine gemeinsame Einschätzung der Gefährdungssituation. Wolle die Frau bleiben und nicht in ein Frauenhaus oder zu Verwandten, bekomme sie Verhaltenstipps an die Hand.

Jede von Gewalt bedrohte Frau sollte beispielsweise dafür sorgen, dass sie im Ernstfall einen Schlüssel hat und die Wohnung verlassen kann. Auch das Handy und die wichtigsten Papiere sollten griffbereit sein. Wichtig sei, sofort die Polizei zu rufen, wenn es brenzlig werde. Zudem müsse die Frau versuchen, aus der Situation rauszukommen, sich notfalls einzuschließen und von dort aus die 110 zu wählen.

Wolle eine Frau sich trennen, werde gemeinsam mit ihr eine ganze Liste abgearbeitet, um die Trennung und das selbstständige Leben danach möglichst optimal vorzubereiten. Sillmann betont, dass sich jede Frau auch ohne akute Gefährdungssituation bei der Frauenhilfe melden könne. Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn könnten sich ebenfalls jederzeit melden und Rat holen, wenn sie etwas mitbekämen.

Es helfe den Frauen oftmals sehr, wenn sie von Dritten darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihre Situation alles andere als normal ist, betont auch Beraterin Lisa W. „Hier tauchen Frauen mit immenser Gewalterfahrung auf und merken schon gar nicht mehr, dass das nicht normal ist, weil es Gewohnheit geworden ist“, erklärt sie.

Präventionsarbeit hat mehrere Ansätze

Die Frauenhilfe
 arbeitet mit ihrem Präventionsprogramm bereits an Schulen. Dort wird den jungen Menschen vermittelt, wann Gewalt beginnt und wann Grenzen überschritten sind.

Über eine Kooperation
mit einem Therapeuten können sich auch Täter beraten lassen, wenn sie sich bei der Frauenhilfe melden. Optimal wäre, wenn beide kämen“, sagt Sillmann. Viele Männer betrachteten sich aber gar nicht als Täter – das sei das Problem.

Auch von Gewalt betroffene Männer
können sich melden. Sie machen etwa 20 Prozent aller Fälle aus. Das Angebot der Frauenhilfe ist kostenlos. Erreichbar ist die Frauenhilfe unter Telefon 07441/520 30 70