Für das neue Jahr wünschen sich die Frauen im Frauenhaus vor allem Normalität. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Bewohnerinnen hoffen auf gewaltfreie Zukunft. Gemischte Gefühle zwischen den Jahren.

Die Zeit "zwischen den Jahren" markiert den Übergang vom alten ins neue Jahr. Sie ist verbunden mit vielen Hoffnungen und Erwartungen. Was für Wünsche die Frauen für das neue Jahr hegen, erfahren Sie in unserem (SB+)Artikel.

 

Calw - Der erste Schritt in ein neues Leben beginnt mit einer Flucht: Fünf Frauen führte sie zuletzt ins Frauenhaus im Landkreis Calw. Von den 20 Plätzen, die es dort gibt, sind derzeit 19 belegt. Zu den Bewohnerinnen kommen 14 Kinder, die dort gerade übergangsweise daheim sind – nachdem sie ihr ursprüngliches Zuhause verlassen mussten. Oft leiden die Frauen sehr lange unter physischer und psychischer Gewalt, bis sie den Schritt wagen, ihrem Partner und dem alten Leben den Rücken zu kehren.

"Wir sind voll belegt, wir können gerade niemanden aufnehmen", berichtet Frauenhaus-Mitarbeiterin Franziska Maybach. Sie benutzt, wie ihre Kollegin Elena Fischer, einen Decknamen, wenn sie öffentlich von ihrer Arbeit berichtet. Erst am Wochenende habe es eine weitere Anfrage über die Polizei in Nagold nach einem Platz gegeben – die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen mussten die Betroffene an eine andere Einrichtung verweisen.

Corona erschwert die Arbeit und das gemeinsame Feiern

Selbst an Weihnachten kommen manche Familien also nicht zur Ruhe. Andere wiederum, erzählt Traumapädagogin Maybach, "gucken, dass sie diese Tage einigermaßen miteinander rumkriegen." Damit die Situation zumindest am Fest nicht eskaliert. Diese Sorge zumindest hatten die Frauen und Kinder, die Zuflucht im Landkreis Calw gefunden haben, nicht. Sie feierten zusammen Weihnachten, und hatten dafür gemeinsam einen Baum geschmückt. Viele erleben im Frauenhaus zum ersten Mal ein richtiges Fest. Die einen, weil sie einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Die anderen, weil der Partner oder Vater es immer verboten hatte. "Oder es war kein Geld für Geschenke da", sagt Franziska Maybach.

In diesem Jahr war das anders: Bei Spendenaktionen,etwa in der BW-Bank und der Drogerie "dm" in Calw, konnten Kunden Geschenke für die Frauen und Kinder kaufen (wir berichteten). Sie lagen an Weihnachten unterm Baum. "Die Frauen waren überwältigt von der Fülle", erzählt Maybach. "Da war die Rührung schon sehr groß." Ein Menü, das die Bürgerstiftung Calw und eine Spendenaktion der Facebook-Gruppe "Blaulichtnews Kreis Calw" möglich machte, kam noch dazu.

Was die gemeinsame Feier erschwerte, war die Corona-Pandemie: So musste das Büfett im Freien aufgebaut werden, essen konnten die Bewohnerinnen nur in kleinen Gruppen. Die Einschränkungen treffen das Frauenhaus auch sonst hart. Und Corona ist mit ein Grund, warum die Weihnachtstage nicht nur positiv waren.

Im Moment bleibt auch mal Zeit für längere Gespräche

Elena Fischer beschreibt die Stimmung der Frauen als "sehr gespalten". Viele sind froh, nun im Frauenhaus zu sein. "Auf der anderen Seite ist man schon wehmütig" – weit weg von der Familie, zumal wegen Corona nicht einmal kurze Treffen mit Verwandten oder Freunden möglich sind.

Auch die Zeit zwischen den Jahren bringt gemischte Gefühle mit sich. "Bei vielen Frauen kommen noch einmal der Schmerz hoch oder die Wut", sagt Fischer. "Wir merken schon, wie wichtig es ist, als Fachkräfte zwischen Weihnachten und Neujahr da zu sein." Die Sozialarbeiterin und -pädagogin versucht im Gespräch mit den Bewohnerinnen, deren Blick aufs nächste Jahr zu lenken und das, was es bringen kann.

Elena Fischer und Franziska Maybach sind oft zwischen den Jahren zusammen im Dienst. Sie mögen diese Tage, die in gewisser Weise etwas ruhiger sind als andere. Viele Behörden haben geschlossen, weshalb Anträge und andere bürokratische Dinge warten können. "Es bleibt wirklich mal Zeit, mit den Frauen längere Gespräche zu führen und die Stimmung aufzufangen", sagt Fischer.

Ihr Kollegin nutzt sie zudem, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten und so das Jahr auch in beruflicher Hinsicht abzuschließen. Doch 2020, geprägt von Corona, sei ein anstrengendes und hartes gewesen. "Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr alles weggeschafft bekomme."

Insofern wünschen sich die beiden das, auf was wohl die allermeisten hoffen: Normalität. Persönlich und für die Arbeit im Frauenhaus, die durch die Corona-Situation erschwert wird – etwa, weil neue Bewohnerinnen erst einmal in Quarantäne in eine Ferienwohnung müssen. Beratungsgespräche finden meist draußen statt, weil sie über Skype oder übers Telefon nur schwer zu führen sind.

Die Hoffnungen der Frauen für 2021 spiegeln ebenfalls die Erfahrungen in der Pandemie wider. "Sie haben schon alle gesagt: Hoffentlich geht es mit dem Kindergarten und der Schule weiter", berichtet Franziska Maybach. Seit 16. Dezember sind alle 14 Kinder zu Hause. Konzentrationsstörungen sind oftmals die Folge von Gewalterfahrungen: Den Nachwuchs im Frauenhaus trifft es deshalb besonders hart, wenn die Schulen geschlossen sind.

Darüber hinaus wünschen sich die Bewohnerinnen vor allem eines: "Den Start in eine gewaltfreie Zukunft", sagt Fischer. Das, ergänzt ihre Kollegin, sei aber ganz unabhängig von der Jahreszeit.