Markus Gaugisch bleibt bis 2028 Bundestrainer der deutschen Handballerinnen. Welche Bedingungen stellte er? Was sind seine Ziele? Was verspricht er sich vom Stützpunkt in Stuttgart?
Jürgen Frey
Markus Gaugisch hat bei der Handball-WM der Frauen mit seinem Team begeistert. Wie sieht der Bundestrainer den weiteren Weg des Nationalteams? An welchen Stellschrauben muss im Nachwuchsbereich gedreht werden? Der gebürtige Göppinger gibt Auskunft.
Herr Gaugisch, so gut wie alle Profi-Spielerinnen und -Spieler haben heutzutage einen Berater. Sie auch?
Nein, ich hatte noch nie einen. Ich habe schon als Spieler immer alles selbst gemacht.
Also haben Sie Ihre Gehaltserhöhung für den bis 2028 datierten neuen Vertrag selbst ausgehandelt?
(lacht) Das Finanzielle sollte bei einer solchen Entscheidung nie das Entscheidende sein. Schon bei meinem ersten Wechsel von der A-Jugend des TSV Heiningen zu den Männern von Frisch Auf Göppingen habe ich alles allein gemacht, nicht einmal meine Eltern waren dabei.
Ungewöhnlich.
Für mich nicht. Im Endeffekt geht es doch darum, dass ich für mich sprechen und einstehen kann und damit zufrieden bin. Dann brauch ich auch nicht links oder rechts zu schauen. Man bespricht bestimmte Dinge wie Laufzeit, Idee, Finanzielles. Und wenn das für mich Okay ist, dann passt das.
Wovon haben Sie Ihrer Vertragsverlängerung konkret abhängig gemacht?
Wir haben über spezielle Dinge gesprochen. Ich wollte, dass wir unbedingt mit unserem kompletten Trainerteam weiterarbeiten können. Das ist mir sehr wichtig. Mein Trainerteam zeichnet sich dadurch aus, dass nie Zufriedenheit ausbricht. Alle haben Bock. Alle wollen mehr. Wir sind ein eingespieltes Team. Das tut mir gut, und das spürt auch die Mannschaft. Wir haben so wenig Trainingszeit. Wenn ich mich da noch auf etwas Neues einstellen müsste, dann wird es schwierig.
Gab es mal eine Phase, in der sie zweifelten, dass es für Sie als Bundestrainer weitergeht?
Genau vor einem Jahr war ich schon unzufrieden. Nicht wegen der Ergebnisse, die nicht stimmten, sondern weil die Entwicklung nicht voran ging. Nach der abgelaufenen WM wäre ich deutlich zufriedener gewesen, auch wenn wir keine Medaille geholt hätten. Weil ich das Gefühl habe, dass die Entwicklung in der Mannschaft da ist.
Nach der Silbermedaille war von Abschiedsschwingungen zu lesen. Stand die Vertragsverlängerung in Frage?
Nein, gar nicht. Das war eine ganz harmlose, unspektakuläre Sache. Ich hatte mich schon lange vor der WM mit unserem Sportvorstand Ingo Meckes zusammengesetzt. Ich musste familiäre, schulische Dinge planen, damit wollte ich nicht erst nach der WM beginnen. Ich muss für mich ja überlegen, ob und wie ich meinen Alltag meistern kann.
Oder wollten Sie zusätzlich in Doppelfunktion eine Vereinsmannschaft trainieren, wie es Ihr Assistent Frederick Griesbach neuerdings als Co-Trainer von Zweitligist HC Oppenweiler/Backnang auch macht?
Für den Chef-Bundestrainer ist eine zusätzliche Aufgabe schwierig. Was nichts daran ändert, dass ich am liebsten jeden Tag mit meiner Mannschaft trainieren würde.
In anderen Nationen ist die Doppelfunktion keine Seltenheit.
Eine solche hatte ich ja zu meiner Zeit in Bietigheim. Daher weiß ich: Eine Champions-League-Mannschaft zu trainieren und das Nationalteam – das ist schon ein Brett. Wir sind mal aus Odense gekommen, ich bin in Großwallstadt ausgestiegen und habe am nächsten Tag den Lehrgang begonnen. Das ist super herausfordernd. Letztendlich gibt es für alle Konstellationen ein Pro und Contra.
Ihnen wird es also nicht langweilig?
Nein, alles okay. Wie gesagt: Ich würde gerne öfter in die Halle gehen, aber die Mädels haben ihre Verpflichtungen in den Vereinen. Da gibt es keine Chance, deutlich mehr zu machen. Das ist etwas schade. Nur als Beispiel: Ich habe während des WM-Turniers so gut geschlafen wie das ganze letzte halbe Jahr nicht. Weil ich den Tag über super viel Spaß hatte und der Kopf trotzdem gefordert war. Ich genieße das.
Kein Wunder, neben Platz zwei stimmte bei der WM ja auch die B-Note bei Ihrem Team.
Ja, das Handballspezifische hat klasse gepasst. Aber auch die Frische, der Mut, der Fokus, der Zusammenhalt im Team stimmte zu 100 Prozent. Die Mannschaft hat super funktioniert, konnte das auch in die breite Öffentlichkeit transportieren und war zudem ein Vorbild für die nächste Generation an Handballerinnen.
Welche weiteren Impulse braucht es nun für Ihr Team?
Trotz der Erfolge müssen wir im uns im Team fragen: Hat sich überhaupt etwas verändert? Wir haben bei diesem Turnier im Halbfinale Frankreich geschlagen und haben ein gutes Finale gespielt gegen Norwegen. Das sind die nackten Ergebnisse. Die Lücke nach vorne ist dadurch nicht sofort von Null auf Hundert geschlossen. Wir müssen hungrig bleiben. Was mich aber sehr positiv stimmt ist, dass wir eine gute Basis haben. Alle, die dabei waren, haben gespürt, welcher Weg zum Erfolg führt, sowohl was das Handballerische als auch das Teamspezifische betrifft.
Was erwarten Sie für den Frauenhandball insgesamt?
Die Begeisterung war groß. Sechs Millionen Menschen haben zugeschaut. Wenn davon welche hängen bleiben, die den Frauenhandball unterstützen, zum Beispiel als Sponsoren von Clubs, dann kann sich etwas entwickeln.
Mehr Ehrenamtlich zu gewinnen. . .
. . . wäre natürlich überragend, wird aber in der heutigen Zeit zunehmend schwieriger. Auch daher wäre es wichtig, dass der Beruf Trainer die richtige Anerkennung erfährt. Das Berufsbild Trainer ist in Deutschland noch nicht etabliert. Wenn ich außerhalb der Handballblase nach meinem Beruf gefragt werde und mich als Trainer bezeichne, werde ich meistens nach meinem Hauptberuf gefragt. Das zeigt auch die fehlende Anerkennung des Sports in unserer Gesellschaft.
Ist nicht auch ein Kernproblem die fehlenden Trainerqualität an der Basis, da es die Besseren in den männlichen Bereich zieht?
Schon mein Trainer Kurt Reusch sagte vor 30 Jahren, die besten Trainer müssen in den Jugendbereich. Dort wird alles entwickelt. Eine komplex gute Ausbildung in der Jugend ist eine Herausforderung. Wenn ich in den Leistungsbereich blicke, spielt für mich aber die Zusammensetzung der Trainingsgruppe eine entscheidende Rolle. Beim Talentförder-Wettbewerb Deutschland-Cup gibt es Landesverbände, da spielen die 14 Mädchen in zehn verschiedenen Vereinen. Die Verbände, die vorne stehen, wie zum Beispiel der Landesverband Sachsen, haben dagegen ein Team, das zentralisiert in Leipzig trainiert und spielt. Dort wird jeden Tag unter sehr guten Bedingungen trainiert. Um erfolgreich zu sein, muss sich jede Spielerin in jeder Aktion maximal beweisen. Daran wächst man.
Ist das nicht überall der Fall?
Wenn ich alleine gut bin in einem Verein, dann komme ich auch durch, wenn ich nicht alles perfekt mache. Oder bin immer noch die Beste, auch wenn ich kein Krafttraining mache. Das ist der Unterschied zu den Jungs in diesem Altersbereich. Dort ist die Zentralisierung weitaus ausgeprägter, und die Trainingsgruppen, die unter leistungssportlichen Gesichtspunkten trainieren, sind flächendeckend zu finden.
Müsste der DHB mehr Geld in die Hand nehmen, um die Qualität der Jugendtrainer zu fördern?
Ich denke, es gibt viele Möglichkeiten, sich als Trainer weiterbilden zu können. Man kann auch eigene Wege gehen, bei bekannten Trainern hospitieren, in Gespräche über Handball und Training eintreten, sich selbst weiterbilden. In DHB-Kreisen sprechen wir viel untereinander, machen Dinge transparent. Man schaut schon, dass man über Fortbildungen Dinge weitergeben kann.
Für die angesprochene Zentralisierung dürfte die geplante Einführung der Bundesstützpunkte für den weiblichen Bereich von 2027 an in Stuttgart wertvoll sein?
Total. Das ist ein wichtiger Baustein. Ich war im Sommer in Papendal (Anm.: Sportförderzentrum der Niederlande) und habe eine Woche mit den dort in der Akademie befindlichen Spielerinnen und Spielern trainieren dürfen. Die Bedingungen dort sind ein Traum. Du musst kein Spiel vorbereiten, du kannst dich auf individuelle Leistungsentwicklung konzentrieren. Die Spielerinnen sind von Montag bis Freitag da, trainieren Handball, machen Krafttraining, essen dort, fühlen diesen Spirit, ähnlich wie im Olympischen Dorf, das ist inspirierend. Am Wochenende spielen sie dann für ihren Verein. Professioneller kannst du dich nicht entwickeln.
Ihr Vertrag läuft bis 2028. Wie lautet Ihr Ziel?
Die Olympischen Spiele 2024 brachten einen unglaublichen Input. Ich wäre 2028 in Los Angeles unglaublich gerne nochmal dabei. Wir wollen unseren Weg weitergehen, unsere eigene Leistung so steigern, dass wir künftig öfter die Chance erhalten, in ein Halbfinale oder Finale zu kommen. Weil wir es einmal geschafft haben, heißt das nicht, dass wir da permanent dran sind. Da gibt es keine Garantie.
Ihr Sohn Kalle ist U-17-Weltmeister. Im hausinternen Ranking. . .
. . . liege ich hinten. In seinem Zimmer hängen deutlich mehr Medaillen, als ich gewonnen habe. Silber war aber ein ganz guter Anfang (lacht).
Was holen die DHB-Männer bei der EM?
Der Turnierbaum ist schwer. Ich danke aber, dass unsere Defensive für alle Teams schwer zu knacken ist. Ich drücke jedenfalls die Daumen, dass sie ihre Bestleistung bringen. Das ist die Voraussetzung für Erfolg.
Zur Person
Karriere
Markus Gaugisch wurde am 20. April 1974 in Göppingen geboren. Er spielte u.a. für Frisch Auf, den VfL Pfullingen und den TV Neuhausen/Erms, den er in der Bundesliga auch trainierte. Nach Trainertätigkeiten bei den Männerclubs TV Neuhausen/Erms und HBW Balingen/Weilstetten coachte er ab Mitte April 2022 die Frauen der SG BBM Bietigheim (später HB Ludwigsburg) und zusätzlich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Ab Juli 2023 nur noch das Nationalteam. Gaugisch hat einen Vertrag als Bundestrainer bis 2028.
Persönliches
Markus Gaugisch arbeitete als Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport. Er ist verheiratet mit Silke und hat zwei Kinder (Kalle und Ida). Die Familie wohnt in Nehren. jüf