Stille Rebellin: Die Afghanin Anjila Gulistani erkämpft sich ein Stück Freiheit. Foto: Lena Reiner

Seit mehr als einem Jahr haben die Taliban wieder die Macht in Afghanistan – mit dramatische Folgen für Frauen. Einige lehnen sich auf.

Die 16-jährige Hasina Sarwary hält wenig von der Verschleierungspflicht. Sie trägt eine weite Jeanshose und ein weites Shirt mit halblangen Ärmeln, dazu ein sehr, sehr loses Kopftuch. Es ist warm in diesem Raum mitten in Kabul, wegen eines der häufigen Stromausfälle funktioniert die Klimaanlage nicht. Sarwary zieht kurz ihr Kopftuch herunter, fächelt sich Luft zu, drapiert es neu. Warum legt sie es nicht ab? Als Antwort deutet sie auf den Stuhl des Übersetzers, der gleich kommen wird. „He is a boy.“ (Er ist ein Junge.) Mehr Worte braucht es nicht, um zu erklären, dass sie sich vor einem fremden Mann nicht unverschleiert zeigen darf. Die 16-jährige Hasina darf auch keine Schule mehr besuchen – weil sie eine Frau ist.

 

„Die Frau hat keine Rechte“

Sie lehnt sich auf ihre Weise gegen diese Drangsalierung auf, malt und gibt Zeichenunterricht. Ihre Bilder zeigen realistische Motive aus dem afghanischen Alltag: Mädchen mit hellblauen Kopftüchern, eine Frau mit Burka, eine Gasse voller gesichtsloser Menschen. Hasina Sarwary erklärt die Botschaft: „Die Mädchen gehen zur Schule, die Frau mit Burka entfernt sich von der Schule, sie hat keine Rechte.“ Eine weitere Zeichnung zeigt zwei Frauen, traditionell gekleidet mit Kopftuch, auf einem Balkon. Eine Frau liest der anderen vor. Das Bild soll eine Botschaft an die Welt senden: Frauen mit Hijab oder in afghanischer Kleidung lernen und sind gebildet. „Mit dem Bild kämpfe ich gegen Vorurteile“, sagt sie. Denn die würden Freundinnen von ihr im Ausland derzeit erleben, weil sie sich entsprechend kleideten. „Das Kopftuch sagt nicht, was im Kopf ist“, betont Hasina Sawary.

Afghanistan im Jahr zwei nach der Machtübernahme der Taliban. Selbst in der Hauptstadt Kabul, die als liberaler gilt als die Provinz, weil sie im Blick der Weltöffentlichkeit steht, sind Frauen aus der Öffentlichkeit fast verschwunden. Rasch steigen sie aus einem Taxi und eilen in ein Café oder ein Einkaufszentrum. Draußen auf der Straße sucht hat man sie vergebens. Ihre Gesichter in Werbebildern oder der Reklame der Beautysalons und Bekleidungsläden sind entweder abgerissen, übermalt oder durch stark vereinfachte symbolhafte Zeichnungen ersetzt worden. Auch wenn das sogenannte Hijab-Dekret die Gesichtsverschleierung nicht explizit fordert, wird es von den kontrollierenden Instanzen häufig so ausgelegt. Solche Zweideutigkeit erzeugt Angst, für irgendetwas bestraft zu werden, über das man nicht eindeutig Bescheid wissen kann. Im Alltag verfehlt das seine Wirkung nicht: Taxifahrer nehmen Frauen, die Gesicht zeigen, gar nicht erst mit. Ein stiller Protest ist dennoch weiterhin sichtbar: Gerade junge Frauen tragen Coronamasken – manche davon hübsch verziert – anstelle eines Gesichtsschleiers.

„Die Taliban haben gesagt, ich solle Landschaften malen“

Auch Hasina Sawary steht unter argwöhnischer Beobachtung der neuen islamischen Machthaber. Eigentlich, verrät sie, dürfte sie ihre Bilder gar nicht malen. „Die Taliban haben mir gesagt, ich solle Landschaften malen oder leblose Objekte“, erklärt sie. Die 16-Jährige würde jetzt eigentlich die zwölfte Klasse besuchen, die letzte im afghanischen Schulsystem. Danach folgt nur die Zulassungsprüfung zur Universität, das Pendant zum Abitur. Doch die aktuellen Gesetze verbieten Mädchen den Schulbesuch nach der sechsten Klasse. Entmutigen lassen mag sich Hasina, die zunächst Kunst und dann Ingenieurwesen studieren wollte, davon nicht. „Ich habe angefangen, Mädchen und Frauen Zeichnen beizubringen.“ Ihre Schülerinnen seien sieben bis vierzig Jahre alt, das Projekt wird von einem deutschen Träger finanziert: „Ich habe vor der Machtübernahme dort selbst an den Kursen teilgenommen. Als ich später wiederkam, hieß es, es gebe keine Lehrerinnen mehr.“ So begann sie, selbst zu unterrichten. Ihre Schülerinnen sind Mädchen und junge Frauen, die eigentlich die Schule besuchen würden wie sie – wäre es nicht verboten.

An explodierende Bomben sind die Frauen gewöhnt

Hasina gibt ihren Träumen eines zukünftigen Afghanistans künstlerische Gestalt: Sie malt ein Land mit Reise-, Rede- und Kleidungsfreiheit. Sicherheit scheint da zweitrangig zu sein. Sie sei an die Explosionen von Bomben und an Schießereien gewöhnt. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt sie. Wann immer sie zu nah am Fenster sitze, fange ihr Vater an zu schimpfen. „Willst du dich etwa umbringen?“ Auch vor der Machtübernahme sei es nicht sicher gewesen, sagt sie. Und heute? „Selbst wenn es jetzt etwas Stabilität geben sollte, dürfen wir unsere Bildungsrechte dafür nicht hergeben.“ Sie hofft, internationaler Druck werde die Taliban zu einem Kurswechsel zwingen.

Auch Anjila Gulistani kämpft gegen Verbote an. Die 23-jährige Afghanin hat eigentlich Journalismus studiert, im letzten Jahr graduiert und wollte dann ihre Medienkarriere beginnen. Die Machtübernahme der Taliban hat sie allerdings daran gehindert, ihren Traum zu verwirklichen. „Ich habe gesehen, welche Regeln Medien und vor allem Journalistinnen auferlegt bekamen, welche Vorschriften gemacht wurden. So könnte ich nicht arbeiten“, erklärt sie. An der Universität gab es nicht nur Geschlechtertrennung und Verschleierungsgebot. „Uns wurde verboten, Fotos zu machen. Wurde jemand entdeckt, der mit dem Handy Aufnahmen macht, wurde es ihm weggenommen und zerbrochen.“

Die Bilder sollen zum Nachdenken anregen

Auch sie wollte freier arbeiten und entdeckte die Malerei für sich. „Als die Taliban gekommen sind, ist alles zusammengebrochen“, sagt sie. Ihre Bilder sollen den Menschen in ihrem Land, vor allem Mädchen und Frauen, Hoffnung und Energie geben, zeigen, dass unter der Verschleierung immer noch Menschen sind, dieselben Menschen mit denselben Gedanken. „Gut, wir bedecken uns jetzt, weil wir das tun müssen, aber davon verschwinden nicht unsere Gedanken oder Fähigkeiten, die Verschleierung ändert nicht unser Denken.“ Anjila Gulistani hofft, dass ihre Bilder zum Nachdenken anregen, den einen Mut geben und den anderen – jenen außerhalb Afghanistans – zeigen, wovon Frauen und Mädchen in ihrem Land träumen. „Auch wir wollen atmen, wir wollen frei sein, selbstbestimmt leben.“ Hoffnung als Lebenselixier. „Ich kann vielleicht nichts im Großen verändern, aber im Kleinen, davon bin ich überzeugt.“ Und sei es nur, einen einzigen Menschen in dem geschundenen Land zum Umdenken zu bewegen.

AnjilaGulistani war lange nur eine Beobachterin der Zustände in ihrem Land. Jetzt hat sie ihre Rolle gewechselt. Wachgerüttelt durch die Machtübernahme der Taliban, die immer neuen Regeln, die Unterjochung der Frauen. Doch sie muss vorsichtig sein. Die Texte und Hashtags unter ihren Instagram-Beiträgen verraten nichts von den politischen Inhalten ihrer Bilder. Das wäre gefährlich, da sie mit ihren Motiven ohnehin schon die Regeln der Machthaber verletzt und nicht noch mehr Unmut auf sich lenken möchte. Doch sie ist sich sicher: „Frauen verstehen die Bilder und ihre Botschaft.“